Werner Schuster im Interview: DSV-Team "hat Lehren gezogen" - Ex-Bundestrainer traut Wellinger, Geiger und Co. viel zu
Am kommenden Wochenende starten die Skispringer in die neue Weltcup-Saison. Ex-Bundestrainer Werner Schuster traut den DSV-Adlern im exklusiven Interview mit Eurosport.de einiges zu. Auch weil aus seiner Sicht, die "Mischung in der Mannschaft" stimmt. Vor großen Prognosen hütet sich der 54-Jährige jedoch, schließlich stehe dem gesamten Skispringen eine "Saison des Umbruchs" bevor.
Karl Geiger (l.) und Andreas Wellinger sind auch in diesem Winter aus deutscher Sicht die heißesten Anwärter auf Top-Platzierungen im Weltcup
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Nach dem ungewohnten Auftakt auf Matten im vergangenen Jahr in Wisla startet die Skisprung-Saison 2023/2024 im verschneiten und kalten Ruka in Finnland (ab 24. November live und auf Abruf auf discovery+).
Im hohen Norden wollen die deutschen Adler diesmal einen deutlich besseren Saisonstart hinlegen, denn in Wisla hatte es im November 2022 kein Deutscher in die Top Ten geschafft.
Aus Sicht von Eurosport-Experte Werner Schuster stehen die Chancen gut: "Das ist nicht vergleichbar. Die deutsche Mannschaft hat aus der vergangenen Saison die Lehren gezogen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass zwei Deutsche unter den besten Zehn im Weltcup auftauchen."
Dabei setzt er besonders auf Andreas Wellinger. "Bei allen Trainingsergebnissen hat man gesehen, dass Andreas Wellinger seinen letztjährigen Aufstieg fortsetzen konnte. Er ist ganz gut in Form, auch wenn er bei der Deutschen Meisterschaft nicht gewonnen hat", sagte der 54-Jährige im exklusiven Interview mit Eurosport.de.
Mit großen Prognosen tut er sich jedoch vor dem Weltcup-Auftakt noch schwer, was vor allem an den zahlreichen Regeländerungen liegt. "Es gibt einige Materialänderungen sowie eine neue Vermessung mit dem Körperscanner. Es wurden sechs bis sieben Dinge verändert", so Schuster, der daher von einer "Saison des Umbruchs" spricht.
Außerdem spricht er im Interview über die Nicht-Nominierung von Markus Eisenbichler, die internationale Konkurrenz und den japanischen Altmeister Noriaki Kasai, der auch mit 51 Jahren noch nicht ans Aufhören denkt.
Herr Schuster, im vergangenen Jahr begann die Weltcup-Saison auf Matten in Wisla. Diesmal gibt es wieder den traditionellen Auftakt auf Schnee im finnischen Ruka. Vor einem Jahr schaffte es beim Saisonauftakt kein Deutscher in die Top Ten. Was macht Ihnen Hoffnung, dass es diesmal beim Start besser läuft?
Werner Schuster: Ich denke, das ist nicht vergleichbar. Die deutsche Mannschaft hat aus der vergangenen Saison die Lehren gezogen. Ich habe sie im Sommer ein paar Mal getroffen und habe ein ganz gutes Gefühl. Es ist eine gute Dynamik in der Mannschaft. Ich bin sehr zuversichtlich, dass zwei Deutsche unter den besten Zehn im Weltcup auftauchen.
Was macht Sie so zuversichtlich?
Schuster: Die Trainingsleistungen waren ganz gut. Man ist sehr spät in den Sommer Grand Prix eingestiegen. Aber bei allen Trainingsergebnissen hat man gesehen, dass Andreas Wellinger seinen letztjährigen Aufstieg fortsetzen konnte. Er ist ganz gut in Form, auch wenn er bei der Deutschen Meisterschaft nicht gewonnen hat. Dort siegte ja Martin Hamann, der seine Chance bekommen wird, die er sich redlich verdient hat. Ich würde auch einen Karl Geiger nennen, der sich sehr grundlegend herangearbeitet hat. Ihn würde ich nicht unterschätzen. Es ist eine ganz gute Mischung aus jung und alt. Philipp Raimund hat ein sehr hohes Potenzial in seinem Sprung. Ich denke, dass aus dieser Gruppe schon sehr berechtigte Hoffnung besteht, dass man mit der absoluten Weltspitze mithalten kann. Und mit einem guten Saisonstart kann auch wieder die notwendige Dynamik entfacht werden, um eine gute Saison zu springen und sich speziell Richtung Tournee aufzubauen.
