Katharina Althaus weinte bittere Tränen der Verzweiflung, dann machte Deutschlands Olympia-Heldin ihrem grenzenlosen Zorn Luft.
"Das war Kasperletheater", erklärte auch Männer-Bundestrainer Stefan Horngacher.
Weltmeister Deutschland war in einer Schanzen-Farce mit Disqualifikationen gegen fünf Athletinnen aus vier Nationen um die greifbar nahe Medaille bei der lang erwarteten Olympia-Premiere des gemischten Team-Wettkampfs gebracht worden. Entsprechend hoch schlugen die Emotionen.
Olympia - Skispringen
Lange auf Medaillenkurs: Althaus und Geiger überzeugen vor Schock-Moment
07/02/2022 AM 15:37
Das Endergebnis? Kurios. Gold für Topfavorit Slowenien war noch zu erwarten gewesen. Silber für das russische Team und vor allem Bronze für Kanada waren völlig skurril.
In den Fokus rückten die polnische Frauen-Kontrolleurin Aga Baczkowska sowie der für die Männer verantwortliche Finne Mika Jukkara, der zu Saisonbeginn Sepp Gratzer abgelöst hatte. "Der neue Kontrolleur hat die Kontrollen extrem verschärft. Das Prozedere ist von der FIS nicht besser geworden, sondern schlechter", sagte Horngacher.

Schuster kritisiert nach Farce: "Wirft schlechtes Licht auf Skispringen"

Für Eurosport ordnete der frühere Bundestrainer Werner Schuster exklusiv die Situation ein.

Werner Schuster über...

...seine grundsätzliche Einschätzung: "Aus deutscher Sicht ist das natürlich sehr blöd gelaufen. Es ist der stärkste Sprung der stärksten Frau aus der Wertung genommen worden. Deswegen sind sie nicht einmal ins Finale gekommen. Japan hätte fast noch eine Medaille gewonnen mit sieben Sprüngen. Aus deutscher Sicht sagt man auch zurecht: Althaus ist noch nie disqualifiziert worden. Es ist der gleiche Anzug. Böse Zungen würden sagen, dann hat sie zuletzt auch schon beschissen. Hat sie aber wahrscheinlich nicht. Sie hatte den gleichen Anzug und im Rahmen des Damenspringens einen regelkonformen Anzug. Es wirft ein schlechtes Licht auf die FIS. Das muss man klar sagen. Es ist nicht nur ein schlechtes Licht auf dem Sport, sondern auch auf der FIS. Sie haben es im Vorfeld versäumt, sich abzustimmen, um zusammen ordentlich zu agieren und die Sportart zu repräsentieren. Es sitzen alle im Boot."

Katharina Althaus (rechts) war nach ihrer Disqualifikation untröstlich

Fotocredit: Eurosport

...den Vorwurf, das Damen-Skispringen werde zerstört: "Aus ihrer Sicht ist es sehr bitter. Sie hat gesagt, dass sie in ihrer langen Zeit im Weltcup noch nie disqualifiziert worden sei. Wenn das tatsächlich stimmt, ist das natürlich erstaunlich: Warum wurde sie genau jetzt disqualifiziert? Sie war ja nicht die Einzige, sondern es hat einige namhafte Springerinnen getroffen. Das wirft schon einen Schatten. Man kann natürlich sagen, die Sportlerinnen und Sportler haben für regelkonformes Material zu sorgen. Gleichzeitig fällt auf, dass nur Frauen disqualifiziert worden sind. Es gibt eine eigene Frauen-Kontrolleurin, es gibt einen eigenen Herren-Kontrolleur - jetzt haben sie das zusammen gemacht. Es wirft sehr viele Fragen auf."
...Schuld an dem Dilemma: "Grundsätzlich ist das ein schwieriges Thema. Irgendwann hat dieser Hightech-Krieg begonnen. Früher hat man Maßanzüge gehabt, dann haben einige gemerkt: Da könnte man etwas herausholen. Daraufhin musste man das Regelwerk und die Kontrollen anpassen. Dann hat man wieder getüftelt, wie man die Kontrollen umgehen kann. Das ist ein kleines Ping-Pong-Spiel zwischen schärferen Kontrollen und Optimierung. Es hat auch praktische Gründe. Wir kennen es aus anderen Sportarten. Es kommt nicht gut an, wenn das Springen vorbei ist, unten ein jubelnder Sportler steht, und eine halbe Stunde später wird er disqualifiziert. Deswegen hatte man vielleicht auch mal das Gefühl, dass ein Auge zugedrückt wurde. Jetzt wurde keines zugedrückt, sondern gnadenlos kontrolliert und disqualifiziert. Aber da es nur Frauen betroffen hat, ist das ein wenig kurios."

"Nicht logisch!" Schuster versteht Skisprung-Debakel nicht

...die Folgen: "Der Männer-Kontrolleur hat für seine Sportart eine Linie hereingebracht, die Frauen-Kontrolleurin hat für ihre Sportart eine Linie hereingebracht. Die Schwäche bei diesem Test: Wenn wir fünf verschiedene Leute ein Maßband anlegen lassen, erhalten wir möglicherweise vier verschiedene Werte. Aber man muss auch konstruktiv bleiben und die Frage stellen, wie wir das lösen. Meine Hoffnung ist, dass dieses Springen ein Anlass ist, um noch einmal über die Bücher zu gehen und zu fragen: Wie bekommen wir mehr Transparenz herein? Gleichzeitig aber auch: Wie machen wir Werbung für den Sport? Es wurde eine eine große Chance vertan. Erstmals ein Mixed-Wettbewerb bei Olympia - und dann fällt man solche Entscheidungen. Das kommt ganz schlecht rüber."

Katharina Althaus bei den Olympischen Spielen 2022

Fotocredit: Getty Images

...das Einhalten von Regeln: "Es besteht keine gute Kultur im Skisprungsport. Man versucht einerseits, den Sport zu entwickeln, will andererseits aber auch tüfteln, um das Reglement zu umgehen. Das ist keine gute Kultur. Und da aus praktischer Sicht nicht jeder kontrolliert werden kann, kann auch jemand durchschlüpfen. Das ist wie bei Geschwindigkeitskontrollen im Verkehr. Man kann nicht zu jeder Zeit jede Straße kontrollieren. Hier sind wirklich alle gefragt. Man sollte nicht zu viel hin und her schießen zwischen Athleten, Betreuern, Trainern, Weltverband und Organisatoren. Man muss eine bessere Lösung finden, um diese Sportart wieder in ein anderes Licht zu rücken."
...das systematische Hinausgehen über die Grenzen des eigentlich Erlaubten: "Das ist nicht so neu, das muss man auch im Skifahren und anderen Sportarten machen. Das sind Sportarten, bei denen einerseits der Athlet optimiert werden muss, andererseits aber auch das Material. Und das muss am Ende zusammenpassen. Die Slowenen sind durchgekommen, die Sloweninnen waren überragend und es ist auch keine disqualifiziert worden. Ich gehe davon aus, dass die genauso kontrolliert wurden und das regelkonform war. Es ist einfach eine Sportart, in der Interaktion stattfindet. Das ist auch nichts Verwerfliches."
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