Lena Dürr führt DSV-Damen zu neuen Höhen - Fritz Dopfer analysiert deutschen Höhenflug im Weltcup

Lena Dürr ist das Gesicht des jüngsten Aufschwungs der deutschen Technikerinnen im alpinen Ski-Weltcup. Die 31-Jährige führte die DSV-Damen als Drittplatzierte beim Nachtslalom in Flachau zum besten Ergebnis seit 2012. Eurosport-Experte Fritz Dopfer ist vom Zusammenhalt der deutschen Mannschaft begeistert und macht die Teamdynamik für den Erfolg verantwortlich - auch dank Dürrs Führungsqualitäten.

Lena Dürr und das deutsche Team befinden sich gerade auf einem Höhenflug

Fotocredit: Getty Images

Lena Dürr, Jessica Hilzinger und Emma Aicher hatten in Flachau allen Grund zu Freude. Zum ersten Mal seit November 2012 fanden sich drei deutsche Athletinnen in den Top 10 eines Weltcup-Slaloms wieder - und das pünktlich zur Ski-WM in Courchevel und Meribel (5. bis 19. Februar live bei Eurosport und discovery+).
Für Dürr ging es dabei sogar zum siebten Mal in ihrer Karriere aufs Podest. Zum ersten Weltcupsieg im Slalom sollte es aber nicht reichen. "Aus meiner Sicht zählt sie bei jedem Slalom-Rennen, egal welcher Hang, welche Kurssetzung und welche Pistenbedingungen zu den weltbesten Slalomläuferinnen", erklärt der ehemalige Slalom-Spezialist Fritz Dopfer im exklusiven Gespräch mit Eurosport.
Demnach fehlte Dürr bislang nur "das berühmte Quäntchen Glück", ein Triumph im Slalom sei nur noch "eine Frage der Zeit".
Der starke Zusammenhalt innerhalb der deutschen Mannschaft sei auch Dürrs Führungsqualitäten zu verdanken. "Wenn die Teamleaderin im Moment ihres Erfolgs nicht nur an sich selbst denkt, sondern auch an das Team, dann hat das eine extrem große Strahlkraft und eine riesige Wirkung auf alle anderen", unterstreicht Dopfer die besondere Teamdynamik des DSV, die auf weitere Erfolge hoffen lassen.
Das Interview führte Christoph Niederkofler
Lena Dürr wurde beim Weltcup-Slalom in Flachau im ersten Durchgang ein schwerer Patzer zum Verhängnis, fuhr im zweiten Lauf aber Bestzeit – und hat damit wohl den Sieg verpasst. Was fehlt ihr noch zu ihrem ersten Weltcupsieg?
Fritz Dopfer: Vorneweg - zu dieser Frage bin ich nicht der beste Ansprechpartner. In meiner Karriere hatte ich im Weltcup häufiger die Möglichkeit auf einen Sieg - ich habe es nicht geschafft. Bei Lena bin ich aber überzeugt, dass es eine Frage der Zeit ist. Sie bringt alle Voraussetzungen dafür mit: Technik, Taktik, Kondition, Mentalität. Sie hat schon häufig Laufbestzeiten in den Schnee gezogen, wie zuletzt im 2. Durchgang in Flachau. Sie hat auch in Läufen, die nicht die schnellsten im Ziel waren, die schnellsten Abschnittszeiten gefahren. Was heißt das im Umkehrschluss? Es gibt Ausnahmeathletinnen wie Mikaela Shiffrin, Petra Vlhova oder auch Wendy Holdener, gegen die sie sich tagtäglich behaupten muss.
Aus meiner Sicht zählt sie bei jedem Slalom-Rennen, egal welcher Hang, welche Kurssetzung und welche Pistenbedingungen zu den weltbesten Slalomläuferinnen. Das ist eine komfortable Ausgangssituation und gleichzeitig braucht’s auch am Tag X immer das berühmte Quäntchen Glück.
In der jüngeren Geschichte konnte sich Dürr auch nach sensationellen Halbzeitführungen nicht für ihre Leistung belohnen. Man denke dabei an den Olympia-Slalom in Peking oder auch an Levi in dieser Saison. Kann man dabei wirklich nur von Rennglück sprechen?
