Vierschanzentournee: Deutsche Springer können vom Sieg träumen - Werner Schuster sieht gute Chancen für DSV-Adler

Vor dem Auftakt der Vierschanzentournee schürt Ex-Bundestrainer Werner Schuster die deutschen Hoffnungen vom lang ersehnten Tournee-Triumph: Im exklusiven Interview verweist der Eurosport-Experte aber auch auf die gefährlichsten Gegner der DSV-Adler. Für Karl Geiger, Andreas Wellinger und auch Pius Paschke sei "alles" möglich, betont Schuster und verspricht den Fans echte "Skisprung-Feste".

Mit 146 Metern zum Heimsieg! Geiger lässt Klingenthal beben

Quelle: Eurosport

Zehn Podestplätze in acht Wettkämpfen, davon drei Siege - die DSV-Adler haben einen beeindruckenden Start in die Saison 2023/24 hingelegt und präsentieren sich pünktlich zur Vierschanzentournee (28. Dezember 2023 bis 6. Januar 2024 live und on-demand bei discovery+) in bestechender Form. Karl Geiger, Andreas Wellinger und Pius Paschke mischen den Gesamtweltcup auf. Angesichts der Dominanz von Stefan Kraft war an die Führung im Klassement aber bislang noch nicht zu denken.
Zum Tournee-Auftakt in Oberstdorf werden die Karten jedoch neu gemischt. "Stefan Kraft ist schlagbar - das hat man gesehen", erklärte Werner Schuster im exklusiven Interview mit Eurosport.de. Der Österreicher geht laut dem ehemaligen Bundestrainer zwar als absoluter Topfavorit ins Rennen, das deutsche Dreigespann um Geiger, Wellinger und Paschke lauert angesichts der Höhenflüge von Klingenthal und Engelberg auf seine Chance.
Neben dem Top-Quartett hat Schuster jedoch auch den zweimaligen Gesamtsieger Ryoyu Kobayashi und den Slowenen Anze Lanisek auf dem Zettel. Trotz eines bislang wenig berauschenden Saisonverlaufs sei das Duo bei der Tournee besonders gefährlich.
Auf der Mini-Tournee der Damen hofft Schuster indes auf einen Befreiungsschlag durch Rekordweltmeisterin Katharina Schmid.
Die DSV-Adler rocken den Gesamtweltcup, die bisherigen Top-Ergebnisse spiegeln die hohe Leistungsdichte im Kader wieder. Was darf sich der deutsche Fan bei der Vierschanzentournee erträumen?
Werner Schuster: Alles natürlich. Es ist ein weiterer Anlauf, die Vierschanzentournee endlich wieder zu gewinnen. Es ist gut, dass Karl Geiger und Andreas Wellinger nicht alleine sind, sondern mit Pius Paschke ein Dritter vorne mit dabei ist. Man darf aber nicht vergessen: Nur einer kann gewinnen. Der absolute Topfavorit ist im Moment Stefan Kraft. Im Gesamtweltcup führt er überlegen, sein letzter Tournee-Sieg ist schon lange her. Er wird also hungrig sein. Mit der aktuellen Breite im Kader hat Deutschland aber sehr gute Chancen, Herausforderer Nummer eins zu sein. Das sollten auch die Zuschauer honorieren. In Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen wird es Skisprung-Feste geben – und hoffentlich auch in weiterer Folge.
Paschke hat beim Weltcup in Engelberg seinen Premierensieg eingefahren. Ist der 33-Jährige der klassische Spätzünder? Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Schuster: Im Grunde ist er durchaus ein Spätzünder. Er ist schon immer wegen seiner hohen Geschicklichkeit und seines motorischen Talents aufgefallen und hat sich dann in meiner Zeit als Bundestrainer auch auf der Schanze stetig verbessert. Zudem hatte er immer eine tolle Einstellung zum Leistungssport. Mit der persönlichen Reife wurde er schließlich von Jahr zu Jahr stärker. Da er sich durch sehr viel Eigeninitiative nach oben kämpfen musste, hat er einen enormen Kampfgeist entwickelt und seinen Charakter gestählt. Ein Höhepunkt war die Goldmedaille im Team bei der Heim-WM in Oberstdorf vor zwei Jahren. Nachdem es in der vergangenen Saison für ihn nicht so lief, hat er sich wieder durchgekämpft. Man kann es ihm nur vom ganzen Herzen gönnen! Ein Sieg auf seiner Lieblingsschanze in Engelberg - das sind die Märchen, die der Sport schreibt. Der Höhenflug von Pius Paschke ist ein Vorbild für die Jugend, ein Vorbild für alle.
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Die Entscheidung: Wellinger stürzt ab - Paschke gewinnt!

