Andreas Wellinger mit hohen Zielen vor der neuen Saison: "Man kann die Tournee nicht in einem Sprung gewinnen"
VonNiklas Bien
Update 05/11/2024 um 08:01 GMT+1 Uhr
Die Sommerpause ist vorbei und so langsam wird es wieder richtig ernst - auch für Andreas Wellinger. Im exklusiven Interview mit Eurosport spricht der 29-Jährige über die "holprigen" Sommermonate, die Vorfreude auf den bevorstehenden Saisonstart und seine persönlichen Ziele im WM-Winter. Vor allem ein Saison-Highlight hat besonders hohen Stellenwert für den Olympiasieger von 2018.
Wellinger exklusiv über Ziele, Druck und Gänsehautmomente
Quelle: Eurosport
Andreas Wellinger kennt die langsam wachsende Aufregung vor dem Start in eine Saison mittlerweile sehr gut. Der 29-Jährige ist "ein alter Hase", wie er selbst über sich sagt - und wie das Gewinnen funktioniert, weiß der zweifache Olympiasieger ja sowieso.
Wellinger ist erfahren genug, sich selbst nicht nur an Ergebnissen zu messen. Klar ist aber auch: Das erfolgreiche Vorjahr mit dem 3. Platz im Gesamtweltcup ist der Maßstab, der im bevorstehenden WM-Winter angelegt wird. Oder anders: "In den Top 10 herumspringen" reicht dem gebürtigen Traunsteiner längst nicht mehr.
Im Sommer ging es um die Optimierung von Details. Machen auf dem Leistungsniveau eines Andreas Wellinger doch genau diese Kleiningkeiten oft den Unterschied.
Welche Details das sind, welche Ziele der DSV-Adler genau im Blick hat und wie er den Skisprung-Hype in Deutschland verlängern will, erklärt der 29-Jährige im exklusiven Gespräch mit Eurosport.
Bis zum ersten Weltcup-Springen ist es noch einige Wochen hin. Wie läuft die Saisonvorbereitung und wie groß ist die Vorfreude auf die neue Saison?
Andreas Wellinger: Die Vorfreude ist riesig! Der Start in den Sommer war sehr gut, dann war es im Juli, August ein bisschen holprig - ein bisschen Rückenprobleme gehabt, das Körpergefühl ist auf der Schanze nicht so ganz das richtige gewesen. Wir haben dann aber einen ganz guten Weg gefunden, der von Anfang September wieder bergauf gegangen ist mit einem sehr erfolgreichen Sommer-Grand-Prix-Abschluss inklusive deutscher Meisterschaft: Da war ich selbst überrascht, dass es so gut funktioniert hat. Denn die Stabilität, die Sprünge wirklich alle auf hohem Niveau abzurufen, ist mir noch nicht gelungen. Das muss ich mir noch erarbeiten - dafür gibt es ja noch vier Wochen Zeit.
Den Ergebnissen nach sind Sie bereit für die neue Saison. Fühlen Sie sich auch so - gerade mit den Rückenschmerzen, die sie plagten?
Wellinger: Ich fühle mich schon ready. Der Körper funktioniert sehr gut, das Training läuft. Wir haben eben jetzt die finale Phase der Vorbereitung und werden in Summe noch vier Lehrgänge machen in den nächsten vier Wochen. Das ist immer so der klassische Feinschliff - ob wir den hinkriegen, werden wir dann im ersten Weltcup sehen. Das ist aber auch erst der Start, die Saison geht wieder sehr lang bis zum 1. April. Wir haben einige Wochen, einige Reisen und einige Highlights vor uns. Die Aufgabe für mich ist, dass ich einen stabilen Sprung hinkriege, dass ich wenige Fehler mache, beziehungsweise mir einen Sprung erarbeite, der mit Fehlern immer noch relativ gut funktioniert. Das ist mir letzten Winter bis zum Februar extrem gut gelungen, hintenraus dann nicht mehr ganz. Deswegen ist das Ziel, wirklich bis zum Ende des Winters das hohe Niveau zu stabilisieren.
Wie gehen Sie mit dem Druck und der Erwartungshaltung um?
