Sarrazin exklusiv über seinen schweren Sturz, große Siege und ein Olympia-Comeback: "Würde absolut nichts ändern"
Dass Cyprien Sarrazin dieses Interview geben kann, ist ein Wunder: Elf Monate nach seinem fürchterlichen Sturz ist der Franzose auf dem Weg zu alter Stärke und sieht sich dabei als "größten Glückspilz des Universums" angesichts der schweren Verletzungen, die er in Bormio erlitten hatte. Inzwischen arbeitet der 31-Jährige intensiv an einer Rückkehr und verrät seine großen Pläne für die Zukunft.
Sarrazin kontert Odermatt: Franzose mit "Höllenritt" auf der Streif
Quelle: Eurosport
Im Gespräch mit den drei französischen Eurosport-Experten und einstigen Ski-Profis Johan Clarey, Pierre-Emmanuel Dalcin und Gauthier de Tessieres nahm sich Sarrazin fast eine Stunde Zeit für Ausblick und Rückblick.
Am Fuße der Alpen sprach er voller Emotionen über die dramatischen Tage und Wochen nach seinem fürchterlichen Sturz, aktuelle Comebackpläne, aber auch noch einmal über seinen Doppel-Triumph in Kitzbühel.
Lass uns mit einem Blick auf den Sieg in Kitzbühel im Januar 2024 beginnen – war der berühmt gewordene Jubel auf der Bande geplant?
Cyprien Sarrazin: Ja, das hatte ich vorher geplant – und ich habe schon auf den letzten Metern daran gedacht: So, jetzt machst du deinen Jubel.
Du hast sofort gewusst, dass du gewonnen hast und direkt nach der Ziellinie die Arme hochgerissen …
Sarrazin: Ich wusste schon, dass ich gewonnen hatte, als ich aus dem Steilhang kam - das war verrückt. Man mag mich für eingebildet halten, ich hatte auch selbst diesen Eindruck: Wie konnte ich mir des Sieges schon nach 25 Sekunden sicher sein, es blieb noch eine Minute zu fahren …
Es war ein bisschen, als ob ich außerhalb meines Körpers gewesen wäre.
Es war ein bisschen, als ob ich außerhalb meines Körpers gewesen wäre.
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Cyprien Sarrazin jubelt im Kitzbühel auf der Bande im Zielraum nach seinem Sieg 2024 -
Fotocredit: Imago
Wie war damals die Rückkehr in den Alltag nach dem Ausnahmezustand in Kitzbühel?
Sarrazin: Das war sehr hart. Als ich zurück nach Hause kam, hat es mich voll erwischt. Die Heizung war defekt und ich hatte nichts zu essen im Kühlschrank. Ich habe dann in meinen Kleidern im Bett geschlafen, habe das Haus zwei Tage nicht verlassen und Nudeln gegessen. Ich denke, dass ich da in eine Depression gefallen bin, denn ich bin ziemlich anfällig in diesem Bereich. Wenn ich extreme Glücksmomente erlebe, werde ich auch höchst sensibel. Das können sich Außenstehende nicht vorstellen, weil ich nicht darüber spreche. Das ist mein Problem.
Wenn wir nun auf den Sturz in Bormio zu sprechen kommen: Wie geht es dir heute? Man kann die große Narbe an deinem Kopf sehen …
Sarazzin: Ich bin stolz auf sie, deshalb habe ich die Haare dort auch abrasiert. Ansonsten geht es mir wirklich gut, ich bin glücklich. Ich habe alle Fähigkeiten zurückgewonnen, nur meine Knie schränken mich noch ein. Aber ansonsten habe ich keine Spätfolgen. Nichts hindert mich mehr daran, wieder der zu sein, der ich war. Das ist ein unfassbares Glück - ich bin mir dessen gar nicht genug bewusst.
Es hat nur ganz wenig gefehlt und du wärst heute nicht hier bei uns. Damals waren Neurochirurgen in Italien vor Ort als Vorbereitung auf Olympia - wenn sie nicht gewesen wären, würdest du nicht mehr leben.
Sarrazin: Bei allem Unglück war ich der größte Glückspilz des Universums. Denn nach dem Unfall ist alles gut gelaufen. Normalerweise gibt es nicht viele, die ohne Spätfolgen in ein normales Leben zurückfinden. Ich konnte schon drei Monate später wieder Sport machen und der Chirurg sagte zu mir: "Wir sehen uns bei Olympia!" Aber ich habe da gleich gebremst. Es war wirklich knapp und mir wird langsam klar, wie viel Glück ich hatte. Ich glaube, man hat im Leben nicht viele Joker – da hatte ich einen und den habe ich perfekt genutzt. Ich genieße das Leben und das ist ein unglaublicher Glücksfall, wie ihn leider nicht alle Leute haben.