Diese Saison gibt es kein echtes Großereignis wie die Nordische Ski-WM oder die Olympischen Spiele. Umso wichtiger ist das Abschneiden bei der Vierschanzentournee. Erhöht das noch einmal den Druck, direkt zu Saisonbeginn liefern zu müssen, weil der Formaufbau in Richtung Tournee bereits stimmen sollte?
Schuster: Der Druck ist jetzt immer da gewesen. Ich könnte jetzt mal eine mutige These in den Raum werfen und sagen, es könnte ab jetzt wieder für die Deutschen leichter werden, die Tournee zu gewinnen. Man ist auch zu meiner Zeit fast zehn Jahre lang und auch in den vergangenen fünf Jahren hinterher gerannt und hat gefragt: Wann wird ein Deutscher die Tournee gewinnen? Wann ist es endlich so weit? Das hat sich immer aufgebaut und gewonnen wurde sie immer noch nicht. Jetzt ist die Zeitspanne seit Sven Hannawalds Sieg (in der Saison 2001/2002, Anm. d. Red.) schon recht groß. Ich möchte nicht sagen, dass man sich damit abgefunden hat, aber man hat es akzeptiert, dass es eine große Zeitspanne ist. Das kann auch eine Chance sein, irgendwann diesen Bann zu durchbrechen. Aber ich würde sagen, erstmal einen guten Weltcupstart hinlegen und dann kann man sich mit der Tournee beschäftigen.
Was können wir generell von Andreas Wellinger und Karl Geiger in dieser Saison erwarten?
Schuster: Ich denke, dass man von Anfang diese Lücke schließt. In der vergangenen Saison sind beide mit den Rängen zwei und drei eine gute WM gesprungen, es war nicht alles schlecht. Sie haben absolut das Zeug, ganz vorne mitzuspringen. Aber es ist noch zu früh, um große Prognosen abzugeben. Auch weil es eine sehr interessante Saison ist, ich möchte fast sagen, es ist eine Saison des Umbruchs.
Warum?
Schuster: Die FIS hat einige Materialänderungen zugelassen, dazu gibt es eine neue Vermessung mit dem Körperscanner. Zudem wurden die Standhöhen verringert. Es wurden sechs bis sieben Dinge verändert. Es sind keine großen Sachen, aber einige kleinere. Das ist sehr unüblich, dass man an mehreren Schrauben gleichzeitig dreht. Es sind einfach ein paar Unbekannte drin: Welche Nation hat das am besten verkraftet? Wer startet am besten? Wer hat die Hausaufgaben wirklich gut gemacht und kann gleich mit Selbstvertrauen reingehen? Wir müssen daher die ersten zwei bis drei Wochen auf jeden Fall noch abwarten.
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Andreas Wellinger (l.) und Karl Geiger (r.) gewannen bei der Nordischen Ski-WM in Planica im Einzel von der Normalschanze Silber und Bronze. Weltmeister wurde der Pole Piotr Zyla
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Wie sieht es dahinter aus? Was trauen Sie den anderen Deutschen zu?
Schuster: Philipp Raimund habe ich ja schon erwähnt. Das ist meines Erachtens ein sehr interessanter Springer für die Zukunft. Dann haben wir natürlich noch mit Pius Paschke und Stephan Leyhe zwei Routiniers, die sich aus der B-Mannschaft qualifiziert haben, was auch die gute Arbeit von Ronny Hornschuh zeigt. Leyhe war auch schon im Sommer Grand Prix auf dem Podest. Mal schauen, ob sie nochmal an die alte Form anknüpfen können. Wie gesagt, wir haben eine sehr gute Mischung am Start.
Beim Auftakt nicht dabei ist Markus Eisenbichler, der in der vergangenen Saison mit Rang 15 noch drittbester Deutscher im Gesamtweltcup war. Haben Sie seit seiner Nicht-Nominierung mit ihm sprechen können? Wie hat er diese Entscheidung aufgenommen?
Schuster: Ich war bei der Deutschen Meisterschaft vor Ort und habe ihn gesehen. Er war natürlich nicht unbedingt erfreut. Aber er hat die Ausscheidung akzeptiert. Und was Markus Eisenbichler immer ausgezeichnet hat, sind seine Stehauf-Qualitäten. Er wird im B-Kader von Ronny Hornschuh neue Motivation schöpfen. Im Continental Cup sind sie ja dann zeitverzögert auf den gleichen Schanzen wie im Weltcup in Lillehammer und Kuusamo. Das kann auch eine Chance sein, sich hier zu stabilisieren und 'von hinten' zu kommen. Mit ein paar guten Trainingseinheiten und Erfolgserlebnissen auf diesen Schanzen hat er ja durchaus die Möglichkeit, sich wieder ins Weltcup-Team zu springen und bei der Tournee wieder dran zu sein. Seine Top-Sprünge sind immer noch auf gutem Niveau, es hat ein bisschen an der Konstanz gemangelt. Wenn er jetzt die richtigen Schlüsse zieht und das traue ich ihm zu, dann kann das noch eine gute Saison werden.