Wellinger: Ich bin jetzt doch schon mehr oder weniger ein alter Hase. Ich habe mich die ersten Jahre meiner Karriere oft einmal ein bisschen verleiten lassen vom Druck, der von außen kommt. Mittlerweile bin ich da relativ entspannt, weil ich sage: "Den Druck kann ich mir nur selber machen." Ob die Erwartung von außen da ist oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Entscheidend ist die Erwartung, die ich an mich selbst habe.
Wie sieht das konkret aus?
Wellinger: Es gibt Tage, da werde ich Fünfter oder Zehnter und bin sauzufrieden, weil ich mein Optimum abgerufen habe und dann gibt es Tage, da stehe ich auf dem Podest und bin unzufrieden, weil mein Leistungsniveau noch besser hätte sein können. Daran versuche ich, mich selber zu messen. Aber logisch: Ich war letztes Jahr Zweiter bei der Tournee und Dritter in der Gesamtwertung. Wenn ich jetzt sagen würde "Ich will irgendwo in den Top 10 herumspringen", würde ich mich selber anlügen. Das Ziel ist, ganz vorne mitzukämpfen von Lillehammer bis Planica und dann muss bei uns für einen Tag bei der WM oder für zwei Wochen bei der Tournee so viel zusammenpassen. Je höher und stabiler das Sprungniveau ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, das an Tag X umzusetzen.
Sie haben das Führungstrikot der Vierschanzentournee im letzten Jahr bis nach Innsbruck getragen und wurden am Ende starker Zweiter. Ist das Ziel in diesem Jahr ganz klar der Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee?
Wellinger: Das Ziel habe ich schon länger - das ist leider noch nicht gelungen, ich durfte zweimal Zweiter werden. Es ist wirklich die Kunst, über den Zeitraum, über die vier Springen auf höchstem Niveau zu performen. Mir sind letztes Jahr sehr wenige Fehler unterlaufen, ich bin unglaublich zufrieden mit der Tournee und muss neidlos anerkennen, dass einer besser war. Das ist im Leistungssport oft so, weil gewinnen will jeder - es darf aber nur einer. Ich werde ab dem 28. Dezember alles geben und das Tag für Tag. Man kann die Tournee nicht in einem Sprung gewinnen, man kann sie aber in einem Sprung verlieren. Deswegen ist die Kunst, acht Wettkampfsprünge auf höchstem Niveau abzurufen. Wir werden uns wahrscheinlich kurz vor der Tour mal darüber unterhalten, wie die Form ist. Dann werde ich einen status quo geben, ob es überhaupt realistisch ist, um den Sieg mitkämpfen zu können - aber ich will definitiv vorne mitkämpfen.

Andreas Wellinger will auch in dieser Saison um die vorderen Plätze kämpfen.
Fotocredit: Getty Images
Sie haben in Deutschland einen neuen kleinen Skisprung-Hype ausgelöst nach dem Auftaktsieg bei der Tournee in Oberstdorf. Wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie diesen Hype jetzt fortführen können?
Wellinger: Zuversichtlich. Ich werde mich bemühen, dass ich meine Sachen mache, meine sieben Zwetschgen beieinander habe und ordentlich Ski springe. Die Begeisterung für Skispringen, wie sie im letzten Jahr entfacht worden ist, habe ich selber noch nie erlebt - es ist unglaublich geil. Der Moment in Oberstdorf bei der Hymne, als das ganze Stadion mitgesungen hat, war Gänsehaut.
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Gänsehaut-Moment: Ganzes Stadion singt mit Wellinger die Hymne
Quelle: Eurosport
Man sieht es jetzt wieder: Die Karten für Oberstdorf waren, glaube ich, in 14 Tagen ausverkauft. Das ist sensationell, ich freue mich riesig auf alle Heimspringen, die wir haben. Ich bin stolz, dass ich Teil der Skisprungbegeisterung sein darf und hoffe, dass ich den Zuschauern und Fans ein paar schöne Emotionen liefern kann - sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Zukunft. Ich freue mich über jeden, der unten steht, die Fahne schwingt, ein Autogramm will und mich und uns als Team dabei unterstützt, dass wir möglichst weit fliegen und zur Siegerehrung gehen können.