Dopfer: Lena macht in den Interviews oder auch zwischen den Läufen einen sehr gelassenen und in sich ruhenden Eindruck. Gleichzeitig fällt mir als Beobachter der Rennen auf, dass sie auf Basis ihrer genialen Technik, ihrer Intuition auch inzwischen ihre persönlichen Grenzen in den Läufen sucht, offensiv und tempofordernd fährt. Der Sieg ist, vergleichbar mit einer Matheaufgabe, das Ergebnis. Wenn man vor einer Rechenaufgabe steht, konzentriert man sich zuerst auf die Formel und den Rechenweg und nicht sofort auf das Ergebnis.
Genau gleich ist es beim Skifahren. Als Athlet konzentrierst und fokussierst du dich in erster Linie auf deine Leistung, auf die Momente im Starthaus vor dem Rennen, auf deine Schwünge auf der Rennpiste - auf all das, was du selbst beeinflussen kannst, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Was ich noch anmerken will: Das Trainer- und Betreuerteam der DSV-Damen-Mannschaft unter Bundestrainer Andreas Puelacher sowie Disziplinen-Cheftrainer Markus Lenz sind ein weiterer Baustein für die Erfolge.
Die schönste Möglichkeit, sich zu belohnen, wäre wohl ein Erfolg bei der Ski-WM in Courchevel und Meribel. Wie schätzen Sie dort die deutschen Chancen ein?
Dopfer: Skifahren bleibt ein Tagesgeschäft, eine Tüftelei und Suche nach Feinheiten! Es geht immer weiter. Das Schöne an einer Weltmeisterschaft ist: Eigentlich ist alles gleich, wie bei jedem anderen Rennen auch. Es gibt ein Starthaus, eine Piste, die mit roten und blaue Stangen ausgesteckt ist und es wird im Ziel abgeschwungen. Was ich damit sagen will: Einfach denken - einfach handeln. Gleichzeitig ist die Konsequenz aus dem Ergebnis nochmals eine andere. Die Aufmerksamkeit ist ein Stück weit höher und es gibt anstatt Pokale eine Medaille. Es ist für alle vier Damen keine neue Situation, da sie alle bereits bei Olympia oder bei vorherigen Weltmeisterschaften mit dabei waren und Medaillen holten. Sie kennen die Abläufe und wissen wie man sich fühlt. Die Vorfreude auf tolle Leistungen des DSV-Teams ist groß.
Wie ordnen Sie den jüngsten Aufschwung von Emma Aicher, Andrea Filser und Jessica Hilzinger ein? Was macht die Stärke des deutschen Teams zurzeit aus?
Dopfer: Ich finde es faszinierend, wie Lena im Interview nach ihrem dritten Platz in Flachau ihren Stolz auf das gesamte Team hervorgehoben hat. Wenn die Teamleaderin im Moment ihres Erfolgs nicht nur an sich selbst denkt, sondern auch an das Team, dann hat das eine extrem große Strahlkraft und eine riesige Wirkung auf alle anderen. Das zeigt, dass ein spezieller Teamgeist unter den Athletinnen zu spüren ist. Das ist genau das, was man sich als Fan wünscht. Im Rennen schauen die Läuferinnen zuallererst natürlich auf sich selbst. Sobald die Rennsituation aber vorbei ist, verstehen sie sich als Team, als gegenseitige Unterstützer. Nur so kann eine positive Teamdynamik entstehen.
Beispielhaft sind die Fotos, die nach dem Rennen in Flachau gemacht wurden. Sie zeigen die gesamte Mannschaft freudestrahlend auf dem Siegerpodest. Diese Momente sind zum einen Wertschätzung für’s gesamte Team, für deren Arbeit hinter den Erfolgen. Zugleich sind sie auch Anreiz für die Athletinnen wie Emma, Andrea oder Jessica. Jede einzelne Athletin hat ihre ganz persönliche Geschichte, umso schöner, dass diese unterschiedlichen Herangehensweisen auch zum Erfolg führen.
picture

