Planica - Werner Schuster traut Karl Geiger Aufholjagd im Gesamtweltcup zu: "66 Punkte sind nicht viel"
Beim Weltcup-Finale kommt es ab Donnerstag in Planica zum Showdown zwischen Karl Geiger und Ryoyu Kobayashi um die große Kristallkugel. 66 Punkte beträgt Geigers Rückstand. Eurosport-Experte Werner Schuster hält das für aufholbar, vor allem weil Geiger zuletzt in Planica immer brillierte. "Es wird eine knappe Entscheidung", prognostiziert Schuster im Eurosport-Interview.
Karl Geiger kämpft beim Weltcup-Finale in Planica um den Gesamtweltcup
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In der Weltcup-Geschichte des Skispringens gab es bislang erst drei Gesamtweltcupsieger aus Deutschland. Karl Geiger hat beim Weltcup-Finale in Planica (24. bis 27. März live im Free-TV bei Eurosport 1 und bei Eurosport auf Joyn!) die Chance, als vierter DSV-Springer die große Kristallkugel in die Höhe zu stemmen.
Dazu muss der Oberstdorfer bei den zwei Einzelwettkämpfen in Slowenien am Freitag und Sonntag 66 Punkte auf den Gesamtweltcupführenden Ryoyu Kobayashi aufholen. Eurosport-Experte Werner Schuster hält dies für möglich.
"66 Punkte sind nicht so viel. Das klingt nach mehr als es ist", sagt der ehemalige Bundestrainer im Eurosport-Interview und erinnert daran, dass unter seiner Ägide Severin Freund vor sieben Jahren beim Saisonfinale in Planica sogar 100 Punkte aufholte, um sich im letzten Wettkampf den Gesamtweltcup zu sichern.
Schuster erwartet im "Tal der Schanzen" eine knappe Entscheidung. "Wir dürfen uns auf ein spannendes Weltcup-Finale freuen", sagt er.
Im Eurosport-Interview spricht Schuster zudem unter anderem über den spannenden Zweikampf zwischen Geiger und Kobayashi, er erklärt, warum der Heim-Weltcup in Oberstdorf für Geiger eine verpasste Chance war und wieso die Slowenen ausgerechnet in Planica schlagbar sein könnten. Zudem äußert sich der 52-Jährige zum Karriereende von Richard Freitag und verrät, warum ihn diese Entscheidung nicht wirklich überrascht hat.
Herr Schuster, am kommenden Wochenende steigt in Planica das Weltcup-Finale. Karl Geiger und Ryoyu Kobayashi kämpfen noch um den Gesamtweltcup. Geiger hat 66 Punkte Rückstand auf den Japaner. Wie sehen Sie seine Ausgangslage?
Werner Schuster: 66 Punkte sind nicht so viel. Das klingt nach mehr als es ist. Ich bin mit Severin Freund in der Saison 2014/2015 mit 100 Punkten Rückstand nach Planica angereist und am Ende gewann er den Gesamtweltcup noch ganz knapp. Diese 66 Punkte sind also aufholbar. Aber die großen Zähler werden vorne vergeben. Deshalb sollte man in die Top drei springen, denn dort beträgt der Abstand zwischen den Rängen eins, zwei und drei jeweils 20 Punkte. Gewinnt Geiger zweimal und Kobayashi wird beide Male Dritter, hätte Geiger den Gesamtweltcup. Aber die beiden haben sich bisher nichts geschenkt und waren immer eng beisammen. Das Rennen ist bis zum Sonntag offen.
Im Gegensatz zur bisherigen Saison konnten Geiger und Kobayashi zuletzt bei der Skiflug-WM und auch in Oberstdorf nicht mehr um Siege mitspringen. Der Kampf im Gesamtweltcup entwickelte sich in Oberstdorf zum Schneckenrennen. Welche Gründe gibt es dafür?
Schuster: Na ja, so schlimm sehe ich es gar nicht. Geiger war immerhin in den Top Ten. Kobayashi flog am zweiten Tag auf Rang sechs. Das ist nicht so schlecht. Es gibt eben aktuell mit den Slowenen und Stefan Kraft, der in einer starken Spätform ist, einfach noch bessere Springer, die vom ersten Flug an Leistung geboten haben. Daher kann man in diesem Fall schon mal Abstriche machen. Nichtsdestotrotz hatte ich das Gefühl, dass Karl in Oberstdorf eine Chance verpasst hat.
Inwiefern?