Quelle: Eurosport

Stefan Kraft ist der Überflieger der Saison. Sieben Podestplätze in acht Springen, davon fünf Siege - kann sich der Österreicher zurzeit nur selbst schlagen?
Schuster: Das würde ich nicht unbedingt unterschreiben. In den vergangenen Wettkämpfen wurden die Bedingungen etwas schwieriger, wodurch auch die Konkurrenz begeistern konnte. Dabei denke ich vor allem an Karl Geiger in Klingenthal. Stefan Kraft ist schlagbar - das hat man gesehen. Mit Blick auf die bisherigen vier Weltcupstationen ist er aber dennoch der stabilste Springer und der Beste. Daher wird er in Oberstdorf auch als Topfavorit antreten.
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Sensationell! Kraft lässt in Engelberg die Muskeln spielen

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Seit dem letzten Weltcup ist aber einige Zeit vergangen ...
Schuster: Ja, man darf nicht vergessen: Die Athleten haben zwei Wochen Unterbrechung bis zur Vierschanzentournee. Das gab dem ein oder anderen die Möglichkeit, sich den fehlenden Feinschliff zu holen. Neben den Österreichern und Deutschen würde ich vor allem Ryoyu Kobayashi auf die Rechnung setzen. Die Norweger wurden zuletzt ebenso wieder stärker. Am Ende wird das eine super spannende Vierschanzentournee.
Kobayashi hat als zweimaliger Gesamtsieger bewiesen, dass er Tournee kann. In diesem Winter kommt der Japaner aber noch nicht richtig in Schwung. Kann er den Schalter in Oberstdorf einfach umlegen?
Schuster: Er muss den Schalter erst gar nicht groß umlegen. Bislang hat er gut performt, zwei Qualifikationen entschied er sogar für sich. Einzelne Durchgänge kann er also gewinnen. Aber er hatte bislang noch nicht die Stabilität und das Quäntchen Glück, ganz oben zu stehen. Das macht ihn meiner Meinung nach nur noch gefährlicher. Kobayashi weiß, dass er bei Einzelsprüngen mithalten kann. Wenn er Stabilität und Selbstvertrauen findet, kann er wieder auf der Erfolgswelle schweben. Oberstdorf liegt ihm, er hat dort bereits gewonnen - das wäre also kein Problem.
Wen haben Sie noch auf dem Zettel?
Schuster: Interessant ist auch die Situation von Anze Lanisek. Im vergangenen Jahr befand er sich zum ersten Mal in der Favoritenrolle. Die beiden Qualifikationen in Engelberg hat Lanisek gewonnen, aber seine Leistung, ähnlich wie Kobayashi in Klingenthal, nicht im Wettkampf abrufen können. In Planica hatten die Slowenen gute Trainingsmöglichkeiten, dort wird er sich den nötigen Feinschliff geholt haben. Trotz des bisherigen Saisonverlaufs würde ich Kobayashi und Lanisek in den engsten Favoritenkreis nehmen.
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"Jetzt schnallen wir uns an": Kobayashi fliegt fast zum Rekord

