Josef Ferstl fordert Umdenken nach schwerem Sturz von Cyprien Sarrazin in Bormio: "Für mich war es die Hölle"

Das Weltcup-Wochenende in Bormio ist von schweren Stürzen überschattet worden. Die berüchtigte Stelvio schlug bei Cyprien Sarrazin, Gino Caviezel, Josua Mettler und Pietro Zazzi gleich viermal zu. Eurosport-Experte Josef Ferstl fordert im exklusiven Interview mit Eurosport ein Umdenken - auch mit Blick auf die Karbonschiene, die so manchem Fahrer Wunderkräfte zu verleihen scheint.

Bormio : Training - Interview - Allègre in english, very angry about organisation

Quelle: Eurosport

Im Ski Alpin gibt es ein Mantra, das nach schweren Stürzen gebetsmühlenartig wiederholt wird. "Das ist der Skisport. Sowas gehört einfach dazu", heißt es nur allzu oft, nachdem ein Athlet mit dem Hubschrauber in ein nahegelegenes Krankenhaus geflogen wurde, um dort zusammengeflickt zu werden.
Was im ikonischen Song "Es lebe der Sport" von Rainhard Fendrich dem Zuschauer nur ein kleines "Hoppala" entlockt, hat in der Realität aber wenig mit scherzhaftem Spektakel zu tun. Das wurde am Wochenende in Bormio einmal mehr klar.
"Für mich war es als ehemaliger Rennfahrer die Hölle. Grausam", bezog sich der ehemalige DSV-Speedfahrer Josef Ferstl im exklusiven Interview mit Eurosport auf die schockierenden Stürze von Cyprien Sarrazin, Gino Caviezel, Josua Mettler und Pietro Zazzi.
"Diese schweren Verletzungen von absoluten Top-Fahrern zeigen, auf welch schmalem Grat sich dieser Sport bewegt", führte der Kitzbühel-Sieger von 2019 aus. "Keine Fehler sind erlaubt."
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Heftige Abflüge: Negomir und Mettler stürzen an Sarrazin-Stelle

Quelle: Eurosport

KarbonSchiene sorgt für Diskussionen

Sarrazin musste aufgrund einer Einblutung zwischen zwei Hirnhäuten am Kopf operiert werden und lag kurzzeitig im künstlichen Koma. Mettler zog sich zwei Kreuzbandrisse zu, Zazzi erlitt einen Schien- und Wadenbeinbruch. Bei Caviezel handelt es sich um eine "komplexe Knieverletzung", eine genaue Diagnose steht noch aus.
"Es muss sich die Frage gestellt werden: Soll der Sport es zum Ziel haben, diese schweren Verletzungen mit sich zu tragen?", gibt Ferstl zu bedenken. Er findet: "Es ist schrecklich zu sehen, dass sich der Sport in diese Richtung entwickelt."
Immer schneller, immer krasser, immer gefährlicher - wenn Karrieren aufs Spiel gesetzt werden, kann das nicht der richtige Weg sein. Die Athleten sorgten in den vergangenen Wochen aber selbst für eine Verschärfung des eigenen Risikos. Und zwar mit einer Karbonschiene, über die seit dem Weltcup in Gröden Ski-Insider heiß diskutieren.
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Alpine Skiing - Downhilll - Bormio - Training - Interview - Odermatt after his training

Quelle: Eurosport

So fährt Marco Odermatt beispielsweise mit einem Schienbeinschoner aus Karbon, der es ihm ermöglicht, schmerzfrei zu fahren. Der Grund für den Einsatz dieses Protektors waren Entzündungen in diesem Bereich, die aufgrund von Schlägen und Kraftübertragungen entstanden waren.
Sarrazin greift laut Eurosport-Informationen auf eine weiterentwickelte Version des Schienbeinschoners zurück, der sogar die ganze Wade umfasst. Zunächst war er nur als Schutz gedacht, dann offenbarten sich aber noch weitere Vorzüge.
Mit einem solchen Zusatz kann ein Läufer durch die erhöhte Stabilität nämlich noch aggressivere Schwünge setzen, eine engere Linie fahren und dem Druck auf der Piste besser standhalten. Simpel ausgedrückt: Die Performance steigert sich.

