Vierschanzentournee - Jens Weißflog exklusiv im Interview: "Da ist es mir kalt den Rücken runtergelaufen"

Mit vier Gesamtsiegen zählt Jens Weißflog zu den Ikonen der Vierschanzentournee. Über 16 Jahre hinweg war der dreimalige Olympiasieger eine Instanz in der Skisprung-Szene, sein Name ist mit dem Tournee-Mythos eng verbunden. Im exklusiven Interview mit Eurosport.de spricht Weißflog über seinen stolzesten Moment, großartige Erfolge und natürlich die deutsch-österreichische Rivalität.

Ein Moment überstrahlt alle: Weißflog schönste Tournee-Erinnerung

Quelle: Eurosport

Vier Gesamtsiege bei der Vierschanzentournee, drei Weltmeistertitel, drei olympische Goldmedaillen und ein Triumph im Gesamtweltcup - Jens Weißflog hat in seiner Karriere alles abgeräumt. "Bei Winterspielen ganz oben zu stehen ist für mich immer noch das Größte, was ein Sportler erreichen kann", schwärmt 33-malige Weltcupsieger im exklusiven Interview mit Eurosport.
Bis heute ist sein Name eng mit dem Mythos Vierschanzentournee verbunden, an den der 59-Jährige viele schöne Erinnerungen hegt.
Zwischen seinem ersten und vierten Tourneesieg lagen ganze zwölf Jahre. Ein Umstand, der den 59-Jährigen noch heute stolz macht. "Mit diesem vierten Tourneesieg ist eine Riesenlast von mir abgefallen, weil diese Erwartungshaltung immer da war", erläutert er. "Es war etwas Historisches und mir ist ein ganz großer Stein vom Herzen gefallen."
Seit jeher spielt die deutsch-österreichische Rivalität im Rahmen der Vierschanzentournee eine besondere Rolle, die durch das DSV-Trio um Andreas Wellinger, Karl Geiger und Pius Paschke und dem ÖSV-Adler Stefan Kraft auch in dieser Saison neu auflebt. "Bei solchen Erfolgen kann man sich der Favoritenrolle oder Mitfavoritenrolle einfach nicht entziehen", so Weißflog, der sich außerdem wünscht, "dass der Traum, den wir seit über 20 Jahren haben, wahr wird."
Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn sie an die Vierschanzentournee denken?
Jens Weißflog: Als Erstes kommt mir in den Sinn, wie ich als Kind vor dem Fernseher gesessen habe - da war Skispringen und die Vierschanzentournee ein Familienereignis. Das war also von Kindheit an ein Thema.
Was macht für Sie den Mythos Vierschanzentournee aus?
Weißflog: Für jeden, der mit dem Skispringen anfängt, ist das natürlich ein absolutes Ziel. Ich hatte das Glück, mit 16 Jahren dabei zu sein und es war wahnsinnig aufregend, mit den Athleten zu springen, die man bis dahin nur aus dem Fernsehen kannte. Ich denke, seine erste Tournee-Teilnahme wird keiner vergessen.
Eine Besonderheit der Vierschanzentournee sind die unterschiedlichen Charakteristika der Schanzen. Sie haben insgesamt zehn Tournee-Tagessiege errungen und sind damit zusammen mit Pierre Nicolas Rekordhalter. Hatten Sie bei der Tournee eine Lieblingsschanze?
Weißflog: Es kommt ganz auf die Form an. Ich hatte natürlich auch Ausfälle auf Schanzen, auf denen ich gewonnen habe. Mit vier Einzelsiegen in Garmisch-Partenkirchen könnte man denken, dass mir die Schanze besonders entgegenkam - aber ich weiß nicht, woran es lag! Entweder habe ich am wenigsten oder am meisten gefeiert am Abend vorher und vielleicht hat es deshalb beim Neujahrsspringen oft so gut gepasst. (lacht) Aber eine Lieblings- oder Hass-Schanze gab es nicht. Das war wirklich immer von der Form abhängig.
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Tournee-Legende Weißflog über seine Lieblingsschanzen