Quelle: Eurosport

Die Damen springen erstmals eine Art Mini-Tournee. Der Saisonstart des DSV-Teams gestaltete sich mit keinem einzigen Podestplatz aber äußerst holprig. Was darf man sich von Katharina Schmid und Co. erwarten?
Schuster: Das ist keine einfache Situation, vor allem da die Ansprüche zuletzt gestiegen sind. Das vergangene Jahr war mit den WM-Titeln im Einzel und Team herausragend. Aktuell ist der Abstand aber zu groß. Das nächste Ziel ist nun die Rückkehr in die Top 10, die Heimschanze in Garmisch kann dabei natürlich inspirieren. Bei einer gestandenen Athletin wie Katharina Schmid kann dieser Schritt auch mal etwas schneller gehen. Schmid ist eine Vorreiterin, die auch öffentlich in Erscheinung tritt und für diese Tournee gekämpft hat. Das kostet alles Energie. Davon kann sie sich nun befreien, indem sie eine tolle Show abliefert.
Markus Eisenbichler befindet sich im Continental Cup auf Formsuche, der Knoten wollte bislang nicht platzen. Wo hakt es bei ihm?
Schuster: Es ist schon auffällig, dass er sich auf den Schanzen in Lillehammer und Ruka - wo er in der Vergangenheit große Erfolge gefeiert hat - im Continental Cup nicht weiter vorne platzieren konnte. Da scheint sich ein gröberes Sandkorn ins System eingeschlichen zu haben. Es ist wirklich schade um diesen hochbegabten Springer.
Sehen wir Eisenbichler bei der Tournee?
Schuster: Zwar hat er die Chance, sich über die Nationale Gruppe zu qualifizieren und präsentieren, aber die Quotenreduktion der FIS wirkt sich fatal auf Springer wie Eisenbichler oder Constantin Schmid aus. Am Gesamtweltcup kann man zurzeit ablesen, dass nicht nur Geiger, Wellinger und Paschke performen. Auch Philipp Raimund und Stephan Leyhe haben gute Leistungen geboten. Und bei fünf Startplätzen muss man schon fulminant springen, um jemanden aus dem Weltcupteam zu verdrängen. Für Eisenbichler wird es daher ein harter Weg. Der erste Schritt muss jetzt sein, sich in der unteren Liga wieder nach vorne zu kämpfen. Ohne Erfolgserlebnisse hat ein Skispringer keine Chance auf absolute Spitzenplätze.
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Markus Eisenbichler

Fotocredit: Getty Images

Die Vierschanzentournee ist ein absolutes Mammutprogramm - gerade auch für das Trainerteam. Wie steuert man die Athleten, wie findet man die richtige Balance zwischen Anspannung und Entspannung? Was war Ihr Geheimrezept?
Schuster: Ein Geheimnis hatte ich nicht, weil wir die Tournee nie gewonnen haben. Wir wurden häufig Zweiter und Dritter, sind aber immer wieder an einem Überflieger gescheitert. Trotzdem ist es eine ganz interessante Frage. Zehn Tage, acht Springen und nur zwei freie Tage... da geht es vor allem um die Steuerung der Gesamtbelastung. Gerade die Top-Athleten haben ein Mammutprogramm. Neben dem Alltag auf der Schanze stehen auch zahlreiche Medientermine an. Da kann man nicht zehn Tage am Stück brennen. Ohne einen Plan hat man keine Chance, bis Bischofshofen durchzukommen.
Trauen Sie dem deutschen Team diese Aufgabe zu?
Schuster: Das deutsche Trainerteam ist routiniert, Stefan Horngacher hat mit den Polen bereits einmal die Vierschanzentournee gewonnen. Und zwar aus einer ähnlichen Position wie jener der Deutschen aktuell - nämlich als Angreifer. Daher bin ich mir sicher, dass der DSV die richtigen Maßnahmen setzen wird, um dieses Mal eine gewichtige Rolle zu spielen.
Direkt vor dem Tournee-Auftakt liegen immer die Weihnachtstage. Wie geht man als Skispringer mit den Feiertagen am besten um? Die Freizeit für ein intensiveres Training nutzen oder darf man beim deftigen Weihnachtsessen auch mal ein Auge zudrücken?
Schuster: Alle sind Athleten, alle sind erwachsen – die haben ihr Leben dem Sport verschrieben. Jeder weiß, was ihm guttut und worauf er lieber verzichtet. In diesem Jahr war die Planung gar nicht so schwierig. Zwischen dem letzten Weltcup und dem Tournee-Auftakt lagen einige Tage, die zum Training genutzt werden konnten. Danach lässt man die Athleten aber lieber in Ruhe, es geht nur noch darum, im körperlichen Rhythmus zu bleiben. Es ist auch eine wichtige Zeit, bei der Familie abschalten zu können. Da würde ich mir als Trainer keine Sorgen machen, dass erwachsene Sportler über die Stränge schlagen. Sie haben das ganze Jahr trainiert, widmen ihr Leben dem Sport und wollen bei diesem Highlight in Form sein. Ich denke mir, dass sie reif genug und intrinsisch motiviert sind, um in einem körperlichen und mentalen Topzustand in Oberstdorf aufzuschlagen.
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Maschine Geiger! Der Flug zum Klingenthal-Double

Quelle: Eurosport

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