Cornelia Hütter exklusiv im Eurosport-Interview: "Abfahrt ist Stress pur"

Cornelia Hütter strotzt vor Elan. Im Gespräch mit Viktoria Rebensburg spricht sie über eine lange Vorbereitung, Akrobatik als Schlüssel für Stabilität und mentale Ruhe im Abfahrtsstress. Sie blickt zurück auf eine Saison mit Höhen und Tiefen, erklärt ihren Anspruch auf Konstanz, spricht über Val d'Isère, Olympia in Cortina und die besondere Motivation, für Österreich an den Start zu gehen.

Hütter im Interview: "Da bekommt man einfach Gänsehaut"

Quelle: Eurosport

Zum Start der Speed-Saison hat sich Eurosport-Expertin Viktoria Rebensburg mit der österreichischen Abfahrtsläuferin Cornelia Hütter zum ausführlichen Gespräch getroffen.
Nach einer langen Vorbereitungsphase zieht Hütter Bilanz, spricht über Trainingsschwerpunkte wie Akrobatik, mentale Ruhe und die Lehren aus der vergangenen Saison, in der sie die Abfahrt in Beaver Creek und den Super-G in St. Moritz gewinnen konnte.
Dabei geht es um gelungene Rennen, schwierige Phasen und den Anspruch, über den Winter hinweg konstant auf hohem Niveau zu fahren.
Außerdem blickt die 32-Jährige auf die kommenden Stationen im Weltcup, ihre besondere Beziehung zu Val d’Isère und auf die Olympischen Spiele, die mit Mailand und Cortina geografisch näher rücken.
Viktoria Rebensburg: Wie geht’s dir? Wie war die Vorbereitung?
Cornelia Hütter: Danke, die Vorbereitung war lang. Wenn es dann losgeht, ist man trotzdem immer noch ein bisschen kritisch, ob man wirklich alles beieinander hat. Der Speed-Saisonstart war in diesem Jahr ein bisschen später als normal. Aber die Vorbereitung war lang genug, ich bin froh, dass es jetzt wieder losgeht.
Rebensburg: Hast du etwas anders gemacht, oder irgendwelche Anpassungen vorgenommen?
Hütter: Ich habe probiert, die Kondition aus der letzten Saison mitzunehmen, weil ich gemerkt habe, dass es mir besser taugt und ich darauf aufbauen kann. Ich habe auch wieder irrsinnig viel Akrobatik gemacht, weil ich gemerkt habe, dass mir das in der Abfahrt hilft, in der Luft auch stabil zu bleiben, wenn es da mit 110, 120 km/h über einen 50-Meter-Sprung geht. Dadurch weiß ich, wo ich die Hände und Füße habe.
Rebensburg: Wenn du von Akrobatik sprichst, wie darf ich mir das vorstellen?
Hütter: Eigentlich ganz easy - Trampolin, Reck oder Bodenturnen. Oder auch Elemente mit einem Kasten, wie man es aus dem Turnunterricht kennt. Vorwärtssalto, Rückwärtssalto, Handstand-Überschlag, Springen, Intervalle, die ganzen Elemente hintereinander reihen. Oder auch einen Turm aufbauen - lustige Sachen, die aber auch sehr herausfordernd sind. Oft ist es schwierig, im Sommer den gewissen Nervenkitzel und die Konzentration zu simulieren, die sonst im Abfahrtstraining ganz normal sind.
Rebensburg: Wie würdest du deine letzte Saison einordnen und was sind deine größten Lernmomente gewesen?
Hütter: Der Start in Beaver Creek war natürlich mega und dann kam gleich St. Moritz mit den zwei Siegen. Es ist mir leicht von der Hand gegangen. Das waren Momente, in denen ich gedacht habe: So fühlt sich Skifahren an. Das war echt cool. Über Weihnachten bin ich krank geworden, da habe ich schon gemerkt, dass ich mich schwertue.
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Quelle: Eurosport