Quelle: Eurosport

Sie haben die Tournee viermal gewonnen und vom ersten zum vierten Tourneesieg sind zwölf Jahre vergangen. In dieser langen Zeit gab es sicher viele glückliche, aber auch schwierige Momente auf der Tournee. Gibt es einen, der für Sie besonders hervorsticht?
Weißflog: Auf jeden Fall der vierte Gesamtsieg, weil ja die Möglichkeit dazu schon zwei Jahre vorher bestand. Damals bin ich als Führender nach Bischofshofen gefahren, habe es dann aber nicht geschafft - und hätte nie gedacht, dass ich die Chance noch einmal bekomme. Mit diesem vierten Tourneesieg ist eine Riesenlast von mir abgefallen, weil diese Erwartungshaltung immer da war. Nach der verpassten ersten Möglichkeit gab es dauernd die Frage, ob ich es nochmals schaffe. Als es mir dann geglückt war, ist es wie eine Erlösung für mich gewesen. Es war etwas Historisches und mir ist ein ganz großer Stein vom Herzen gefallen.
Bei Tourneesiegen waren sie damit alleiniger Rekordhalter. Wie wichtig war dieser Rekord für sie persönlich?
Weißflog: Wenn man die Umstände von 1994 kennt, als die Norweger durch das lange Warten von Lasse Ottesen oben an der Schanze die Bedingungen beeinflusst hatten, habe ich mich da durchaus benachteiligt gefühlt. Jeder weiß: Wer einmal die Chance hat, die Tournee zu gewinnen, für den ist das schon eine Wahnsinnsgeschichte. Aber wenn du der Erste bist, der sie viermal gewinnen könnte und du daran scheiterst, dann glaubst du nicht, dass sich diese Chance noch einmal ergeben könnte. Deshalb war es für mich eine tolle Geschichte, zumal ich ja auch vor der Tournee meinen Rücktritt bekannt gegeben hatte und wusste, das ist sowieso die letzte Chance. Dann mit einem Sieg dort rauszugehen - das war wirklich toll!
Ist das der Tourneesieg, auf den Sie am stolzesten sind?
Weißflog: Auf jeden Fall - aber ich würde auch sagen, dass der erste Sieg ebenso dazugehört. Ich war damals mit 19 Jahren noch ziemlich jung, habe die Tournee aber recht überlegen gewonnen mit drei Einzelsiegen und einem zweiten Platz. Das war für mich damals schon unerwartet, sich da so durchzusetzen, auch gegen Konkurrenten wie Klaus Ostwald und Matti Nykänen, die eigentlich immer als Favorit galten. Das war damals eine tolle Geschichte.
Mit welchen persönlichen Erwartungen sind Sie in diese erste Tournee gegangen? Wollten Sie einfach reinschnuppern oder haben Sie gemerkt - die Form ist da, hier könnte vielleicht was gehen?
Weißflog: Das Besondere damals war, dass wir vor der Vierschanzentournee noch nie im Weltcup waren. Wir sind also nach Oberstdorf gefahren und wussten eigentlich gar nicht, wo wir stehen. Das erste Training war ein Abtasten - und da lief es eigentlich ganz gut, aber bei weitem nicht so gut wie dann der Wettkampf. Das Springen selbst in Oberstdorf war sehr windig, Klaus Ostwald hat gewonnen und ich bin Zweiter geworden: Das war ein Riesenerfolg für mich. Aber die Erwartungen waren bei weitem nicht so hoch, wir waren uns selbst nicht sicher, in welcher Form wir eigentlich sind.
Sie haben die Tournee nicht nur für zwei verschiedene politische Systeme gewonnen, die DDR und die BRD, sondern auch in zwei verschiedenen Sprungstilen, dem Parallelstil und dann später auch noch im V-Stil. Ist es für Sie persönlich noch wertvoller, unter diesen Umständen viermal gewonnen zu haben?
