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Tiefgreifendes Problem: Österreich ist nicht mehr Skination Nummer eins

Tiefgreifendes Problem: Österreich ist nicht mehr Skination Nummer eins

10/03/2020 um 19:06Aktualisiert 10/03/2020 um 20:27

Historische Schmach für Österreich: Die selbsternannte Skination gewinnt im Jahr nach Marcel Hirscher keine einzige Kristallkugel und muss sogar der Schweiz in der Nationenwertung den Vortritt lassen. Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich sieht dabei auch ein Nachwuchsproblem für den ÖSV und kommt zu dem Schluss: Der Verband hat sich blenden lassen und auch den Aderlass unterschätzt.

In Italien stehen die Lifte still. Der Skibetrieb ist ab sofort eingestellt. Überall. In Nord-Tirol hingegen, das bekanntermaßen durchaus an Südtirol grenzt, wird fleißig weiter gewedelt.

Das Coronavirus nimmt man in Österreich noch nicht so ganz ernst (ist aber in Deutschland nicht sehr viel anders). Die alpine Skigroßmacht hat nämlich andere Sorgen. Skifahren ist plötzlich bloß noch "leiwand" (also nett, schön, lustig, spaßig, toll, vergnüglich) aber nicht mehr erfolgreich. Der Super-GAU nämlich ist eingetroffen.

Keine Kugel für Österreich. Klingt plakativ, drückt aber in Vollkommenheit den Schmerz aus, den die Alpennation derzeit bis auf die Knochen spürt. Bei den Männern hat man seit 1988 durchgängig die Nationenwertung gewonnen.

Bei den Frauen waren zwischenzeitlich mal Deutschland (dreimal) die Schweiz oder Italien in Front, aber das sah man eher locker. In dieser, jetzt frühzeitig abgebrochenen Saison gewinnen Schweiz (Männer) und Italien (Frauen). Österreich hat teilgenommen.

Niederlage auch für den Präsidenten

Keine Kugel. Nicht mal eine Disziplinwertung konnten die ÖSV-Aktiven gewinnen. Gähnende, sich wie ein Schlund öffnende Leere tut sich auf. Österreich ist nicht mehr die Skination Nummer eins.

Peter Schröcksnadel, der seit 30 Jahren als Präsident den Verband sehr rigoros führt und teilweise jegliche Freiheit seiner Athleten, was deren persönliche Vermarktung betrifft, einschränkt, ja unterbindet, hatte für diesen Fall, den er wohl kaum für möglich hielt, seinen Rücktritt angekündigt.

War natürlich ein "Schmäh" (Scherz, Witz). Natürlich macht der 78-Jährige jetzt fröhlich weiter. Er will ja die Ski-WM nach Saalbach/Hinterglemm holen. 2025. Für die WM zwei Jahre zuvor unterlag der ÖSV gegen Courchevel und Meribel. In fünf Jahren also soll wieder alles gut sein. Besser noch vorher.

Eigeninitiative vor Verbandsstrukturen

Doch schon jetzt fehlt der Nachwuchs in breiter Front. Der ÖSV hat den Aderlass unterschätzt, als er extrem viele seiner bestens ausgebildeten Trainer ins Ausland ziehen ließ. Seit zwei Jahrzehnten geht das schon so. Zum einen scheint die Arbeitsatmosphäre im ÖSV vielen potenziellen Kandidaten nicht zuzusagen und dann ist die finanzielle Ausstattung wohl auch nicht immer wunschgemäß.

Der ÖSV hat in diesem Punkt stets eine ziemlich klare und eben auch harte Linie verfolgt, was freilich auch eine gewisse Verantwortung beinhaltet. Der ÖSV hätte es sich leisten können, ja müssen, sein überall so gefragtes Trainerpersonal in der eigenen Nachwuchsarbeit einzusetzen.

Mit durchgängigen Konzepten von der Jugend bis hinein in den Weltcup. Stattdessen ist vieles oft dem Zufall überlassen worden, wie auch die Geschichten von Hermann Maier oder Marcel Hirscher deutlich machen. Erst als diese vor allem aufgrund ihrer Eigeninitiativen in der Weltelite vorne lagen, sonnte man sich in deren Erfolgen. Und vergaß nachzulegen. Nach hinten, nach unten zu schauen. Weiter so. Es läuft ja gerade gut.

Bequemlichkeit verhindert Anpassungen

Der ÖSV ist da kein Einzelfall. Solange die Schwünge gut und die Zeiten im Ziel schnell sind, schleicht sich Bequemlichkeit ein wie ein langsam wirkendes Gift. Trägheit verdrängt notwendige Anpassungen. Jetzt ist beim Österreichischen Ski-Verband erst mal der Katzenjammer unübersehbar und man stürzt sich mit Gebrüll auf die erste Kugel. Die gibt es nämlich doch.

Der 39-jährige Andreas Prommegger ist nämlich Weltcupsieger in diesem Jahr geworden im Parallel-Slalom. Snowboard. Und vielleicht kommt ja noch eine Kugel durch Stefan Kraft hinzu im Skispringen. Ein Trost für die krachende Niederlage im alpinen Bereich wird das freilich nie und nimmer sein.

Zur Person Sigi Heinrich:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.

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