Der japanische Skispringer Ryoyu Kobayashi hat die 70. Vierschanzentournee gewonnen, allerdings den historischen zweiten Grand Slam verpasst.
Nach zuvor drei Siegen reichte dem 25 Jahre alten Weltcup-Spitzenreiter (133,5 m/133,5 m/277,8 Punkte) am Dreikönigstag in Bischofshofen beim Sieg des Österreichers Daniel Huber ein fünfter Platz, um die Tournee nach 2018/19 mit der Rekordpunktzahl von 1162,3 zum zweiten Mal für sich zu entscheiden.
Kobayashi sicherte sich damit zum zweiten Mal den Goldenen Adler und darf sich über die neue Rekordprämie von 100.000 Schweizer Franken (ca. 96.700 Euro) für den Gesamtsieg nach den Springen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und zweimal in Bischofshofen (Innsbruck wurde abgesagt) freuen.
Skispringen
Geiger knapp am Podest vorbei: Endstand der 70. Vierschanzentournee
06/01/2022 AM 07:54
Insgesamt verdiente sich der Japaner mit drei Tages- und vier Qualifikationssiegen 147.300 Schweizer Franken (ca. 141.500 Euro) - ein ordentliches Salär nach insgesamt acht anstrengenden Wettkampftagen seit 28. Dezember.

Zum zweiten Mal: Kobayashi erhält den Goldenen Adler

Erster Weltcupsieg für Huber - Geiger fällt zurück

"Ich bin sehr froh über den Goldenen Adler, aber auch ein bisschen traurig, dass ich den Grand Slam nicht gepackt habe", sagte Kobayashi bei Eurosport. Mit dem Gesamtsieg untermauerte der 25-Jährige beim letzten Saisonhöhepunkt vor den Olympischen Spielen in Peking (4. bis 20. Februar live bei Eurosport) eindrucksvoll seine Favoritenrolle.
Der Sieg bei allen vier Springen war Kobayashi allerdings nicht vergönnt - der Gesamt-Neunte Daniel Huber flog beim zweiten Springen in Bischofshofen auf 136,5 und 137,0 Meter (286,8) und feierte damit seinen ersten Weltcupsieg.
"Unglaublich, ich habe keine Worte", sagte der 29-Jährige: "Meinen ersten Weltcup zuhause zu gewinnen, ist wie ein Traum. Das ist einer der besten Tage meines Lebens. Heute ist alles zusammengelaufen. Ich hatte noch nie so viel Spaß beim Skispringen."
Karl Geiger (140,5 m/132,0 m/281,9), der nach dem ersten Durchgang in Führung gelegen hatte, fiel im Finale am Donnerstag auf Platz drei zurück und wurde Gesamt-Vierter. "Der zweite Sprung war nicht ganz sauber, er war zu spät, das hat mich geärgert", sagte Geiger bei Eurosport. Tagesrang zwei verpasste er nur um 0,5 Punkte.

Geiger zieht trotz Gesamtrang vier positives Fazit

Nach Platz fünf in Oberstdorf, Rang sieben in Garmisch-Partenkirchen und Platz vier beim ersten Springen in Bischofshofen am Mittwoch heimste Geiger aber immerhin seine erste Podestplatzierung im Rahmen der 70. Vierschanzentournee ein. "Ich bin sehr zufrieden", sagte der Oberstdorfer.
Wenngleich er als Gesamtweltcupführender und damit als Favorit zur Tournee gereist war, zog Geiger bei Eurosport ein positives Fazit: "Es passt schon so. Es war eine schwierige Tournee vom Start weg mit einem ziemlichen Dämpfer zwischendurch (Garmisch-Partenkirchen, Anm. d. Red.). Es kam nur noch darauf an, wieder in Schwung zu kommen und das habe ich heute gut gemacht. Deshalb bin ich zufrieden."

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Geiger hatte 2019/20 beim Sieg des Polen Dawid Kubacki Gesamtrang drei und 2020/21 beim dritten Erfolg von Kamil Stoch (Polen) Gesamtrang zwei geholt - diesmal schrammte er um 4,6 Punkte am Tournee-Podest vorbei.
"Es ist immer ein bisschen bitter", sagte Bundestrainer Stefan Horngacher in der "ARD" über Geiger: "Es geht weiter, er hat sich sehr gut präsentiert. Die Tournee ist nicht hundertprozentig so gelaufen, wie wir das wollten."

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Eisenbichler hadert mit zweitem Sprung

Markus Eisenbichler (133,0 m/134,0 m/275,2) belegte Rang acht und wurde in der Gesamtwertung Fünfter - somit stand erstmals seit 2016/17 kein DSV-Adler auf dem Tourneepodest. 2018/19 hatte der Siegsdorfer beim ersten Gesamtsieg von Kobayashi mit Platz zwei seine beste Tournee abgeliefert.
Nach 140,5 Metern und Platz zwei in der Qualifikation hinter Kobayashi hielt der 30-Jährige im Wettkampf allerdings nicht ganz das Niveau. "Ich war extrem spät, das hat schon richtig weh getan", sagte Eisenbichler bei Eurosport über seinen zweiten Sprung: "Ich habe mich eigentlich schon bei 125 fahren sehen. Dass ich dann so weit springe, ist ganz nett, aber es ärgert einen dann fast noch mehr, weil man weiß, dass extrem viel drin war. Aber ich bin selbst schuld", ergänzte er.
Mit Tournee-Rang fünf konnte er sich nicht so recht anfreunden: "Das interessiert keinen. Du musst auf dem Stockerl sein, das ist wichtig. Da haben wir beide, der Karl und ich, heute die Chance leider verpasst." Die deutschen Hoffnungsträger müssen 20 Jahre nach dem letzten Tourneesieg von Sven Hannawald weiter warten.
Insgesamt habe man sich "ganz gut geschlagen, aber es hat einfach ein bisschen was gefehlt". Eisenbichler war in Garmisch-Partenkirchen nur 0,2 Punkte hinter Kobayashi knapp am Tagessieg vorbeigesprungen - das beste deutsche Einzelergebnis bei der Tournee 2021/22.

Lindvik und Granerud auf dem Tournee-Podest

Die Podestplätze zwei und drei der Tournee gingen an Marius Lindvik und Halvor Egner Granerud aus Norwegen. Lindvik, schon 2020 Tournee-Zweiter, rettete sich in Bischofshofen nach einem verkorksten ersten Sprung noch auf Rang zehn (126,0 m/139,0 m/271,5) und behielt damit die Oberhand vor Eisenbichler, Geiger und dem Tageszweiten Granerud (136,5 m/136,0 m/282,4).
"Ich bin froh, dass ich es überhaupt in den zweiten Durchgang geschafft habe", meinte Lindvik nach Zwischenrang 23: "Mit Tournee-Platz zwei bin ich sehr happy. Ryoyu war unglaublich, sein Sieg ist wohlverdient."
Constantin Schmid (Oberaudorf/130,5 m/130,0 m/255,7) kam auf Rang 17, Pius Paschke (Kiefersfelden/130,5 m/126,0 m/245,1) auf Platz 23. Stephan Leyhe (Willingen/130,0 m/125,5 m/242,2) wurde einen Tag nach seinem 30. Geburtstag 25. und verpasste damit knapp die Top Ten im Gesamt-Ranking (11.).
"Dass ich alle acht Wertungssprünge geschafft habe, ist positiv", sagte Leyhe, der die Saison 2020/21 wegen eines Kreuzbandrisses komplett verpasst hatte und erst diesen Winter wieder in den Weltcup zurückgekehrt war: "Leider war es heute nicht ganz so mein Tag. Es fehlen ein paar Meter zur Top Ten."
Im ersten Durchgang ausgeschieden waren Severin Freund (46./121,5 m), der sein Duell gegen dem amtierenden Gesamtweltcupsieger Granerud verlor, und Olympiasieger Andreas Wellinger (34./124,0 m), der Großschanzen-Weltmeister Stefan Kraft um 0,2 Punkte unterlag (beide 124,0 m).

Slowene Kos springt 144 Meter

Lovro Kos (Slowenien) überzeugte derweil mit der Tagesbestweite von 144,0 Metern im zweiten Durchgang - nur einen Meter unter dem von Dawid Kubacki (Polen) seit 2019 gehaltenen Schanzenrekord und der drittweiteste jemals bei der Vierschanzentournee gezeigte Sprung.

144 Meter! Kos gelingt drittweitester Satz der Tournee-Geschichte

Manuel Fettner (Österreich), Sechster nach dem ersten Durchgang, stürzte bei der Landung nach einem Sprung auf 132,0 m.
Im Vergleich zu Kobayashi fehlte es den DSV-Adlern im Tournee-Verlauf an Konstanz, den perfekten Sprüngen und teilweise auch am nötigen Windglück. Geiger war zum Auftakt in Oberstdorf als Fünfter in Schlagdistanz geblieben, verlor allerdings in Garmisch-Partenkirchen wegen Rückenwindes entscheidende Meter.
Eisenbichler verpasste beim Neujahrsspringen um die Winzigkeit von 0,2 Punkten oder umgerechnet elf Zentimetern den Sieg. Zuvor hatte der sechsmalige Weltmeister allerdings als Siebter in Oberstdorf geschwächelt.

20 Jahre kein deutscher Tournee-Sieg

Die windbedingte Absage des Bergisel-Springens in Innsbruck, das die Gesamtwertung unter Umständen durcheinandergewirbelt hätte und stattdessen im vom Wind geschützteren Bischofshofen nachgeholt wurde, kam den deutschen Überfliegern bei der "Dreischanzentournee" auch nicht entgegen.
So blieb auch 20 Jahre nach Hannawald nach zuletzt sechs deutschen Podestplätzen seit 2016 der ersehnte Tournee-Titel aus.
Horngacher durfte mit der Leistung seiner Mannschaft rückblickend trotzdem zufrieden sein. Leyhe meldete sich nach einem Kreuzbandriss stark zurück, auch Team-Weltmeister Freund, der zuvor noch im Continental Cup sprang, und Olympiasieger Wellinger, der mit Rang sieben in der ersten Bischofshofen-Quali aufhorchen ließ, etablierten sich mit guten Ergebnissen im Weltcup-Team.
Das DSV-Team wird jedenfalls in Bischofshofen bleiben, bereits am Wochenende geht es mit einem Einzel- sowie Mannschaftswettbewerb auf der Paul-Außerleitner-Schanze im Pongau weiter.

Vierschanzentournee: Endstand

PLATZNAMEPUNKTE
1.R. Kobayashi (Japan)1162,3
2.M. Lindvik (Norwegen)1138,1 (-24,2)
3.H. E. Granerud (Norwegen)1128,2 (-34,1)
4.K. Geiger (Deutschland)1123,6 (-38,7)
5.Eisenbichler (Deutschland)1117,6 (-44,7)
6.R. Johansson (Norwegen)1107,9 (-54,4)
7.L. Kos (Slowenien)1093,0 (-69,3)
8.J. Hörl (Österreich)1075,7 (-86,6)
9.D. Huber (Österreich)1069,9 (-92,4)
10.Y. Sato (Japan)1064,7 (-97,6)
11.S. Leyhe (Deutschland)1021,9 (- 140,4)
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(mit SID)

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