Rebensburg: Bei der Heim-WM in Saalbach/Hinterglemm konntest du keine Medaille einfahren...
Hütter: Da habe ich mir selbst Druck gemacht und gespürt, ich komme mit den Verhältnissen nicht so zurecht. Deshalb war es dort ein Up und Down. Dass ich mich da wieder herauskämpfen konnte, hat mich sehr stolz gemacht. Das habe ich von einer auf die andere Woche wieder geschafft. Das Weltcup-Finale war natürlich ein bisschen schade, weil mir da die Chance genommen wurde, um die Abfahrtskugel zu kämpfen. Es war ja ziemlich knapp mit Fede (Federica Brignone, Anm. d. Red.). Es hätte mir irrsinnig Spaß gemacht, das letzte Rennen noch zu fahren. Leider ist es abgesagt worden. Freiluftsport ist nun mal so. Hätte ich es bei den anderen Rennen besser gemacht, hätte es am Ende vielleicht anders ausgeschaut. Im Großen und Ganzen war es viel aufwärts und ein bisschen was abwärts. Und es gab schon Dinge, die ich noch lernen und besser machen kann.
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Roland Assinger (l.) und Cornelia Hütter nach dem Gewinn des Abfahrtsweltcup 2024

Fotocredit: Imago

Rebensburg: Wie ist deine Erwartungshaltung und deine Zielsetzung für die neue Saison?
Hütter: Jetzt bin ich ja auch schon ein, zwei Jahre dabei und ich merke, dass ich es mental ruhiger angehe. Abfahrt fahren ist Stress pur. Das bedeutet 100 Prozent geben, immer am Limit sein. Das bedeutet Risiko, du musst attackieren, alles geben. Aber diese hohe Spannung über die gesamte Saison hält man nicht aus, du musst auch immer deine 'Off-Momente' finden, damit du dann wieder voll angreifen kannst. Ich hoffe, dass ich es in diesem Jahr besser zusammenbringe. Dass ich zwischendurch auch mal durchatmen, mal entspannen und es dann wieder angehen kann. Da tue ich mich noch oft schwer, diesen Kick von der Abfahrt zu überkommen. Ich bin oft auf so einem hohen Level unterwegs. Wie gesagt: Die Phase mit 100 Prozent und die Phase null Prozent - dass ich das besser in Einklang bringe, das probiere ich zu schaffen.

Jetzt bin ich ja auch schon ein, zwei Jahre dabei und ich merke, dass ich es mental ruhiger angehe. Abfahrt fahren ist Stress pur. Das bedeutet 100 Prozent geben, immer am Limit sein. Das bedeutet Risiko, du musst attackieren, alles geben. Aber diese hohe Spannung über die gesamte Saison hält man nicht aus, du musst auch immer deine 'Off-Momente' finden, damit du dann wieder voll angreifen kannst. Ich hoffe, dass ich es in diesem Jahr besser zusammenbringe.
Cornelia Hütter über ihre Ziele für die Saison

Rebensburg: Hast du eine spezielle Taktik dafür?
Hütter: Ja, ich habe mir schon viel überlegt. Aber das Wichtigste ist, dass man es einfach hält. Dass man die Dinge nicht verkompliziert, das macht es nachher aus. Je genauer man es machen will, desto schlimmer wird's. Viele Sachen auf einen zukommen lassen, trotzdem vorbereitet sein - das ist die beste Taktik und so werde ich es angehen.
Rebensburg: Blicken wir voraus auf Val d’Isère - wie liegt dir die Strecke und was macht sie so besonders?
Hütter: Eines meiner Ziele ist es, mit einer Kuh heimzufahren. Das ist dort der 'special price' und das war schon immer ein kleiner Traum von mir. Val d'Isère ist eine sehr anspruchsvolle Strecke. Dort habe ich in der Abfahrt mein erstes Weltcup-Podium erreicht (Dritte 2013, Anm. d. Red.). Ich habe coole Erinnerungen daran. Du kennst es selber noch: In Val d’Isère musst du dich oben klein machen und hoffen, dass du einen guten Ski hast. Auf der Wiesn wird es dann einfach kalt, finster und sehr ruckelig. Man muss den Schalter umlegen, wenn es ins Karussell geht und unten raus den Speed mitnehmen. Da ist einfach alles drin. Du brauchst eine gute Technik, ein gutes Gefühl - und viel Mut.
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Quelle: Eurosport

