Das Interview führte Thomas Janz - Linus Straßer bewegt sich zwischen den Slalomstangen wie ein artistischer Tänzer, der vor Schnellkraft nur so strotzt. Der Münchner ist beweglich, hält im Takt die Balance zwischen den Schwüngen und steht nahezu perfekt über dem Ski.
Jeder Schwung ein Beat. Doch wer glaubt, der Triumphator des Weltcup-Slaloms am Bärenberg wäre ein Lautsprecher, der täuscht sich. Im Interview am Tag nach dem größten Erfolg seiner Laufbahn präsentiert sich ein junger Mann mit leiser Stimme und angenehmen Tonfall - mit beiden Skiern am Boden.
Herr Straßer, was bedeutet Ihnen der erste Weltcupsieg Ihrer Karriere?
Zagreb
"Wildsau" Straßer: Slalom-König von Zagreb mit Potenzial für mehr
07/01/2021 AM 13:57
Linus Straßer: Ich habe bereits einmal im Parallelslalom gewonnen und wurde in dieser Disziplin zweimal Dritter. Das war zwar auch ein Weltcupsieg, aber der Erfolg in Zagreb ist doch etwas anderes, weil ich ein Slalomspezialist bin. Deswegen will man natürlich irgendwann in seiner Karriere einen Spezialslalom gewinnen. Es ist unglaublich, dass dieses Vorhaben nun funktioniert hat.
Die Emotionen bei der Siegerehrung waren groß. Was ist Ihnen in diesem Moment durch den Kopf gegangen als Sie die Freudentränen nicht mehr zurückhalten konnten?
Straßer: Das ist schwierig zu beschreiben. Ich habe an die Zeit davor gedacht und an alles, was ich dafür getan und geopfert habe, bis ich nun belohnt wurde. Als ich im zweiten Durchgang über die Ziellinie gefahren bin, dachte ich kurz: 'Das kann heute für das Podium reichen." Es war unbeschreiblich, als Manuel Feller, der Drittplatzierte des ersten Laufes, hinter mir war und ich wusste, dass mir die Platzierung auf dem Siegerpodest nicht mehr zu nehmen ist. Trotzdem dachte ich auch zu diesem Zeitpunkt nicht an den Sieg. Während Clément Noël durch die letzten Tore fuhr, wusste ich: 'Das geht sich heute für mich aus.' In diesem emotionalen Bad der Gefühle war der Sieg für mich eine riesige Überraschung - da wusste ich erst mal gar nicht, wohin mit meinen Emotionen.
Sind Sie mit diesem Triumph nun endlich aus dem Schatten von Felix Neureuther getreten, der in den letzten 15 Jahren federführend für den Slalom-Sport in Deutschland stand?
Straßer: Damit beschäftige ich mich nicht. Felix ist Felix und ich bin Linus.