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Markus Eisenbichler muss bei den ersten beiden Weltcup-Stationen in Ruka/Kuusamo und Lillehammer erstmal zuschauen
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Zur neuen Saison gab es einige Regeländerungen: So ist ab sofort auch im Skispringen fluorhaltiges Wachs verboten. Im Ski Alpin gab es insbesondere rund um die Messmethoden schon heftige Diskussionen. Viele sorgten sich, dass man auf der Strecke fluorhaltiges Wachs von einem vorherigen Athleten aufnehmen könnte und dann disqualifiziert wird. Sehen Sie solch eine Gefahr auch im Skispringen?
Schuster: Ausschließen kann man es natürlich nicht. Aber aus meiner Sicht ist es nicht das dringlichste Problem. In den anderen Sportarten bringt das Fluor-Wachs deutlich mehr. Wir haben künstliche Eisspuren, da geht es rein um Beschleunigung und da macht der Schliff deutlich mehr aus. Da hätte ich jetzt großes Vertrauen, dass auch die Serviceleute ihre Hausaufgaben gemacht haben. Vielleicht bei nassen Bedingungen, es ist ja bekannt, dass fluorhaltiges Wachs da am meisten bringt. Aber ich glaube, der Wettbewerbsnachteil ist nicht so enorm. Die Unterschiede werden nicht so groß sein wie im Langlauf oder Ski Alpin. Deswegen könnten wir hier glimpflich davon kommen.
Blicken wir auf die internationale Konkurrenz: Sie haben zwar schon gesagt, dass es für Prognosen noch zu früh ist, aber wer sind für Sie die Favoriten im Kampf um den Gesamtweltcup?
Schuster: Es ist eine super spannende Ausgangslage, weil der Sommer Grand Prix von zwei Außenseitern dominiert wurde: Vladimir Zografski und Gregor Deschwanden. Die großen Nationen haben sich zurückgehalten. Ich würde schon erwarten, dass bekannte Namen aus den vergangenen Jahren wie Halvor Egner Granerud, Ryoyu Kobayashi, Dawid Kubacki oder auch Stefan Kraft wieder den Ton angeben werden. Mal schauen wie Zografski und Deschwanden rauskommen, wobei ich eher Deschwanden als Zografski eine Überraschung zutraue. Deschwanden könnte öfter unter den Top Ten auftauchen. Spannend ist auch die slowenische Mannschaft. Sie haben im Sommer Grand Prix nicht so gut performt, haben ja aber immerhin den Weltmeister Timi Zajc. Eine spannende Rolle könnte auch Daniel Tschofenig spielen. Das österreichische Team hat generell einige junge Athleten drin. Aber ich denke, Tschofenig könnte der Aufsteiger der Saison werden. Er hat sehr gute und stabile Ansätze gezeigt im Sommer. Da ist einiges möglich.
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Dawid Kubacki
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Lassen Sie uns zum Abschluss über einen Athleten sprechen, der sehr lange den Weltcup mitgeprägt hat und trotz seines Alters die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dort noch einmal zurückzukehren: Noriaki Kasai. Finden Sie es 'cool', dass er noch weiter springt oder sollte ein 51-Jähriger irgendwann doch mal aufhören?
Schuster: Ich habe gehört, dass er zu Hause wieder ganz gut gesprungen sein soll. Ob das seiner neu gewonnenen Stärke oder vielleicht einer leichten Schwächephase des japanischen Teams zuzuschreiben ist, das wage ich aus der Ferne nicht zu prognostizieren. Er hat uns ja schon einmal überrascht und wenn die Mannschaft schwächelt, kann er auch mit 51 Jahren in den Weltcup zurückkehren. Aber an die Spitze kommt er nicht mehr. Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber natürlich, warum soll er nicht springen, wenn er davon leben kann und Freude dabei hat. Ich meine, wir sprechen ja auch über ihn, deswegen ist er oft auch das Salz in der Suppe. Es wäre ja schon ein Riesenerfolg, wenn er mit 51 Jahren nochmal einen Punkt macht. Ich glaube, es hat noch jemand mit 50 Jahren noch einen Weltcuppunkt geholt. Vielleicht verschiebt er die Grenze in diese Richtung.
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Geiger nimmt Tournee ins Visier: "Wollen einfach mal gewinnen"
Quelle: Eurosport
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