Rad-WM 2024 - Jens Voigt exklusiv zum Straßenrennen der Männer: "Mathieu van der Poel ist mein Titelfavorit"

Der Höhepunkt der Rad-WM in Zürich steht an: Das Straßenrennen der Männer (ab 10:30 Uhr im Livestream auf discovery+). 274 Kilometer und 4470 Höhenmeter stehen auf dem Programm - nichts für schwache Beine. Das Rennen wird "sehr schwer - und sehr lang", prognostiziert Jens Voigt im Exklusiv-Interview. Die Favoritenrollen sieht der Eurosport-Experte klar verteilt, aber mit unerwartetem Sieger.

WM-Strecke unter der Lupe: So schwer ist der Kurs um Zürich

Quelle: Eurosport

Wie schwer wird das WM-Straßenrennen der Männer mit seinen 273,9 Kilometern und 4470 Höhenmetern?
Jens Voigt: Sehr schwer - und sehr lang! Ich gehe davon aus, dass sehr früh attackiert werden wird, der Schlagabtausch wird zeitig beginnen. Das haben wir schon des Öfteren bei ähnlichen Streckenprofilen erlebt, zuletzt beim olympischen Straßenrennen. Einen Glückssieger wird es nicht geben, da kann sich keiner durchmogeln.
Kann sich Mathieu van der Poel aufgrund des Profils überhaupt Hoffnungen auf die Titelverteidigung machen?
Voigt: Mathieu hat noch einmal abgenommen, sieht viel dünner, viel schlanker aus. Ihm fehlt dadurch ein bisschen der Punch, der ihn früher ausgemacht hat. Aber: Er ist zäh und war bei der Luxemburg-Rundfahrt in sehr guter Form. Er hat für mich eine reale Chance, seinen WM-Titel zu verteidigen, weil er sich speziell darauf vorbereitet hat. Mathieu ist sogar mein persönlicher Titelfavorit.
Remco Evenepoel hat im Einzelzeitfahren einmal mehr seine Klasse bewiesen und kann es auch auf kurvigem, welligem Terrain. Besitzt er die nötige Spritzigkeit, um die vielen kürzeren Anstiege wegzustecken und Tadej Pogacar in Schach zu halten?
Voigt: Keine Frage, auch Remco ist in sehr guter Form. Von vier großen Titeln hat er in diesem Jahr drei gewonnen: Doppel-Gold bei Olympia und das WM-Zeitfahren. Zudem war er schon Weltmeister auf der Straße - er weiß also, wie es geht. Eintagesrennen sind kein Problem für ihn, er hat Lüttich-Bastogne-Lüttich schon zweimal gewonnen. Remco ist selbstbewusst und motiviert bis in die Haarspitzen. Was aus meiner Sicht zusätzlich für ihn spricht: Wout van Aert ist nicht dabei, es gibt bei Belgien folglich keinen Co-Kapitän, sondern nur Helfer für Remco.
Ein reiner Kletter-Parcours ist die Strecke in Zürich aber auch nicht - zumindest nicht, was die Länge der Anstiege angeht. Auf welche Fähigkeiten wird es deiner Meinung nach besonders ankommen?
Voigt: Ob Kletter-, Eintages-Spezialisten oder Ausreißer - all diese Fahrer können auf dieser Strecke gut aussehen. Es wird davon abhängen, wie früh begonnen wird, hohes Tempo zu fahren. Dagegen ist der Kurs aus meiner Sicht gar nichts für Sprinter, weil er einfach zu lang und zu schwer ist. Bei aller Qualität, die Mads Pedersen oder Biniam Girmay haben - das Rennen ist zu schwer für sie. Pedersens Aufgabe wird sein, Mattias Skjelmose zu unterstützen, dass der vielleicht aufs Podium fahren kann.
Das ist für mich klar wie Kloßbrühe: Ich erwarte Tadej Pogacar, Remco Evenepoel und Mathieu van der Poel auf den ersten drei Plätzen
Wir brauchen Namen: Welche drei Fahrer sind für dich die Favoriten?
Voigt: Das ist für mich klar wie Kloßbrühe: Ich erwarte Tadej Pogacar, Remco Evenepoel und Mathieu van der Poel auf den ersten drei Plätzen - ich weiß nur nicht, in welcher Reihenfolge. Alle drei haben berechtigte Ansprüche zu sagen: Ja, ich will, ich kann und ich werde gewinnen. Wenn ich mich auf den Sieger festlegen müsste, würde ich van der Poel wählen.
Wie hoch schätzt du die Chance auf einen Außenseitersieg ein?
Voigt: Tatsächlich gleich null. Die Favoriten haben alle sehr starke Fahrer um sich herum: Die Slowenen mit Primoz Roglic unterstützen Pogacar. Auch die Belgier und die Niederländer haben starke Mannschaften. Die einzige Überraschung, die ich mir vorstellen könnte, wäre Marc Hirschi, der zuletzt in sehr guter Form war und vor heimischem Publikum extra motiviert sein dürfte. Vielleicht kann auch Julian Alaphilippe ein Störfeuer entfachen. Zudem traue ich den Kolumbianern und den Ecuadorianern zu, vorne reinzufahren, wenn sie sich klug verhalten. Sie haben nicht die Menge an Fahrern, aber einige von sehr hoher Qualität.
Mit Marco Brenner, Florian Lipowitz, Simon Geschke, Georg Steinhauser, Maximilian Schachmann und Georg Zimmermann sind sechs deutsche Fahrer am Start. Wem räumst du die besten Chancen ein?
Voigt: Die Deutschen sind alle sehr solide, aber wir haben keinen dabei, der sich wie Pogacar oder Evenepoel von seinen Helfern bis 30 Kilometer vor das Ziel bringen lässt und dann sagt: Danke, den Rest mache ich alleine. Ich würde den deutschen Fahrern empfehlen, offensiv zu fahren, in die Führungsgruppen zu gehen. Wenn dann irgendwann die Favoriten attackieren, könnten sie versuchen, mitzufahren. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie mit den Besten mithalten können. Eine Top-Ten-Platzierung wäre ein tolles Ergebnis für einen deutschen Fahrer.
Primoz Roglic kommt der Kurs auch entgegen. Siehst du ihn als Edelhelfer für Pogacar oder wird er seine eigene Chance suchen?
Voigt: Dagegen sprechen zwei Gründe: Roglic hat mit Pogacar einen der Goldfavoriten in der Mannschaft und er ist aktuell auch nicht in Topform. Nach den beiden Stürzen bei der Tour de France hat er den Fokus voll auf die Vuelta gerichtet und war dort ja sehr erfolgreich. Die Vuelta war sein Saisonhöhepunkt. Primoz ist nach einer langen Saison einfach jetzt müde. Da er aus meiner Sicht keine Chance hat, aufs Podium zu fahren, wird er sich unterordnen und für seinen Kapitän fahren - auch wenn Roglic und Pogacar nicht die besten Freunde sind, die sich gegenseitig zum Grillen einladen.

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Quelle: Eurosport



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