Sarrazin und Co. lassen sich keinen Spielraum

In einer Disziplin, in der sich die Athleten ohnehin immer am absoluten Limit befinden, kann ein solcher Sprung nach vorne aber manchmal auch gefährlich sein. "Man bewegt sich damit am Limit und kommt seinen Grenzen so nahe, dass keine Fehler mehr verziehen werden", meinte Ferstl: "Plötzlich gibt es keinen Spielraum mehr."
Die Folge sind heftigere Stürze mit schlimmeren Verletzungen. Das hat vor wenigen Tagen auch Sarrazin am eigenen Leib erfahren. "In der Analyse der jüngsten Stürze hat man auch gesehen, dass die Karbonschiene eine gewisse Schuld daran hat, weil es aggressiver ist", so Ferstl.
Der zweimalige Weltcupsieger wünscht sich daher ein Einschreiten der FIS und ein klares Reglement in dieser Angelegenheit: "Meiner Meinung nach geht das in die falsche Richtung, weil wir damit den Sport zerstören werden."
Eine Einschätzung, die auch die Worte von FIS-Renndirektor Markus Waldner in ein völlig neues Licht rücken. "Wir wissen, dass das Material extrem ans Limit gepusht ist. Alles ist am Limit. Vielleicht sind wir teilweise über die Grenzen gegangen", reagierte er am Freitag auf die scharfe Kritik aus dem französischen Lager und ließ einen Wink mit dem Zaunpfahl folgen: "Dann sind solche Stürze die Folge. Die Insider wissen alle, wovon ich spreche."
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FIS-Renndirektor Waldner: "Die Kritik ist überzogen!"

Quelle: Eurosport

FIS und Athleten müssen sich hinterfragen

Fakt ist aber auch: Der schwere Sturz von Sarrazin ist nicht allein auf die ominöse Karbonschiene zurückzuführen. So fährt der Franzose ein äußerst aggressives Setup, das eigentlich für Slalom und Riesenslalom ausgelegt ist. Dadurch gewährt sich Sarrazin selbst keinen Spielraum mehr, in Kombination mit dem Zusatz aus Karbon ist er stets auf Messers Schneide unterwegs.
Trotzdem sollen die Unfälle von Bormio eine Warnung sein. Sowohl die FIS als auch die Rennläufer müssen sich hinterfragen und nicht gegenseitig mit den Fingern auf sich zeigen. "Macht es Sinn, so sehr ans Limit zu gehen?", fragte Ferstl und sieht es ähnlich wie Waldner: "Vielleicht muss man sogar einen Schritt zurückgehen, damit man zu einem positiven Ergebnis kommt."
Ein Gedankenspiel soll an dieser Stelle erlaubt sein: Entschärftes Material, mehr Rutschphasen und eine um wenige Sekunden langsamere Siegerzeit als im Vorjahr - würde das dem normalen Zuschauer überhaupt auffallen?

Die Lauberhorn-Abfahrt naht

"In jedem Fall wird eine geile Show geboten und kein Mensch erkennt von außen, ob die Läufer eine Sekunde schneller oder langsamer runterfahren", unterstreicht Ferstl: "Im Sinne des Sports muss da einfach etwas passieren und überlegt werden, ob das in dieser Art und Weise noch zielführend ist."
Einen kleinen Lichtblick gibt es bereits jetzt. Waldner ließ während seiner Brandrede durchblicken, dass die FIS den Fall Bormio in dieser Woche aufarbeiten werde.
Allzu viel Zeit für eine Entscheidung auf offizieller Ebene bleibt den Verantwortlichen allerdings nicht: Zwischen 14. und 19. Januar findet in Wengen (live und on-demand bei discovery+) der nächste Klassiker statt - und die Lauberhorn-Abfahrt verzeiht ebenso keine Fehler.
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"Weckruf": Cochran-Siegle stürzt kur vor dem San-Pietro-Sprung

Quelle: Eurosport


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