Es war wirklich großes Glück, dass die medizinische Versorgung vor Ort so gut war ...
Sarrazin: Wäre es nur ein normaler Weltcup gewesen, wäre ich nicht mehr hier. Nur weil es für die Veranstalter ein Test in Hinblick auf Olympia war, um die Abläufe mit dem Krankenhaus abzustimmen, ist dieser Neurochirurg überhaupt vor Ort gewesen. Ich hatte also unglaubliches Glück und es war sehr knapp. Es gibt drei Leute, denen ich es besonders zu verdanken habe: Joséphine Forni vom französischen Skiverband, mein Arzt Stéphane Bulle und der Chirurg vor Ort. Joséphine war an meiner Seite und sah, dass es mir nicht gut ging. Sie hat dann Stéphane angerufen und der drängte darauf, dass sie sofort zu den Ärzten gehen soll und die Operation umgehend beginnen muss. Die Ärzte haben dann sofort gehandelt, aufs Tempo gedrückt, eine zusätzliche Untersuchung gemacht und die Operation direkt gestartet. Es waren vier Ärzte, die mich fünf, sechs Stunden operiert haben. Die Narbe zieht sich über meinen halben Kopf: Sie haben mir die Hälfte meiner Schädeldecke abgenommen und es war haarscharf, dass ich keine Spätfolgen zurückbehalten habe. Das habe ich diesen drei Menschen zu verdanken und ich werde ihnen mein Leben lang dankbar sein! Ich würde auch den Arzt sehr gerne wiedertreffen, um mich bei ihm zu bedanken.
Du bist jetzt 31 Jahre alt und hast noch viele Jahre vor Dir: Wie geht es weiter?
Sarrazin: Ich habe Lust, es noch einmal zu versuchen, zurückzukommen und auf Topniveau Ski zu fahren. Wenn ich merke, dass es für Hochleistungssport nicht reicht, würde ich aufhören – das ist sicher. Ich will keine halben Sachen machen und das bedeutet viel Arbeit, besonders was meine Knie angeht – da sind die Knorpel entzündet. Aber ich bin mit dem Mountainbike unterwegs, fahre Enduro, mache Krafttraining – ich bin wirklich im Training und nicht mehr in der endlos langen, sehr schmerzhaften Reha-Phase.
Wie geht es deiner Familie mit deinen Rückkehrplänen?
Sarrazin: Zuerst waren sie total schockiert. Sie hatten ein posttraumatisches Syndrom, denn sie hatten jenen Moment durchlebt, in dem sie mich zu verlieren glaubten. Als ich die Entscheidung traf, es noch einmal zu versuchen, musste ich ihnen meine Fortschritte erklären. Aber ich werde mir Zeit lassen, es geht nicht um eine Rückkehr in diesem Winter und auf diesem Weg ist alles möglich. Das hat meine Mutter, meinen Vater, meine Schwester beruhigt und sie haben gesagt: "Ok, du scheinst mit deiner Entscheidung im Reinen zu sein."
War die Zustimmung deiner Familie entscheidend?
Sarrazin: Nein, es ging nur darum, sie nicht noch einmal leiden zu lassen.
Ich könnte mir vorstellen, dass Olympia 2030 in Frankreich ein Ziel für dich ist, blickst du schon so weit?
Sarrazin: Auf jeden Fall spielt Olympia mit eine Rolle bei dem Plan, wieder zurückzukommen. Ich sage mir, dass alles möglich ist und ich will mir zumindest die Zeit geben, um herauszufinden, ob ich in der Lage bin, zurückzukommen. Es geht schon voran, aber mit den Knien ist es eine sehr langwierige Sache.
Aber wie sieht es mit dem Schädeltrauma aus?
Sarrazin: Ich habe seit fünf Monaten die Erlaubnis, wieder alles zu machen, ich könnte also seitdem schon wieder Skifahren. Es ist meine eigene Entscheidung, es nicht zu tun – ich bin vernünftig.
Erinnerst du dich an den Sturz oder nicht?