Schuster: Kobayashi hat sich sehr schwer getan und Karl hatte inklusive der Skiflug-WM mehr Ausreißer nach oben. Alle Sprünge zusammengenommen war Karl in Oberstdorf immer stärker als der Japaner. Doch im Wettkampf ist er unerwarteterweise unter seinen Möglichkeiten geblieben. Nicht alle Sprünge waren auf dem hohen Niveau. Er hat dies auch selbst gemerkt, das war an seiner Gestik abzulesen. In Planica wird es dagegen nicht so leicht, sich abzusetzen, auch weil Kobayashi die Schanze dort besser liegt. Die Schanze in Planica hat einen kürzeren Schanzentisch und gibt dem Sportler einen anderen Rhythmus. Zudem ist die Flugkurve im ersten Flugdrittel etwas höher. Beide Umstände mag der Japaner. Das hat er schon oft bewiesen.
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"Der tut weh": Geiger verliert im Gesamtweltcup an Boden
Quelle: Eurosport
Ist das fehlende Top-Niveau bei Geiger nun zum Saisonende mitunter eine Kraftfrage?
Schuster: Nein, das würde ich nicht als Ausrede gelten lassen. Zum einen war es für beide ein langer Winter und zum anderen hat es Kobayashi diesbezüglich sogar schwerer. Die Saison findet fast ausschließlich in Mitteleuropa statt, dazu war das Skifliegen jetzt noch in Geigers Heimat Oberstdorf, er hat also wenig Reisestress. Diese Zeit kann er nutzen, um die Batterien wieder aufzuladen. Diese Möglichkeiten hat Kobayashi nicht, da die Japaner den Winter über sehr lange von zu Hause weg sind.
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"Auch der ist nicht optimal": Geiger verpasst Aufholjagd
Quelle: Eurosport
Sie haben eben schon angesprochen, dass Kobayashi die Schanze in Planica mehr entgegenkommt als Vikersund und Oberstdorf. Wem liegt aus Ihrer Sicht denn die Letalnica-Schanze besser?
Schuster: Geiger und Kobayashi können dort sehr gut springen. Das zeigen auch die Ergebnisse aus dem vergangenen Jahr, als Geiger zweimal Erster und Kobayashi jeweils Zweiter wurde. Dazu hält der Japaner mit 252 Meter den Schanzenrekord. Es wird demnach für Karl deutlich schwerer, die fehlenden Punkte noch aufzuholen.
Zusätzlich zu den beiden Erfolgen beim Weltcup-Finale 2021 hat Geiger an Planica auch sehr gute Erinnerungen, weil er dort 2020 Skiflug-Weltmeister wurde. Inwieweit können ihm diese Erinnerungen jetzt im Kampf um den Gesamtweltcup helfen?
Schuster: Sie können ihm sehr helfen. Der WM-Titel ist nicht so lange her und er hat dort wirklich gute Flüge gezeigt. Er kann diese Schanze, das hat er in den vergangenen beiden Jahren bewiesen. Es würde mich nicht überraschen, wenn er am Wochenende noch einmal ganz vorne reinspringt.
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Karl Geiger gewann bei der Skiflug-WM 2020 in Planica den WM-Titel
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Um den Gesamtweltcup doch noch zu gewinnen, braucht Karl Geiger in Planica die großen Punkte. Dazu müsste er jedoch die flugstarken Slowenen und Stefan Kraft schlagen. Ist denen aktuell überhaupt beizukommen?
Schuster: Ja, Karl hat die Chance, sie zu besiegen. Die Slowenen haben zudem nun eine leicht andere Ausgangsposition. Das Stadion in Planica wird voll sein, die Fans lechzen nach Live-Sport. Zugleich reisen die Slowenen als absolute Topfavoriten an. Die neue Generation um Timi Zajc, Anze Lanisek, Ziga Jelar und Co. will vor Heimpublikum aufzeigen, womöglich stehen sie sogar unter einem gewissen Druck. Sie wollen nicht nur, sondern sie müssen liefern. Ob sie damit umgehen können, wird sich zeigen. Sie sind in einer starken Form, aber das müssen sie auch erst jede Woche aufs Neue unter Beweis stellen.
Der Druck für die Slowenen beim Heimspiel könnte demnach für die Konkurrenz auch eine Chance sein?
