Schmitt zieht nach schweren Stürzen bei Olympia-Generalprobe in Predazzo seine Lehren: Es ist nicht nur die Schanze
Update 24/09/2025 um 19:05 GMT+2 Uhr
Der Sommer-Grand-Prix der Skispringer auf der neuen Olympia-Schanze von Predazzo im Val di Fiemme wurde von schweren Stürzen und Verletzungen überschattet. Für Eurosport-Experte Martin Schmitt sind die Gründe für die Vorfälle offenkundig: Schanze, Material und sogar die in die Jahre gekommene Telemark-Landung müssen wenige Monate vor den Olympischen Spielen unter die Lupe genommen werden.
Probelauf in Predazzo: Schmitt nimmt Olympia-Schanze unter die Lupe
Quelle: Eurosport
Die frühere Weltmeisterin Alexandria Loutitt (Kanada), die WM-Zweite Eva Pinkelnig (Österreich) und die Kombiniererin Haruka Kasai (Japan) hatten am Wochenende bei den ersten Wettkämpfen auf der Normalschanze der kommenden Winterspiele jeweils einen Kreuzbandriss erlitten - und fallen damit für die gesamte Olympia-Saison aus.
Die für die Olympischen Spiele modifizierte Anlage in Predazzo rückte schnell in den Fokus, DSV-Sportdirektor Horst Hüttel forderte Konsequenzen. In dieselbe Kerbe schlägt auch Eurosport-Experte Martin Schmitt.
"Es fällt auf, dass die Flugkurve auf beiden Schanzen doch recht hoch ist. Der Sportler gleitet nicht zur Landung, er fällt eher zum Hang", erklärte der zweimalige Gesamtweltcupsieger. Dadurch entstehe bei der Landung ein größerer Druck auf den Körper als gewohnt.
"Bei Rückenwind verstärkt sich das Ganze noch. Für die Sportler sind die Schanzen nicht schön zu springen: Man will ja Skifliegen und nicht Skifallen", hob Schmitt hervor.
Predazzo, Planica und Co. mit selbem Problem
Völlig allein steht die Schanze in Predazzo mit ihrer besonderen Charakteristik nicht. Die WM-Anlage in Planica sowie weitere moderne Schanzen weisen dieselben Eigenschaften auf - aus einem praktischen Grund. "Der Wettkampf ist für die Jury einfacher zu kontrollieren", meint Schmitt.
Die Athleten fliegen nicht weg vom Hang, sondern zum Hang hin - und das Feld rückt enger zusammen, was auch mehr Spannung bietet. Zudem ist es "auch bei wechselnden Windbedingungen unwahrscheinlicher, dass es plötzlich viel zu weit geht. Entsprechend ist es auch einfacher, die richtige Anlauflänge festzulegen", sagt Schmitt.
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FIS-Rennleiter Pertile: "Die Problematik ist nicht so groß"
Quelle: Eurosport
Schwierig wird es dann, wenn die Weiterentwicklung des Materials der Skispringer und Skispringerinnen der Bauart moderner Schanzen gegenläufig gegenübersteht.
"In den letzten Jahren wurde die Aerodynamik immer weiter verbessert, im Anzugsbereich wurde zu viel zugelassen", findet Schmitt. Eine gefährliche Kombination, auch wenn bei den Anzügen im Frühjahr 2024 erstmal gegengesteuert wurde (engerer Schnitt).
Telemarklandung aus der Mode gekommen?
Aufgrund der prinzipiell höheren Anlaufgeschwindigkeit sehen sich die Damen auch auf anderen Schanzen mit einer weiteren Flugkurve und einer schwierigeren Landung konfrontiert. Eine mögliche Lösung wird zurzeit debattiert: die Vergrößerung des Anzugsvolumens.
"In meinen Augen wäre das der richtige Schritt", führte Schmitt aus. Damit "könnte man die Situation sicher etwas entschärfen".
Aufgrund der Vielschichtigkeit des Problems ist es mit einem einfachen Kniff beim Material aber nicht getan. Vielmehr müsse der Hauptrisikofaktor für Knieverletzungen miteinbezogen werden: "Und das ist die Landung selbst - die Telemark-Landung."
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Eva Pinkelnig verletzte sich bei einem Sturz in Predazzo schwer
Fotocredit: Getty Images
So war diese ursprünglich sogar der Sicherheit dienlich. Mittlerweile gilt die Landetechnik aber nur noch als Stilelement, das für hohe Haltungsnoten gefordert ist. Mit einem Haken.
"Mit dem heutigen Material ist der Telemark, wie er beschrieben und gefordert ist, nur ganz schwer zu erreichen. Fast immer, auch bei sehr guten Landungen knickt das Knie der Springer nach innen", merkte Schmitt an.
Schmitt: "Sicherer wäre es parallel zu landen"
Die modernen Bindungssysteme, Schuhe und Karbonschalen machen die Sprünge zwar deutlich effizienter, die Landung wird aber aufgrund des kompakten und steifen Systems in Kombination mit dem Telemark zum idealen "Nährboden" für schwere Knieverletzungen - bei den Frauen ist das Risiko sogar noch höher als bei den Männern.
"Weil die Bewegungsfreiheit im Sprunggelenk stark eingeschränkt ist, muss der Landedruck von der Muskulatur abgefangen werden. Somit ergibt sich grundsätzlich schon eine sehr hohe Belastung für das Kniegelenk", weiß Schmitt: "Und damit ist man immer in einer Risikoposition für eine Kreuzbandverletzung."
In der heutigen Skisprung-Welt, in der die Haltungsnoten - und damit der Telemark - für die Haltungsnoten immer wichtiger wurden, steht man damit aber vor einem großen Problem.
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Diethart exklusiv zu schwerem Pinkelnig-Sturz: "Kein gutes Zeichen"
Quelle: Eurosport
"Für einen nicht gemachten, fehlerhaften oder nur angedeuteten Telemark gibt es nun noch größere Punktabzüge", bezog sich Schmitt auf die Regeländerung in der vergangenen Saison und sieht darin ein Sicherheitsrisiko: "Sicherer wäre es parallel zu landen, aber im Wettkampf bist du nun eigentlich gezwungen, das Risiko Telemark einzugehen."
Daher ist Schmitt davon überzeugt, dass bei einer ordentlichen Aufarbeitung der Geschehnisse von Predazzo auch die Landetechnik miteinbezogen werden muss. "Wenn man sich um Sicherheit Gedanken macht, muss man definitiv auch über den Telemark diskutieren", mahnte der Olympiasieger von 2002.
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Freitag nach Platz neun in Predazzo: "Noch nicht so locker wie im Winter"
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