Das deutsche Team feiert sein starkes Ergebnis in Flachau

Fotocredit: Getty Images

Die ganz großen Favoritinnen werden in Frankreich wohl erneut Mikaela Shiffrin und Petra Vlhova sein. Wie verfolgen Sie den steten Schlagabtausch zwischen den beiden Dominatorinnen?
Dopfer: Wenn man sich die Zahlen und Statistiken von Mikaela Shiffrin ansieht, ist das schon faszinierend und unfassbar beeindruckend. Sie ist die Frau der Superlative. Gleichzeitig finde ich es spannend zu beobachten, wie sich Petra Vlhova mit einem anderen Ansatz, einer kraftvolleren und kämpferischen Fahrweise immer wieder gegen Shiffrin behaupten kann. Dieser Spannungsbogen für uns ist großartig. Mit einer Vlhova, Holdener oder Dürr in Top-Form wird es für Shiffrin nie ein Spaziergang werden, wenn es um den Sieg geht. Die Leistungsdichte an der Spitze im Slalom ist noch einmal größer geworden und das lässt uns auf spannende und interessante Rennen hoffen.
Aufgrund ungünstiger Wettervorhersagen wurden die Weltcup-Rennen in Garmisch-Partenkirchen Ende Januar abgesagt. Es wäre eine wichtige Generalprobe vor der WM gewesen. Wie wirkt sich das auf die Fahrer und Vorbereitung aus?
Dopfer: Zu allererst tut’s mir für den DSV und das OK Ski Weltcup Garmisch mit all den engagierten Helfern leid, dass keine Rennen auf der Kandahar stattfinden konnten. Trotz allem möchte ich unterstreichen, wie lässig der Nachtslalom in Garmisch am 04. Januar 2023 war. Ich hoffe darauf, dass dieses Event auch die nächsten Jahre ein Fixbestandteil des Herren-Weltcup-Kalenders wird.
Die Athletinnen und Athleten werden immer wieder mit Absagen und Verschiebungen konfrontiert. Das ist Teil des Berufs Leistungssportler. Es ist nun mal kein Hallensport, wo man davon ausgehen kann, dass die Ansetzungen der Wettkämpfe auch immer so durchgezogen werden können. Auf dem Weg in den Weltcup über die FIS- und Europacup-Rennen gibt es jedes Jahr für Athleten, Betreuer und Organisatoren solche Herausforderungen, weshalb in dieser Hinsicht ein gewisser Grad an Flexibilität vorhanden ist. Daher würde ich das Thema nicht allzu hoch hängen.
In Wengen steht das Comeback von Thomas Dreßen nach einer mehrwöchigen Verletzungspause an. Was kann oder darf man von ihm in den kommenden Rennen - auch bei der WM - erwarten?
Dopfer: Persönlich freut es mich extrem für ihn, dass er so schnell wieder zurück ist und er sich mental und physisch wieder bereit fühlt. Für das Speed-Team der Herren ist es definitiv wichtig, dass Thomas in ihre Reihen zurückkehrt, da er einzigartige Fähigkeiten mitbringt und die Mannschaft bereichert. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es bei einem Comeback in erster Linie darum geht, sich selbst zu beweisen, dass man körperlich und geistig wieder absolut konkurrenzfähig ist. Thomas hat eine hohe Rennintelligenz und ist sich bewusst, was er braucht und wie er verschiedene Situationen angehen muss, um seine Ziele zu erreichen.
Mit dem Schweizer Mauro Caviezel ist nach Matthias Mayer und Beat Feuz ein weiterer prominenter Sportler zurückgetreten. Wie haben Sie auf diese Flut an Abschieden reagiert?
Dopfer: Als Athlet weißt du, dass die eigene Zeit als Leistungssportler ein Ablaufdatum trägt. Irgendwann ist es soweit und es wird ein Schlussstrich gezogen, der endgültig ist! Jeder Athlet geht anders damit um, trotzdem geht es jedem nahe. Wenn du dich für den Weg eines Leistungssportlers entscheidest, bist du es 24 Stunden, 7 Tage die Woche und 365 Tage im Jahr. Das heißt nicht, dass du immer trainierst, aber es heißt, dass du sehr vieles dem Leistungssport unterordnest und er dein Leben nachhaltig prägt.
Mayer, Feuz und Caviezel haben unglaublich viel für diesen Sport geleistet. Drei unterschiedliche Persönlichkeiten, die auf ihre eigene Art und Weise genial waren und Geschichten geschrieben haben, die es bisher noch nicht gegeben hat. Ein unfassbarer Beißer und Kämpfer wie Mauro Caviezel nötigt mir absoluten Respekt ab. Es war beeindruckend, wie er immer wieder von seinen schweren Verletzungen zurückgekommen ist und einzigartige Erfolge feiern konnte. Dasselbe gilt auch für Beat Feuz, den wahrscheinlich besten Abfahrer seiner Generation. Er hat seine Karriere unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen begonnen, da er mit schwersten Knieproblemen zu kämpfen hatte. Aber er hat sich mit seinem unfassbaren Instinkt und seinem Talent über Jahre hinweg an der Spitze der Abfahrer gehalten. Dann gibt es Matthias Mayer, den Mann für die Sternstunden des österreichischen Skisports. Er konnte seine Leistung auf den Punkt, wenn es zählte, genau abrufen.
Drei unterschiedliche Charaktere, die sehr viele Menschen inspirierten. Alle drei haben unterschiedliche Beweggründe für ihr Karriereende. Ich hoffe unabhängig davon, dass die drei Jungs dem Skisport auch in Zukunft erhalten bleiben und ihr Know-How und ihre Erfahrungen weitergeben werden.
picture

Mit Laufbestzeit aufs Podium: Dürrs irrer zweiter Durchgang

Quelle: Eurosport

Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung