Skispringen - Martin Schmitt zieht Saisonfazit: "Kritik an DSV-Springern? Bedeutet, dass man den Jungs viel zutraut"

Philipp Raimund wird Olympiasieger, Katharina Schmid hört auf, Andreas Wellinger räumt zum Schluss Traumnoten ab und Domen Prevc springt die Konkurrenz in Grund und Boden - am Wochenende ging eine ereignisreiche Skisprungsaison 2025/26 zu Ende. Genügend Stoff für ein ausführliches Saisonfazit und einen Ausblick auf den nächsten Winter mit Skisprung-Legende und Eurosport-Experte Martin Schmitt.

Flugshow-Highlights: Prevc beim Saisonfinale knapp geschlagen

Quelle: Eurosport

Der Skisprung-Winter 2025/2026 hat zahlreiche Geschichten geschrieben und aus deutscher Sicht das eine oder andere Fragezeichen hinterlassen.
Martin Schmitt war für Eurosport sowohl im Weltcup als auch bei Olympia 2026 in Mailand und Cortina hautnah dabei.
Im exklusiven Interview spricht der Skisprung-Insider über die möglichen Nachfolger von Bundestrainer Stefan Horngacher und erklärt, warum er selbst noch nicht für die Rolle zur Verfügung steht.
Des Weiteren äußert sich Schmitt über die Sorgenkinder des Deutschen Skiverbandes (DSV), Andreas Wellinger und Karl Geiger, die sich in Planica mit einem versöhnlichen Saisonabschluss in die Sommerpause verabschiedet haben.
Martin Schmitt, Andreas Mitter wird Nachfolger von Herren-Bundestrainer Stefan Horngacher. Was haben Sie für einen Eindruck von Mitter?
Schmitt: Andreas ist ein super Trainer, genauso wie auch Thomas Thurnbichler. Sie bringen beide alles mit, um erfolgreich zu sein. Ich habe auch während der Saison gesagt, dass man die Stelle des Bundestrainers mit Leuten besetzen kann, die schon im System arbeiten. Da gibt es viele sehr gute Trainer und daher ist es in meinen Augen nicht notwendig, jemanden von außen dazuzuholen. Andreas hat wie Thomas oder auch Ronny Hornschuh bereits als Cheftrainer gearbeitet. Ich denke, man hat sich sehr viele Gedanken gemacht, alle Optionen geprüft und wird dann demnächst auch eine Top-Lösung präsentieren.
Ich war viele Jahre selbst Athlet und bin dem Skispringen immer verbunden geblieben. Daher ist für mich grundsätzlich reizvoll, irgendwann einmal eine Herausforderung im oberen Bereich anzunehmen, aber ich bin mit meiner Rolle im Nachwuchs sehr glücklich.
Ihr alter Rivale und Kumpel Sven Hannawald hatte kürzlich in einem Interview auch den Namen Martin Schmitt perspektivisch als Bundestrainer des DSV ins Gespräch gebracht.
Schmitt: Das ist aktuell kein Thema für mich. Ich war viele Jahre selbst Athlet und bin dem Skispringen immer verbunden geblieben. Daher ist für mich grundsätzlich reizvoll, irgendwann einmal eine Herausforderung im oberen Bereich anzunehmen, aber ich bin mit meiner Rolle im Nachwuchs sehr glücklich.
Die Saison endete mit einem Highlight aus deutscher Sicht: Andreas Wellinger bekam in Planica fünfmal die Traumnote 20, das ist vor ihm erst sieben Springern gelungen. Wie nahe waren Sie da dran?
Schmitt: Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich mal geärgert habe, warum nicht auch der fünfte Punktrichter die 20 zieht. Es gab bei mir nicht viermal 20 und einmal 19,5. Ich war da ein bisschen weiter weg (lacht).
Inwieweit kann das Wellinger einen Motivationsschub geben nach einer schwierigen Saison?
Schmitt: Die Motivation ist bei Andi immer da - unabhängig vom letzten Flug. Er hat noch viel vor in diesem Sport und wird nächstes Jahr wieder voll angreifen. Aber klar, so ein perfekter Flug am Ende gibt dir Selbstvertrauen und Vorfreude auf den kommenden Winter. Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass er mit dieser Form in die Saison startet. Aber das geht anderen Athleten auch so - Skispringen ist manchmal wie verhext. Es ist bemerkenswert, wie sich Andi wieder herangekämpft hat. Das Highlight am Schluss hat er sich verdient und es freut mich sehr für ihn.
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Andreas Wellinger macht beim Skifliegen in Planica seinen Frieden mit einer für ihn schwierigen Saison

