Eurosport
Alpin-Stars um Lara Gut-Behrami schlagen nach schweren Stürzen Alarm - der Teufel liegt im Detail
Von
Publiziert 29/01/2024 um 13:52 GMT+1 Uhr
Der Weltcup von Cortina d'Ampezzo hat für einen traurigen Höhepunkt in der Saison gesorgt. Die Olimpia delle Tofane forderte zwischen Freitag und Sonntag zahlreiche Sturzopfer, darunter auch Superstars wie Mikaela Shiffrin oder Corinne Suter. Die Geschehnisse sind kein Einzelfall, sondern eine stete Entwicklung der vergangenen Jahre - welche Topstars wie Lara Gut-Behrami nun Alarm schlagen lässt.
Böser Crash in der Abfahrt! Shiffrin humpelt verletzt von der Piste
Quelle: Eurosport
12, 10, 13 - ausnahmsweise beziehen sich diese Zahlen nicht auf die Anzahl der Saisonsiege von Mikaela Shiffrin (USA) oder Marco Odermatt (Schweiz). Vielmehr stellen sie die Ausfälle beim Chaos-Weltcup-Wochenende von Cortina d'Ampezzo dar und verkörpern ein grundlegendes Problem im Ski Alpin, welches zurzeit besorgniserregende Ausmaße annimmt.
"Für mich ist es nach wie vor ein großes Fragezeichen, warum so viele Stürze passiert sind", konnte sich Mirjam Puchner, die in beiden Abfahrten und im Super-G von Cortina jeweils in den Top 10 landete, keinen Reim auf die Sturz-Orgien in Venetien machen. Insgesamt 35 Ausfälle in drei Rennen sind letzten Endes einfach zu viel. Doch Puchner ist nicht die einzige, die über das traurige Phänomen im Weltcup rätselt.
"Die FIS muss genau analysieren, was alles falsch lief. So viele Verletzte - das kann es nicht sein, das sollte nicht passieren", pflichtete die Schweizerin Michelle Gisin, deren Crash vergleichsweise glimpflich verlief, im Interview mit der heimatlichen Tageszeitung "Blick" der Österreicherin bei.
Ob die beiden Eidgenössinnen Corinne Suter und Joana Hählen (beide Kreuzbandriss) oder Mikaela Shiffrin (Verletzung am linken Bein) - die Liste der Opfer auf der Tofana ist lang. Und ein Ende dieser horrenden Serie scheint (noch) nicht in Sicht.
Gut-Behrami: "Kein Platz für Fehler"
Auf den ersten Blick liegt der Schluss nahe, dass die zahlreichen Stürze im Norden Italiens allein mit den dortigen Pistenbedingungen zusammenhängen. Doch die schweren Verletzungen von Aleksander Aamodt Kilde und Alexis Pinturault in Wengen oder Petra Vlhova in Jasna lassen die Vermutung zu, dass es sich dabei um einen Trugschluss handelt.
Lara Gut-Behrami, Siegerin im Super-G am Sonntag und Zweitplatzierte in der Abfahrt zwei Tage zuvor, bezog dazu im Interview mit dem "ORF" deutlich Stellung. "Ich glaube nicht, dass es an der Piste liegt. Im Moment ist es ein solches Durcheinander. Man pusht den Sport so weit, dass es keinen Platz mehr für Fehler gibt", prangerte sie an.
Damit bezieht sie sich auf den Umstand, dass im Ski Alpin das Gesamtbild mittlerweile vergessen werde. Die Liebe zum Detail beherrscht das Geschehen im Weltcup - und darin liegt der Sturz-Teufel versteckt.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/01/27/3874513-78723193-2560-1440.jpg)
Abflug auf der Tofana! Rumänin knallt in Fangzaun
Quelle: Eurosport
Ski Alpin wird zur Zentimeter-Lotterie
"Die Funksprüche dauern ewig. Es fühlt sich so an, als müsse jeder Meter genau analysiert werden. Aber wenn der Plan nicht aufgeht, landest du gleich im Netz", führte die Super-G-Olympiasiegerin von Peking aus. Laut Gut-Behrami könne heutzutage ein einziger Zentimeter den Ausschlag über Sieg oder Niederlage, Ritt auf Messers Schneide oder Verletzung geben. Das sei nicht immer so gewesen.
"Als ich noch 20 Jahre alt war, wusste ich: 'Der Schnee ist heute schneller, die Sprünge weiter, ich muss mich bewegen'", blickte sie zurück. "Jetzt sucht man nur noch den einen Zentimeter, aber denkt nicht daran, dass man sich immer bewegen, immer aktiv sein muss. Als ob die Basis voll vergessen wurde. Dann passiert so etwas. Wenn man in der Abfahrt am Start steht, geht es nicht um Zentimeter."