Schuster: Ja, definitiv. Die Slowenen sind ein stolzes und sportbegeistertes Volk und die Fans fahren nach Planica, um ihre Jungs fliegen zu sehen. Das Gute aus slowenischer Sicht: Es ist ja nicht nur einer, sondern sie haben sechs sehr gute Flieger, daher ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mindestens ein Slowene beim Heimspiel um den Sieg mitspringt. Dennoch ist ihnen aber beizukommen. Bei Lovro Kos oder Peter Prevc hat man zuletzt gesehen, dass nicht jeder Sprung wie aus einem Guss kommt. Und dass Timi Zajc die Flugschanze in Oberstdorf liegt, war schon vor drei Jahren festzustellen, als er dort als 18-Jähriger seinen ersten Weltcupsieg holen konnte.
Dann bräuchte ich von Ihnen noch den obligatorischen Tipp: Wer darf am Sonntag die große Kristallkugel in die Höhe stemmen?
Schuster: So sehr ich es Karl Geiger gönnen würde. Ich tippe auf Ryoyu Kobayashi. Er wird seinen Vorsprung verteidigen und Gesamtweltcupsieger werden. Allerdings wird es eine sehr knappe Entscheidung. Wir dürfen uns auf ein spannendes Weltcup-Finale freuen.
Während Karl Geiger am Wochenende um den Gesamtweltcup kämpft, befindet sich ein anderer erfolgreicher deutscher Skispringer nun im Ruhestand. Richard Freitag hat beim Skifliegen in Oberstdorf sein Karriereende bekannt gegeben. Inwiefern hat Sie diese Entscheidung überrascht?
Schuster: Ich war eigentlich nicht sonderlich überrascht. Anhand seiner Ergebnisse in den vergangenen zwei bis drei Jahren war erkennbar, dass er sich schwertut. Ein Lichtblick war sein Auftritt in diesem Januar beim Weltcup-Comeback in Titisee-Neustadt, bei dem er gleich wieder gute Punkte holen konnte. In der Summe war es aber sehr schwer für ihn. Selbst im Continental Cup ist er nicht um Siege mitgesprungen, sondern musste sich erst reinkämpfen. Für einen achtmaligen Weltcupsieger, der eigentlich für die erste Liga prädestiniert ist und so große Möglichkeiten hätte, ist dieser Zustand auf Dauer schon sehr belastend. Die Zweite Liga sollte eine Aufbau- und keine Auffangliga sein. Wenn man dort jedoch zwei bis drei Jahre drinhängt, wird es sehr mühsam. Ich hatte jetzt nicht mehr den ganz tiefen Einblick, aber anscheinend hat er nicht mehr gesehen, wie er über sein aktuelles Niveau hinauskommen soll. Dennoch kann er natürlich mit Stolz auf seine Karriere zurückblicken.
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Richard Freitag flog bei der Skiflug-WM 2018 in Oberstdorf im Einzel zu Bronze
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Richard Freitag erlebte unter Ihnen als Bundestrainer seine größten Erfolge, unter anderem wurde er Zweiter im Gesamtweltcup, Team-Weltmeister, Mixed-Weltmeister und holte bei der Skiflug-WM 2018 Bronze im Einzel. Zum großen Einzel-Titel hat es trotz seiner großartigen Anlagen jedoch nicht gereicht. In Medienberichten war vom Karriereende eines 'Unvollendeten' zu lesen. Wie bewerten Sie seine Laufbahn?
Schuster: Das ist schon ein etwas hartes Urteil. Denn er hat auch viel gewinnen können. Seine Bronzemedaille im Einzel bei der Skiflug-WM war damals eine fantastische Leistung. Anfang Januar war er bei der Vierschanzentournee in Innsbruck gestürzt. Von dem Crash immer noch leicht angeschlagen, ging er zwei Wochen später in die WM in Oberstdorf und flog auf Rang drei. Aber ich muss zugeben, dass auch ich das Gefühl hatte, dass bei ihm noch mehr möglich gewesen wäre. Da wurde womöglich nicht immer das Maximum ausgeschöpft. Jedoch gilt es das zu respektieren, jeder Sportler ist ein eigener Charakter und geht einen eigenen Entwicklungsweg. Er ist eine sehr starke Persönlichkeit und hat sich nicht immer auf alles direkt eingelassen. Gleichzeitig war er aber ein hervorragender Teamplayer. Das war vielleicht auch ein Grund, warum er bei so vielen Teamerfolgen mit dabei war und diese seine Karriere prägten. Zudem war er zusammen mit Severin Freund wesentlich daran beteiligt, dass die deutsche Springer-Generation, die seit zehn Jahren die Weltspitze mitdominiert, überhaupt entstanden ist. Er war ein Vorreiter und zugleich ein tolles Vorbild.
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