Johan Clarey exklusiv zum schweren Sturz von Cyprien Sarrazin in Bormio - Franzose muss "alles von A bis Z lernen"

Skistar Cyprien Sarrazin hat weiter mit den Folgen seines schweren Sturzes im Abfahrtstraining beim Weltcup in Bormio zu kämpfen. Dem französischen Weltcupsieger steht eine monatelange Rehabilitation bevor, seine Rückkehr auf die eisigen Pisten steht in den Sternen. Eurosport-Experte Johan Clarey rechnet damit, dass Sarrazin nach seiner Kopfverletzung sogar "alles von A bis Z neu erlernen" muss.

Alpine Skiing - Downhilll - Bormio - Training - Interview - Odermatt after his training

Quelle: Eurosport

Der schwere Sturz von Cyprien Sarrazin in Bormio ließ die Ski-Welt in Schockstarre verfallen. Der französische Speed-Spezialist zog sich bei seinem Unfall bei San Pietro eine Hirnblutung und zusätzliche Verletzungen an Schulter, Knie und Knöchel zu.
Dem fünfmaligen Weltcupsieger steht daher keine gewöhnliche Rehabilitation bevor, vielmehr kämpft er um seine Zukunft im professionellen Skisport.
"Im Moment ist das Skifahren sekundär", erklärt Eurosport-Experte Johan Clarey, der selbst elf Mal im Weltcup auf dem Podest stand, im Exklusiv-Interview. "Er muss alles von A bis Z neu erlernen."
Die Karbonschienen, die Sarrazin einen deutlich aggressiveren Fahrtstil ermöglichen sollen, seien laut Clarey aber nicht direkt für den Sturz verantwortlich.
Herr Clarey, in den vergangenen Tagen wurde viel über die Karbonschienen von Cyprien Sarrazin spekuliert. Worum handelt es sich dabei?
Johan Clarey: Es ist ein Zusatz, der das Schienbein von Cyprien entlasten und ihm einen deutlich aggressiveren Fahrstil erlauben soll. Das muss aber noch endgültig bewiesen werden.
Haben Sie selbst bereits Erfahrungen mit solchen Schienen gemacht?
Clarey: Ich selbst habe noch nie eine aus Karbon benutzt. In der Saison 2017/18 habe ich einmal verlängerte Zungen am Skischuh ausprobiert, die bis unter das Knie reichten. Sie waren nicht aus Karbon, sondern es handelte sich dabei um traditionelle Zungen, die einfach länger waren. Aber allein diese Anpassung hat das Verhalten meiner Schuhe und die Aggressivität meiner Skier enorm verändert. Ich habe sie vor allem auf eisigen Stellen und Pisten wie in Bormio und Kitzbühel verwendet. Später merkte ich, dass es viel zu aggressiv war und gefährlich wurde. In Bezug auf reine Leistung war es schädlich für die einfacheren Streckenabschnitte, daher habe ich mich gegen eine weitere Verwendung entschieden. Mir wurde klar, dass eine solche Ausrüstung extremst aggressiv sein kann.
Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen den Schienen und dem Sturz von Sarrazin?
Clarey: Solche Karbonschienen müssen weit aggressiver sein als das, was ich selbst erlebt habe. In Österreich und der Schweiz wird darüber diskutiert, aber ich bin nicht der Meinung, dass der Sturz damit in Zusammenhang steht. Auch drei andere Athleten stürzten an dieser Stelle. Dort gab es eine große Änderung der Schneeverhältnisse zu einer sehr eisigen Piste, die auf äußerst griffigen Schnee folgte. Das eigentliche Problem lag also eher in den sich verändernden Bedingungen als in seiner Ausrüstung. Er fährt schon seit zwei oder drei Jahren damit, daher wird er nicht davon überrascht worden sein. Er ist mit den Reaktionen vertraut, die sein Setup hervorrufen kann. Ich denke nicht, dass das der Auslöser für seinen Unfall war.
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Muss die FIS eingreifen und womöglich sogar die Geschwindigkeit regulieren?
Clarey: Warum nicht? Aber man muss auch Beweise dafür haben. Es gab schon immer umstrittene Themen beim Material. Vor einigen Jahren wurden Skier mit einem Radius von 35 Metern anstatt von 30 Metern eingeführt. Das war eine Katastrophe, wie sich herausgestellt hat. Man muss also Argumente vorbringen, die zeigen, ob es wirklich gefährlich ist. Wenn es einen Vorteil verschafft und von anderen Skifahrern übernommen wird, spricht nichts dagegen. Jetzt geht es aber um den Beweis, dass das Material für zu viel Aggressivität sorgt und damit gefährlich ist. Und den haben wir noch nicht. Vielleicht gibt es eines Tages Studien dazu - dann wird es verboten.
Wird Sarrazin wieder Skifahren können?
Clarey: Es bringt nichts, darüber zu sprechen. Im Moment ist das Skifahren nur sekundär. Er muss alles von A bis Z neu erlernen. Bei einem Kreuzbandriss fängt man beispielsweise damit an, wieder gehen zu lernen, dann versucht man es mit Laufen. Sechs bis acht Monate später steigt man wieder auf die Skier. Bei Cyprien geht es um das Gehirn. Das ist noch viel empfindlicher, der Weg zurück ist länger und unsicherer. Es wird Monate dauern, bis wir über Skifahren sprechen können. Die Rehabilitation wird Geduld erfordern, der Skisport wird nur eine Nebensache sein. Alle wollen wissen, wann er zurückkommt, weil sie nur den Skifahrer Cyprien kennen. Aber wir müssen an den Menschen dahinter denken. Die Priorität ist jetzt, dass er sein normales Leben zurückbekommt - dann sehen wir weiter.
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