Woran haben Sie im Sommer noch konkret gearbeitet. Sie haben gesagt, dass es ein Springen auf hohem Niveau war. Gab es trotzdem noch Nuancen, die Sie angepasst haben?
Wellinger: Das Ziel war grundsätzlich, dass ich noch ein bisschen an meiner Symmetrie arbeite. Die Symmetrie ist bei mir ein wichtiger Faktor, dass wirklich aus dem Absprung im Übergang die Energie und der Fluss weiter transportiert werden können. Und gleichzeitig den richtigen Weg zu finden, den Körper so herzustellen, dass das Gefühl auf der Schanze passt. Ich beschreibe das immer gerne als Reizleitung - wenn das Gehirn sagt 'Mach das', dass die Muskulatur und der Körper entsprechend funktionieren. Wenn das bei mir nicht ganz der Fall ist, dann schleichen sich Fehler ein, die sehr schwer zu erkennen und sehr schwer wieder auszumerzen sind. Deswegen: Reizleitung herstellen, Symmetrie und vor allem Spaß haben - dann ist alles möglich.
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Andreas Wellinger jubelt 2024 in Planica
Fotocredit: Getty Images
Sie wurden letztes Jahr im Gesamtweltcup starker Dritter. Nehmen Sie jetzt die große Kristallkugel in Angriff oder liegt der Fokus auch ein Stück weit auf der WM in Trondheim?
Wellinger: Der Fokus beinhaltet mehr oder weniger alles. Weil es mir im letzten Jahr über die meiste Zeit gelungen ist vorne mitzuspringen, ist jetzt das Ziel von Anfang bis Ende vorne mitzuspringen. Wenn mir das in den einzelnen Wettkämpfen gelingt, kann man viele Punkte sammeln, was für die Kristallkugel sehr wertvoll wäre. Und dann kann man auch bei der WM in Trondheim performen, wo wir jetzt im Sommer beim Lehrgang waren und ich mal bessere, mal schlechtere Sprünge hatte, mich aber ganz gut mit beiden Schanzen vertraut gemacht habe. Es gibt für mich nicht das eine konkrete Ziel, sondern die Zielsetzung, auf höchstem Niveau durch die Saison zu fliegen. Dann ist sowohl die WM, als auch im Gesamtweltcup mitzukämpfen möglich. Es muss an den einzelnen Tagen alles passen, das Quäntchen Glück, dass man den halben Punkt vor den anderen ist, um Punkte zu sammeln und um bei der WM die Medaille zu gewinnen. Mein Motto ist nicht, konstant Achter zu werden, sondern mit Risiko und Selbstbewusstsein an die Sache ranzugehen. Wenn ich dann 15. werde, aber alles gegeben habe, ist es auch in Ordnung. Blöd ist, wenn ich zu 95 Prozent an meinem Leistungsoptimum bin - entweder 100 oder voll daneben.
Wie gelingt es, diesen Fokus hochzuhalten vom ersten Springen, über die Vierschanzentournee bis hin zum Saisonabschluss, wo Sie meinten, dass da in der letzten Saison etwas die Luft raus war?
Wellinger: Die Challenge ist, sich selber einen Fahrplan zurechtzulegen. Wir haben extrem viele Reisetage, extrem viele Wochenenden, die beiden Überseereisen nach Amerika und Japan, wo der Körper gefordert wird, neben dem, was auf der Schanze passiert. Dass man dafür einen Zustand herstellt, der körperlich resistent gegenüber der Reiserei, Infektionen und dem ganzen Drumherum ist, um dann eben das richtige Gefühl auf der Schanze aufzubauen. Dann ein Set-Up herzustellen, dass die Abstimmung zwischen Ski, Schuh, Anzug und Körper funktioniert, dass man einfach effektiv in der Luft liegt und nicht so viel bremst, aber trotzdem genügend Auftrieb hat. Das ist immer wieder eine Herausforderung, weil wir die ein oder andere Änderung im Regelwerk haben. Es sind kleine Änderungen, aber auch die haben Auswirkungen auf das System. Diese ganzen Bausteine habe ich größtenteils ganz ordentlich bearbeitet, habe jetzt noch vier Wochen Zeit und dann werde ich alles daran setzen, dass es in den Wintermonaten funktioniert.
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