Sarrazin: Absolut gar nicht. Meine Erinnerung hört 40 Meter vor dem Sturz auf. Ich erinnere mich noch an die Kurve davor und dass ich mir sagte: Fahr‘ sie etwas weiter an, denn am Tag davor bin ich da etwas zu direkt reingefahren und da gab es schon einen kleinen Schreckmoment. Dann hört es auf und es kommt erst sechs Tage nach der Operation wieder, als ich alleine im Krankenhaus im Bett liege und da dachte ich dann: Was passiert hier gerade? Ich liege da und denke nach und es kommen einzelne Erinnerungen aus Bormio, von den Trainings, aber ich erinnere mich nicht ans Ende des Trainings, auch nicht an meine Fahrt und frage mich: Was ist denn bloß passiert?
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Cyprien Sarrazin wird in Bormio außerhalb der Strecke vom Hubschrauber geborgen
Fotocredit: Getty Images
Versetzt dich das in diesem Moment in Panik?
Sarrazin: Nein, gar nicht, ich war komplett ruhig. Aber ich sagte mir, dass irgendwas Krasses passiert sein muss, wenn ich mich nicht erinnern kann. Und dann fange ich an, mich abzutasten und merke, dass ich einen riesigen Verband am Kopf habe. Dann stelle ich fest, dass ich an einer großen Infusion hänge, mit der ich seit einer Woche ernährt wurde. Außerdem hatte ich einen Katheter und als ich den Schlauch sehe, da denke ich mir dann: Dich muss es wirklich ordentlich erwischt haben, das ist echt nicht gut. Und mein Becken war komplett schwarz. Aber ich hatte keine schlimmen Schmerzen und dachte mir, ich schlafe jetzt einfach mal. Aber das klappte nicht, denn ich hatte schließlich sechs Tage geschlafen – und außerdem war da Krach auf dem Flur ...
Was hast du dann gemacht?
Sarrazin: Ich dachte mir: Ich mache mal die Tür auf und sage denen, dass sie weniger Lärm machen sollen. Also habe ich mich aufgesetzt und dabei festgestellt, dass es mir nicht so gut geht. Aber ich sagte mir: Das kannst du schaffen. Doch meine Beine waren total wackelig und ich habe also einen Stuhl genommen und wie einen Rollator benutzt. Ich habe eine Viertelstunde gebraucht, um zu der verdammten Tür zu kommen. Dann hat aber der Schlauch der Infusion immer mehr gezogen, die Sonde auch und dann ist der Beutel auf den Boden gefallen, ist explodiert und da habe ich gemerkt: Ok, hier funktioniert gar nichts mehr. Ich bin also zurück ins Bett, habe mich wie ein Embryo hingelegt und dachte: Das ist nicht gut … Zum Glück hatten sie draußen die Geräusche gehört, kamen rein und fragten, was los sei. Ich wollte es ihnen erklären und sagen, dass es zu laut ist – aber es kamen nur unverständliche Fetzen aus meinem Mund. Da bekam ich Panik! Aber zum Glück haben sie das gemerkt, mir eine Tablette gegeben – und dann habe ich geschlafen.
Wie ging es dann weiter?
Sarrazin: Ich wurde nach Lyon verlegt und ich habe kein Wort mehr gesprochen. Ich hatte solche Angst, gar nicht mehr sprechen zu können. Bis wir dann dort ankamen und der Arzt mir sagte, dass mein Vater in der Klinik auf mich warten würde. Da habe ich "Super" gesagt – und das kam auch aus meinem Mund. Aber bis ich wieder richtig sprechen konnte, ohne einzelne Wörter nicht zu finden, hat noch fast vier Wochen gedauert.
Wann hast du dir den Sturz zum ersten Mal angesehen?
Sarrazin: Das war relativ bald. Als ich nach etwa zwei Wochen mein Telefon wieder hatte, habe ich auch Fotos von mir mit meiner Narbe und allem verschickt.
Die Skirennen bei Olympia 2026 werden ausgerechnet in Bormio ausgetragen: Wirst du hinfahren?
Sarrazin: Nein, aber mein Vater wird dort sein. Ich war bei einem Mountainbike-Weltcup, der direkt in der Nähe ausgetragen wurde, aber ich bin nicht nach Bormio rübergefahren. Ich dachte mir: nein, noch nicht.
Würdest du an deiner Karriere rückblickend etwas ändern, nach allem, was du erlebt hast?
Sarrazin: Nein, ich würde absolut gar nichts ändern wollen. Selbst das Schlimmste, was mir hatte passieren können, als ich nicht weit am Tod vorbeigeschrammt bin, ist gut ausgegangen. Das hat mich Dinge erleben lassen, die ich nie gedacht hätte zu erleben. Das Positive zu sehen, selbst in den schwersten Momenten - das habe ich gelernt.
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Quelle: Eurosport
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