Wenn Ryoyu Kobayashi über seinen großen Mentor spricht, wird ihm ganz warm ums Herz. "Ich habe Noriaki Kasai sehr viel zu verdanken", sagt der derzeit beste Skispringer der Welt.
Wenn Norikai Kasai derartiges hört, wird der große alte Mann der Schanzenwelt hingegen ein wenig wehmütig. Denn während sein um ein fast ein Vierteljahrhundert jüngerer Landsmann bei der Vierschanzentournee nach dem historischen zweiten Grand Slam griff, fehlte Japans Legende in doppelter Hinsicht in Bischofshofen: Als väterlicher Freund und - für Kasai besonders schmerzlich - als Athlet.
"Sonst habe ich das neue Jahr immer in Übersee begrüßt. Aber in Japan ist Neujahr auch gut", sagte der 49-Jährige tapfer. In seiner Heimat Sapporo kämpft Kasai den verzweifelten Kampf gegen die biologischen Gesetze und um die Rückkehr zu alter Größe. Er startet am Montag beim traditionellen HBC-Cup in der Olympiastadt von 1972: "Ich bin in guter körperlicher Verfassung und freue mich auf die Herausforderung."
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Denn genug vom Sportlerleben hat Kasai auch fünf Monate vor seinem 50. Geburtstag nicht, der Flugsaurier wehrt sich mit sturer japanischer Ruhe gegen das Aussterben und lächelt alle Fragen nach dem Karriereende weg.

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Kasai hat mit Kazuyoshi Funaki einen Mitstreiter gefunden

Die neunte Olympia-Teilnahme bleibt Kasais Ziel, und weil das in vier Wochen in Peking nicht klappen wird, "dann eben vier Jahre später". Oder noch später. "Ich möchte 2030 anstreben, wenn sich Sapporo als Gastgeber bewirbt."
Kasai ist wohl der einzige Mensch, der noch daran glaubt. Okay - vielleicht einer von zwei Menschen, denn in seinem altem Kumpel Kazuyoshi Funaki hat Kasai einen Mitstreiter gefunden. Der Tourneesieger von 1997/98, mit knapp 47 Jahren vergleichsweise ein Jungspund, springt neuerdings ebenfalls wieder.
Der Kampf Kasais, der vor 33 Jahren im Weltcup debütiert hat, scheint jedoch aussichtslos. Er, der mit 42 Jahren noch Weltcupspringen gewann, wirkt mit 49 wie jemand, der den Absprung längst verpasst hat.

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"Das ist schon ziemlich enttäuschend", meinte der Skiflug-Weltmeister von - jawohl - 1992, nachdem er im Oktober bei den japanischen Meisterschaften 22. geworden war. Zum sportlichen Misserfolg kommen gefährliche Manöver wie unlängst beim Training im finnischen Rovaniemi, als ihn eine Windböe böse erwischte, Kasai nach der Rückkehr nach Japan zudem zwei Wochen in Quarantäne musste.

Kasai will weiter kämpfen: "Habe noch nicht meine Kraft verloren"

Warum also tut er sich das an, statt zumindest Ehefrau Reina und seinen beiden kleinen Kindern zuliebe dann doch die Ski, die er in den ersten Karrierejahren noch im Parallelstil benutzte, abzustellen. Daran verschwende er keinen Gedanken: "Ich habe noch nicht meine ganze Kraft verloren."
Dabei hat Kasai längst andere Aufgaben gefunden, die ihn ausfüllen. In Japan, wo alle Skispringer Werksmannschaften angehören, leitet er die Equipe des Wohnungsbau-Multis Tsuchiya Holdings, für die auch Kobayashi fliegt. "Er ist also mein Boss", sagte der 25-Jährige.
Ein Boss allerdings, der viel lieber wieder ein Teamkollege wäre.
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(SID)

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