Rebensburg: Bei euch hat es im Sommer teamintern ein paar andere Schlagzeilen gegeben. Wie hast du das wahrgenommen?
Hütter: Es war in dem Sinne weiter weg, weil der Skisport im Sommer generell weit weg ist. Das ist auch gut so, weil es im Leben auch andere wichtige Dinge abseits der Skipiste gibt. Aber natürlich habe ich das auch mitbekommen. Ich fand es extrem cool und wichtig, dass wir das intern alles thematisiert und uns ausgesprochen haben - vor allem auf einem neutralen Untergrund. Wenn wir 13, 14 Mädels an einem Rennwochenende sind, dann liegen die Nerven oft blank, da geht es ums Abfahrt fahren, ums bereit sein. Da hat man einfach mehr Emotionen, als wenn man die Dinge im Sommer auf neutralem Boden diskutiert. Das hat nicht nur uns Routinierteren gutgetan, sondern auch den jungen Mädels, die nachkommen. Da traut man sich oft nicht, etwas zu sagen, man ist neu und will nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
Rebensburg: Blicken wir etwas voraus auf die Olympischen Spiele. Was unterscheidet ein Olympia-Rennen von einem 'normalen Rennen'?
Hütter: Wenn man die Ringe sieht, egal ob Leistungssportler oder nicht, da stellt es einem die Nackenhaare auf. Es sind ganz spezielle Rennen, auch wenn man als Athlet immer versucht, sie einfach zu halten. Es ist einfach etwas Besonderes. Ich war 2014, 2018 und 2022 dabei und es waren einfach großartige Momente und das, obwohl ich eigentlich noch gar nicht dafür bereit war. Es ist alles einfach ein bis zwei Stufen über dem, was wir sonst so im Alltag erleben. Ich weiß, dass sie die Spiele in Mailand und Cortina richtig cool aufziehen werden und dass es ein richtig lässiges Event wird. Ich hoffe, du kannst mir noch ein paar Tipps geben. (lacht)

Wenn man die Ringe sieht, egal ob Leistungssportler oder nicht, da stellt es einem die Nackenhaare auf. Es sind ganz spezielle Rennen, auch wenn man als Athlet immer versucht, sie einfach zu halten. Es ist einfach etwas Besonderes.
Cornelia Hütter über die Olympischen Spiele

Rebensburg: Was ist deine erste Erinnerung an Olympische Spiele aus deiner Kindheit?
Hütter: Die Frage habe ich schon häufiger gestellt bekommen und ich bin echt schlecht darin, sie zu beantworten. Mir ist nämlich nichts eingefallen. (lacht)
Rebensburg: Die Olympischen Spiele kehren in die Alpen zurück. Ist das eine zusätzliche Motivation für dich?
Hütter: Auf jeden Fall! Ich bin sehr dankbar dafür. Es macht für uns Rennfahrer viel aus, dass Freunde, Familie und Fan-Klub dabei sind - so wie es in den letzten Jahren eigentlich überall war. Olympia war bislang immer so weit weg und teilweise gab es enorme Sicherheitsmaßnahmen. Das wollte ich keinem antun, nur damit er oder sie mir beim Skifahren zuschauen können. Darum sind bis jetzt immer alle daheim geblieben. Deshalb freue ich mich irrsinnig, dass die Olympischen Spiele nächstes Jahr fast daheim sind. In Italien fahre ich immer gerne, weil es ein so schönes Land ist. Ich mag das Essen, die Kulinarik. Es ist einfach gut. Das war bei den letzten Olympischen Spielen schon auch ein bisschen schwierig.
Rebensburg: Bereitest du dich auf eine Olympia-Saison anders vor wie auf eine normale Weltcup-Saison?
Hütter: Nein. Ich bin mir sicher, dass es wichtig ist, nicht auf den einen Moment, den einen Tag zu hoffen. Selbstvertrauen muss man sich erarbeiten, das bekommt man nicht im Schlaf. Natürlich ist der Druck größer, aber ich weiß auch, dass ich es drauf habe. Jedes Rennen kann schiefgehen, ich gehe nicht mit dem Mindset hin und sage: Im Februar muss es passen. Für mich muss es jetzt passen.

Ich bin mir sicher, dass es wichtig ist, nicht auf den einen Moment, den einen Tag zu hoffen. Selbstvertrauen muss man sich erarbeiten, das bekommt man nicht im Schlaf. Natürlich ist der Druck größer, aber ich weiß auch, dass ich es drauf habe.
Cornelia Hütter über ihre Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele 2026

Rebensburg: Wie wichtig ist es dir, dein Land zu repräsentieren?
Hütter: Schon sehr, weil ich eine stolze Österreicherin bin. In Österreich ist Skifahren ein Nationalsport. Ich finde es extrem wichtig, dass in Österreich die Kinder Skifahren lernen. Wenn irgendwo ein Kind sagt: "Ich will jetzt Skifahren gehen, weil ich die Hütter im Fernsehen gesehen habe", dann macht mich das stolz. Skifahren gehört zu Österreich, das ist unsere Kultur, ich finde, das sollte man leben.
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Quelle: Eurosport


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