Fotocredit: Getty Images

Neben Wellinger hatte auch Karl Geiger eine schwierige Saison. Wie sehen Sie seine Entwicklung auch im Hinblick auf den nächsten Winter?
Schmitt: Auch bei Karl war es bemerkenswert, wie er den Kampf angenommen hat. Er weiß, die Probleme sind da, weiß aber auch, dass sie zu lösen sind. Das hat er im letzten Saisondrittel mit vielen tollen Sprüngen gezeigt. Er hat gespürt, dass er aus eigener Kraft aus diesem Loch herauskommen kann. Der Glaube und das Vertrauen in die eigene Stärke sind sehr wichtig, um in der Weltspitze mitspringen zu können.
Das hat Felix Hoffmann zumindest zu Beginn getan. Wie lautet Ihr Fazit seiner Saison?
Schmitt: Unterm Strich war es eine tolle Saison für Felix. Er hat in einem etwas höheren Alter den absoluten Durchbruch geschafft. Hinten raus war es für ihn schwierig, aber das ist nicht ungewöhnlich. Es war für Felix eine sehr intensive Zeit mit vielen neuen Eindrücken.
Das Highlight aus deutscher Sicht war der Olympiasieg von Philipp Raimund. Wie bewerten Sie allgemein die Saison der DSV-Springer? Kommen sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu schlecht weg?
Schmitt: An die öffentliche Wahrnehmung sollten die Springer nicht zu viele Gedanken verschwenden. Der Fokus sollte immer auf der Leistungsentwicklung liegen und das tun die Jungs ebenfalls. Wellinger und Geiger waren selber nicht glücklich über ihren Saisonstart und hätten sich in ihrer eigenen Bewertung auch keine Zwei gegeben. Man kann den Spieß auch umdrehen: Wenn Kritik aufkommt, zeigt das, dass man den Jungs im Grunde viel zutraut. Ich habe ein gutes Gefühl, was die nächste Saison angeht, das Team ist hungrig und wird sich wieder gut präsentieren.
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Domen Prevc ist der Überflieger des Skisprung-Winters 2025/2026

Fotocredit: Getty Images

Wie kann es trotz der Dichte in der Weltspitze und der Komplexität des Skispringens sein, dass Domen Prevc eine ganze Saison so dominiert?
Schmitt: Seriensieger gab es immer wieder mal, aber diese Dominanz war schon außergewöhnlich. Trotzdem steht er vor der gleichen Herausforderung wie alle anderen Springer: Was so stabil und automatisiert aussieht, wenn man einen Lauf hat, kann im darauffolgenden Jahr schon nicht mehr so stabil sein. Es ist Domen zu wünschen, dass er leistungsmäßig daran anschließen kann. Aber seine Konkurrenten werden alles tun, die Lücke zu schließen oder ihn sogar vom Thron zu stoßen. Da ist nie Stillstand. Grundsätzlich liegt so eine Dominanz in der Natur des Skispringens. Wenn du deine Bewegung automatisiert hast, musst du sie nicht mehr bewusst steuern. Mit jedem Sprung bekommst du mehr Sicherheit, mehr Vertrauen und es entsteht eine positive Spirale. Das Gleiche gibt es aber eben auch im negativen Sinne. Wenn die Automatismen nicht passen, bist du gezwungen, in den Bewegungsablauf einzugreifen. Kleine Veränderungen im Bewegungsablauf können bei der Hebelwirkung im Skispringen mit der großen Fläche aus Ski und Anzug enorme Auswirkungen haben.
Mein Eindruck ist, dass es die fairste Saison seit langem war. Die Transparenz hat sich deutlich verbessert und man ist insgesamt auf einem sehr guten Weg.
Was trauen Sie den deutschen Frauen in Zukunft zu ohne das Aushängeschild Katharina Schmid?
Schmitt: Katharina hatte eine herausragende Karriere. Sie kann sehr stolz auf das sein, was sie persönlich erreicht und auch für das Frauen-Skispringen getan hat. Es ist Wehmut dabei, sie nicht mehr auf den Schanzen zu sehen. Eine große Sportlerin verlässt die große Bühne. Natürlich hinterlässt sie eine Lücke, aber Selina Freitag hatte zuletzt ja schon die Führungsrolle im Team, sie ist eine absolute Top-Athletin und hat alle Möglichkeiten, auch Agnes Reisch hat sich in der Weltspitze etabliert. Ich hoffe, es gelingt, die Leistungsdichte im Team zu erhöhen, dass junge Sportlerinnen nachrücken,  wir haben im Nachwuchs Talente, die nun den Schritt Richtung Weltcupteam schaffen müssen.
Es war die erste Saison nach dem Anzugsskandal der Norweger bei der WM 2025, verbunden mit Veränderungen im Reglement. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung?
Schmitt: Mein Eindruck ist, dass es die fairste Saison seit langem war. Mathias Hafele (hauptamtlicher Kontrolleur der FIS, d. Red.) hat einen super Job gemacht. Es gibt ein paar Dinge, wie die Ausgangsmessung, die man nachjustieren müsste. Disqualifikationen - ob wegen Anzug, Ski, Schuh oder die Körpermaße - können weiterhin passieren, weil man sich in einer materialintensiven Sportart auch am Limit bewegen muss. Aber die Transparenz hat sich deutlich verbessert und man ist insgesamt auf einem sehr guten Weg.
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"Danke, Katha": Emotionaler Abschied von Schmid

Quelle: Eurosport


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