Die Fußball-Ikone Franz Beckenbauer prägte einst den Satz: "Geht's raus und spielt's Fußball." Diesen simplen Ansatz, der mittlerweile auch im Fußball längst Vergangenheit ist, vermisst Gut-Behrami auf den eisigen Pisten im Weltcup.
"Mir hat einmal ein Trainer gesagt: 'Wenn du auf dem Ski stehst, funktioniert jede Linie.' Aber jetzt steht niemand mehr auf dem Ski, sondern man denkt nur noch: 'Ein Zentimeter links, ein Zentimeter rechts.' Das ist sehr gefährlich."
FIS kündigt nach schweren Stürzen Gespräche an
Diese Liebe zum Detail - die beinahe schon einer Versessenheit ähnelt - wird allmählich zum großen Problem. Glücklicherweise haben die Trainer, welche für die Kurssetzung verantwortlich sind, und der Internationale Ski-Weltverband (FIS) dies nun erkannt, wenngleich auch mit Verspätung.
"Wir wollen die Athletinnen fordern. Und ich finde auch, dass die Athletinnen lernen müssen, taktisch zu fahren", erklärte US-Coach Paul Kristofic beim "Blick". "Aber es sollte nicht sein, dass ein kleiner Fehler direkt dazu führt, dass man im Netz landet."
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/01/27/3874420-78721328-2560-1440.png)
Vom Fangnetz weggeschleudert: Schwerer Sturz von Wright in Cortina
Quelle: Eurosport
Damit plötzlich nicht alle Abfahrten und Super-Riesentorläufe mit gnadenlosen Schlüsselstellen wie auf der Streif in Kitzbühel bestückt sind, reicht laut Kristofic ein Blick auf andere Sportarten. "In der Formel 1 haben alle modernen Strecken riesige Auslaufzonen, die die Fahrer vor schlimmen Verletzungen schützen. Hier hatten wir das nicht."
Die FIS ist sich der problematischen Lage jedenfalls bewusst und kündigte bereits Gespräche an. "Da werden wir uns überlegen, wie wir in den nächsten Jahren mehr Platz für die Fahrerinnen schaffen können", so FIS-Renndirektor Peter Gerdol. "Man kann nie genug für die Sicherheit tun."
Unsicherheit, Stress, mentale Frische - Ski ist mehr als nur Ski
Stürze gehören im Skisport dazu. Eine Aussage, die aufgrund des natürlichen Risikos, dem sich die Athleten und Athletinnen regelmäßig aussetzen, teilweise zutrifft. Aber eben nur teilweise.
Der Skisport wächst von Jahr zu Jahr, nimmt neue Dimensionen an, wird internationaler. Der Weltcup-Kalender wird immer voller, Rennen wie am Matterhorn sollen für neue Superlative sorgen. Das große Problem dabei: Anfang und Ende des Winters kann die FIS nicht bestimmen. Das Korsett wird also immer enger - zulasten der Sportler.
"Wir haben 45 Rennen im Kalender. Es sind mehr als früher, klar. Entscheidend ist aber die Zeit, die wir zur Erholung haben und diese wird immer geringer", erklärte Gut-Behrami. Dieser Umstand habe viele Gründe: stundenlange Interviews, Sponsorentermine sowie fehlende mentale Frische.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/01/28/3875560-78744128-2560-1440.png)
Gut-Behrami zähmt die Tofana: Highlights vom Super-G in Cortina
Quelle: Eurosport
"Vor zehn Jahren haben wir nur über das Skifahren gesprochen", so die 32-Jährige. "Jetzt musst du ständig einen Insta-Post machen, für drei Sponsoren zur Verfügung stehen und dazwischen mit einigen noch Ski fahren gehen."
Ganz nebenbei müssen Training und Regeneration auch noch Platz finden - laut Gut-Behrami leichter gesagt als getan. "Es herrscht eine Unsicherheit, dass man zu wenig macht", betonte sie im "SRF" und fügte hinzu: "Wenn man mal zwei Tage frei hat, geht man irgendwo trainieren und vernachlässigt die Erholung."
Die Frage nach den Wurzeln von schweren Stürzen beschränkt sich also längst nicht mehr nur auf die eine oder andere markante Bodenwelle oder die besonderen Schneebedingungen in Weltcuporten in aller Welt. Die Ursachenfindung ist vielfältiger denn je - und Skifahren ist längst nicht mehr nur Skifahren.
Das könnte Dich auch interessieren: Achtung, Triggerwarnung! Kilde schockt mit heftigen Bildern
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/01/28/3875353-78739988-2560-1440.jpg)
Gefangen im Netz: Schweizerin Jenal nächstes Opfer der Tofana
Quelle: Eurosport
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung