Vierschanzentournee - Werner Schuster im Interview zum Duell Wellinger/Kobayashi: "Wir brauchen ein bisschen Drama"

Eurosport-Experte und Ex-Bundestrainer Werner Schuster erklärt im Exklusiv-Interview, warum Andreas Wellinger beim Finale der Vierschanzentournee in Bischofshofen den historischen Sieg für den Deutschen Skiverband einfliegen kann: "Andi muss zwei Topsprünge machen und Ryoyu Kobayashi irgendwie zweieinhalb Meter abknöpfen. Es wird wahrscheinlich sogar notwendig sein, das Springen zu gewinnen."

Ringen mit dem Schicksalsberg: Das sagen Wellinger, Geiger und Co.

Quelle: Eurosport

In Bischofshofen sind die Augen der Skisprung-Welt auf das Duell zwischen Andreas Wellinger und Ryoyu Kobayashi gerichtet.
Den Deutschen trennen 4,8 Punkte vom Gesamtführenden aus Japan, der in Innsbruck an die Spitze kletterte.
Eurosport-Experte Werner Schuster blickt im exklusiven Eurosport-Interview auf die Chancen des 28-jährigen Deutschen.
Wellinger rät der ehemalige Bundestrainer des Deutschen Skiverbandes dabei: "Es ist wichtig, dass man auf die eigenen Instinkte vertraut. Er ist gut beraten, auf Bewährtes zu vertrauen und nichts neu zu erfinden."
Wie würde der ehemalige Bundestrainer Werner Schuster seinen Schützling Andreas Wellinger auf das Springen in Bischofshofen einstellen?
Werner Schuster: Er ist mein ehemaliger Schützling und hat im Moment das Trainerteam mit Stefan Horngacher und Andreas Mitter um sich. Sie werden die richtigen Worte finden. Die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend. Sonst hätte Andi nicht diese tollen Leistungen erbringen können. Ich vertraue da voll und ganz dem Trainerteam. Und ich denke, Andi tut das auch.
Wer von beiden - Kobayashi und Wellinger ist nach drei Wettkämpfen der bessere Springer und warum?
Schuster: Der bessere Springer ist im Moment Kobayashi. Er führt mit 4,8 Punkten Vorsprung, weil er etwas stabiler ist. Man sieht es an seinen Ergebnissen mit drei zweiten Plätzen in Folge. Andi kann in der Spitze unglaublich gut springen, das hat man in Oberstdorf gesehen. Eine derartige Leistung wird er in Bischofshofen noch einmal brauchen. Dann kann er die Tournee gewinnen.
Die mentale Stärke wird im Finale eine große Rolle spielen. Welche Methoden wird Wellinger anwenden, um im entscheidenden Moment voll da zu sein?
Schuster: Er wird auf Bewährtes vertrauen. Er ist sehr routiniert und hat viel durchgemacht. Er hat seine Wettkampfrituale. In Oberstdorf hat er im ersten Versuch seinen besten Sprung gemacht. Der erste Durchgang ist bei der Vierschanzentournee der schwierigste. Er kann auf seine Rituale vertrauen und wird versuchen, Dinge auszublenden. Er weiß, dass er wahrscheinlich den härtesten Gegner hat, den man sich im Moment im Skisprungzirkus vorstellen kann. Immerhin hat Kobayashi die Vierschanzentournee schon zwei Mal gewonnen. Wellinger weiß, dass er von Sprung zu Sprung denken muss. Er muss im Moment bleiben, nicht zu viel vorausdenken, sondern jeden Sprung lösen. Gerade bei dem langen Anlauf in Bischofshofen hat man viel Zeit nachzudenken. Da ist es wichtig, dass man auf die eigenen Instinkte vertraut. Er ist gut beraten, auf Bewährtes zu vertrauen und nichts neu zu erfinden.
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Tief durchatmen! Wellinger rettet sich am Schicksalsberg

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Viele Skispringer sagen: Ich muss meine Sachen machen, dann ist alles gut. Was bedeutet das?
Schuster: Sven Hannawald hat es rustikaler ausgedrückt: 'Ich muss mein Zeug machen.' Das bedeutet folgendes: Bei jedem Springer gibt es einen Knotenpunkt, auf den man achten muss. Es ist wie eine Schlüsselstelle beim Abfahrtslauf, die man erwischen sollte. Alles andere läuft dann. Im Optimalfall muss man gar nicht viel denken und kommt in einen gewissen Flow. Es ist wichtig, dass man sich nicht verzettelt und beeinflussen lässt. Wenn beispielsweise Kobayashi im Probedurchgang drei Meter weiterspringt, meint man plötzlich, dass man extra Energie kreieren muss. Kommt man dann aber von den eigenen Abläufen weg, geht das meistens schief. Das bedeutet, dass man auf seine Stärken vertrauen und die Schlüsselstellen lösen muss - einfach gut Skispringen. Zudem benötigt man ein wenig Vertrauen in das Gesamtkonstrukt und die Bedingungen. Das reicht, anstatt mehr tun zu wollen als notwendig.
Inwiefern ist es ein Vorteil, dass Wellinger vor dem letzten Springen auf seiner Lieblingsschanze nicht mehr der Gejagte, sondern der Jäger ist?
Schuster: Ob es wirklich viel ändert, da bin ich mir nicht sicher. Es ist immer noch besser, fünf Punkte Vorsprung als Rückstand zu haben. Fünf Zähler Rückstand sind aufholbar. Die Tagesform wird entscheiden. Wellinger weiß genau, dass Kobayashi in Bischofshofen sehr weit springen kann. Andi muss zwei Topsprünge machen und ihm irgendwie zweieinhalb Meter abknöpfen. Es wird wahrscheinlich sogar notwendig sein, das Springen zu gewinnen. Es sei denn, es kommt wieder einer aus der Kiste wie Jan Hörl. Grundsätzlich ist Kobayashi ein harter Gegner. Wellinger muss seine besten Sprünge machen und darf sich nicht ablenken lassen. Dann kann es funktionieren. Ich denke, es ist genug über die historische Chance für Deutschland, die Tournee zu gewinnen, gesprochen worden. Vielleicht ist es sogar ein Vorteil, dass Andi jetzt als Angreifer reingeht. Schließlich weiß er, dass es nicht reicht, wenn er nur solide springt. Er muss in den Angriffsmodus gehen, so wird er es anlegen.
Ist der Weltcupführende Stefan Kraft der große Verlierer der Tournee?
Schuster: Das finde ich nicht. Er hat gute Performances gezeigt. In Oberstdorf hatte er etwas Pech mit dem Wind. Das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen hat er von den letzten sieben Tourneen am besten bewältigt. Am Bergisel in Innsbruck hat er unglaubliche Akzente gesetzt und seine Klasse unter Beweis gestellt, auch wenn er erneut nicht vom Wind begünstigt war. In Bischofshofen hat er das Potenzial, am Ende ganz vorne zu sein. Kraft hat selbst gesagt, dass er froh ist, die Tournee schon einmal gewonnen zu haben. Er weiß jetzt, wie schwierig es ist, die Vierschanzentournee zu als Sieger zu beenden. Leistungsmäßig kann er sich nichts vorwerfen. In diesem Jahr war er einfach nicht dran. Es muss zusammenpassen und bei ihm war das nicht der Fall.
Schafft Wellinger den großen Coup nicht, ist der Ergebnis des Deutschen Skiverbandes (DSV) ernüchternd. Wie beurteilen Sie die Leistungen der deutschen Springer?
Schuster: Nein, das stimmt nicht! Es ist kein Wunschkonzert, es ist Spitzensport. Es sind vier Deutsche unter den besten 16 der Gesamtwertung. Das Springen in Innsbruck war etwas ernüchternd, aber es war das erste, das nicht so gut gelaufen ist. Insgesamt war es aber bereits das elfte im Weltcup. Letztes Jahr war man froh, wenn einer unter die ersten Zehn kam. In diesem Jahr springt die deutsche Mannschaft sehr gut. Man springt mit einem Mann um den Sieg mit. Karl Geiger hat die Form verloren, darunter leidet er am meisten. Im Endeffekt geht es darum, einen ganz vorne zu positionieren. Man sieht an Stefan Kraft, wie schwer das ist. Ich glaube, bei diesem Thema geht man etwas zu hart ins Gericht. Die deutsche Mannschaft ist top vorbereitet, performt gut und hat ihren Beitrag geleistet, dass es eine hochattraktive Vierschanzentournee ist.
Ihr Sohn Jonas ist in Innsbruck vor 21.000 Zuschauern und einer Mega-Stimmung auf Rang 32 gelandet. Wie war die Erfahrung für den Junior und für den Papa?
Schuster: Es war total spannend, aus Elternsicht zu erleben, was ein solches Event mit einem jungen Menschen macht - wenn man als Elternteil seine Kinder unterstützt und ihnen ihr Hobby ermöglicht. Es stecken zehn Jahre Arbeit dahinter. Man verbringt viele Wochenenden auf der Schanze, steht unterstützend zur Seite und fängt den Nachwuchs auch manchmal emotional auf. Umso schöner ist es, wenn man das Privileg hat, dass der eigene Sohn bei so einem Event mitspringen kann. Jonas hat es hervorragend gemacht. Es ist äußerst schwierig, im Seniorenbereich Fuß zu fassen. Bei seinem ersten Auftritt hat er nur knapp das Finale verpasst. Auch in dieser Stresssituation ist er voll handlungsfähig geblieben - einfach toll.
Ihr Tipp: Wer gewinnt die Vierschanzentournee?
Schuster: Wellinger. Ich hatte schon vorhergesagt, dass Kobayashi ihm in Innsbruck die Führung abjagen wird. In Bischofshofen wird er auch noch nach dem ersten Sprung vorne sein. Im letzten Sprung wird Andi aber an Kobayashi vorbeiziehen und die Vierschanzentournee gewinnen. Wir brauchen ein bisschen Drama.

Zur Person Werner Schuster:

Werner Schuster war von 1986 bis 1995 aktiver Skispringer. Wie bereits sein Vater Willy nahm der 54-Jährige an der Vierschanzentournee teil. Der Österreicher war von 2008 bis 2019 Bundestrainer im Deutschen Skiverband (DSV). 2014 führte er die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Sotschi im Team-Wettbewerb zur Goldmedaille. Andreas Wellinger feierte unter Schusters Ägide 2018 Olympia-Gold in Pyeongchang. Zusätzlich zu seiner Expertentätigkeit bei Eurosport ist der Vorarlberger seit vergangenen Sommer für den DSV als Trainer im Nachwuchsbereich tätig.
Schuster ist verheiratet und Papa von zwei Kindern. Jonas (20) ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und platzierte sich beim Weltcup-Springen in Innsbruck auf Rang 32. Jannik (17) ist U18-Fußball-Nationalspieler und kam in dieser Saison in der UEFA Youth League für Red Bull Salzburg zum Einsatz. Im Oktober gab er zudem sein Zweitliga-Debüt für das RB-Farmteam FC Liefering.
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