"Mit Tränen in den Augen!" So holte Straßer seinen ersten Slalom-Sieg

Ihr zweiter Durchgang von Zagreb war ein Traumlauf, technisch extrem sauber und nahezu fehlerfrei. Sind Läufe wie diese One-Shots oder kann man diese konstant abrufen?
Straßer: Mein Ziel ist es, diese Leistung konstant abzurufen. Weltklassefahrer wie Henrik Kristoffersen oder Noël hatten in Zagreb extrem zu kämpfen, da ist mir schon etwas sehr Gutes geglückt und das möchte ich wieder abrufen. Ich mag es gerne, wenn es von der Piste her schwierig wird, deswegen kamen mir die Verhältnisse gelegen. Wenn man es dann auch noch so trifft, dann geht es relativ einfach. Im Sport ist es immer dasselbe: Wenn man das Richtige macht, fühlt es ich einfach an und sieht locker aus. Ziel ist es, das bei jedem Rennen hinzubekommen.
Ist eine schwierige Piste für Sie auch eine eisige? In Zagreb war der Schnee sehr weich und die Strecke ausgefahren.
Straßer: Die Verhältnisse waren so, wie ich sie bei einem Weltcup noch nie gesehen habe. Weicher Schnee, sehr ausgefahren und unregelmäßig. Einige leichte Tore mit einer ausgefahrenen Spur, die man einfach treffen musste. Dann waren perfekte Tore dabei, quasi unproblematisch und im nächsten Tor stand man wieder beinahe knietief in einer Wanne. In Adelboden soll die Piste in einem viel härteren und besseren Zustand sein. Darauf gilt es sich einzustellen.
Im Sport auf höchstem Niveau entscheidet der Kopf über Sieg und Niederlage. Haben Sie insbesondere auch im mentalen Bereich gearbeitet?
Straßer: Klar habe ich auch im mentalen Bereich gearbeitet, aber nicht wie man sich das vorstellt, mit einem Mentaltrainer. Nach meiner persönlichen Erfahrung können Mentaltrainer Denkanstöße und eine Richtung vorgeben, aber ich habe gemerkt, dass ich viel mit mir selbst ausmachen muss. Das habe ich in den letzten zwei Jahren gemacht und dadurch einen anderen Blickwinkel auf den Sport bekommen, was mir im Endeffekt viel weiterhilft.
Ihr Vater spricht im Interview mit dem "Merkur" von einem Reifeprozess. Sie könnten endlich mit dem Erwartungsdruck der Öffentlichkeit umgehen und würden sehr in sich selbst ruhen. Können Sie das bestätigen?
Straßer: Ja, absolut. Ich habe lange einen etwas größeren Rucksack mit mir herumgetragen, den ich verdrängt habe. Letztendlich haben sich mittlerweile viele Dinge relativiert, wie beispielsweise die Erwartungen der anderen. Einfach ausgedrückt ist es mir mittlerweile ziemlich egal, weil es meine Karriere ist und meine Zeit, die ich nutze oder auch nicht. Ich kann das inzwischen besser einordnen. Das ist ein Prozess, der letzte Saison begonnen hat und jetzt richtig ins Rollen gekommen, aber auch noch nicht abgeschlossen ist.

Erster Slalom-Sieg: So gewann Straßer den Weltcup von Zagreb

In Zeiten von Corona sind die Hänge leer. Wo einst tausende Fans jubelten, herrscht nun Stille. Verspüren Sie dadurch weniger Druck oder kommt Ihnen das gar entgegen?
Straßer: Mich haben die Zuschauer noch nie negativ beeinflusst, wenn, dann eher positiv. Man lernt gewisse Dinge oft erst schätzen, wenn man sie nicht mehr hat oder wenn sie nicht mehr da sind. Genauso geht es mir gerade mit den Fans in unserem Sport. In Zagreb war es eine seltsame Situation, weil die Emotionen aus mir herausgesprudelt sind, aber keine Zuschauer da waren, mit denen ich den Moment teilen konnte oder welche die Emotionen erwidert hätten, vor allem bei der Siegerehrung. Ich freue mich umso mehr, wenn die Rennen wieder unter normalen Bedingungen stattfinden können.
Wie würden Sie Ihren Weg als Ski-Profi hin bis zum Triumph in Zagreb beschreiben?
Straßer: Ein langer, harter und steiniger Weg mit vielen Anläufen. Aber auch ein Weg, auf dem ich keine Erfahrung, egal ob positiv oder negativ, missen will. Der Sport ist für mich ganz wichtig für das Persönliche. Ebenso auch andersherum: Das Persönliche ist sehr wichtig für den Sport. Der Sport hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Darüber bin ich extrem froh.
Zahlreiche Persönlichkeiten aus der Welt des Sports haben Ihnen zum Sieg in Zagreb gratuliert, darunter Fußball-Weltmeister Philipp Lahm. Sie stehen jetzt im Rampenlicht. Wie gehen Sie damit um?
Straßer: Es ist natürlich schön, wenn viele Menschen unseren Sport schauen und es ist eine Auszeichnung und eine Ehre, wenn sich solche Persönlichkeiten dafür interessieren. Anderseits freue ich mich über jeden Glückwunsch und alle Nachrichten, die bei mir hereinflattern.
Es folgt der Klassiker in Adelboden, sechs weitere Slaloms im Januar und der WM-Slalom. Viele Möglichkeiten also, im Stangenwald Gas zu geben.
Straßer: Jedes Rennen ist ein neues Rennen. Natürlich steht man als jemand, der nun einen Weltcupsieg einfahren konnte, anders am Start. Das ist auch wieder eine neue Erfahrung. Ich bin gespannt, wie es mir damit gehen wird und wie ich damit umgehe. Das Niveau ist wahnsinnig hoch. Man muss realistisch bleiben und braucht nicht glauben, es geht jetzt einfach von der Hand, nur weil ich ein Rennen gewonnen habe. Ich muss weiter voll am Limit fahren und ich weiß, es kann nach vorne reichen, wenn es mir gelingt.
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