Weißflog: Ich glaube, das sind einfach Zufälle, dass man in eine Zeit hineingeboren wird, in der es solche historischen Momente gibt. Wir haben einen politischen Systemwechsel miterlebt, aber wir haben auch sporthistorische Momente miterlebt, weil wir nach 1990 dann wieder in einer gemeinsamen deutschen Mannschaft gesprungen sind. Ich empfinde es als Glück, dort dabei gewesen zu sein. Es sind Riesenerlebnisse, dass man solche Veränderungen mitgestalten konnte und sie dann glücklicherweise auch erfolgreich geschafft hat - da empfinde ich im Nachhinein Dankbarkeit.
Wie besonders war in dieser Hinsicht der Sieg 1991, als Sie als erster ehemaliger DDR-Sportler nach der Wende direkt die Tournee gewonnen haben?
Weißflog: Sporthistorisch war das natürlich was ganz Tolles, es gab eine wahnsinnige Euphorie. Kurz nach der Wende standen da plötzlich ganz viele Ostdeutsche mit Plakaten an der Schanze wie "Sachsen grüßt die deutschen Skispringer". Damals ist man noch die Treppe neben der Schanze hochgelaufen und ich weiß noch, wie man in die Menge geschaut und diese Plakate gelesen hat: Da ist es mir kalt den Rücken runtergelaufen. Es war unglaublich, voller Emotionen und das Besondere war dazu, dass ich vorher verletzt war. Das deutsche Team kam sehr erfolgreich aus Übersee zurück, aus den USA und Japan, mit André Kiesewetter als Weltcup-Führenden. Ich aber bin halb aus dem Krankenbett gekommen, weil ich wirklich wenig Vorbereitung hatte. Dann ging es im Training gleich sehr gut los und die Tournee war eben für mich immer etwas Besonderes. Das haben wir auf der Hinfahrt nach Oberstdorf auch nochmal gemerkt: Da lassen sich einige Prozent mehr Motivation herauskitzeln. Diese ganze Tournee, auch in der gemeinsamen deutschen Mannschaft, war etwas ganz Spezielles.
Welchen Stellenwert hat die Tournee im Vergleich zu ihren anderen Erfolgen - Sie sind ja auch Weltmeister, Gesamtweltcupsieger und Olympiasieger geworden?
Weißflog: Das ist immer schwierig zu sagen. Für mich gehört die Tournee natürlich dazu als Höhepunkt der Saison. Die zu gewinnen, ist etwas Tolles. Aber Olympia steht für mich nach wie vor ganz oben, dann kommt die Weltmeisterschaft. Bei der Vierschanzentournee haben wir ja jedes Jahr die Chance, etwas zu reißen, WM ist nur alle zwei Jahre und Olympia nur alle vier Jahre. Bei Winterspielen ganz oben zu stehen ist für mich immer noch das Größte, was ein Sportler erreichen kann.
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Jens Weißflog feiert bei den Olympischen Spielen 1994

Fotocredit: Imago

Genau 10 Jahre nach Ihrem vierten Gesamtsieg hat Janne Ahonen zunächst Ihren Rekord eingestellt und zwei Jahre später mit seinem fünften Tourneesieg sogar noch übertroffen. Was waren Ihre ersten Gedanken, als er 2008 alleiniger Rekordhalter wurde?
Weißflog: Also ich bin da zwar nicht emotionslos, aber zehn Jahre an der Spitze einer Rekordliste zu stehen, das ist schon eine sehr lange Zeit im Sport. Wenn man sieht, dass Weltrekorde im Schwimmen teilweise beim nächsten Finale schon wieder gebrochen werden, dann sind zehn Jahre für mich eine sehr lange Zeit. Es ist einfach so: Rekorde sind dazu da, um gebrochen zu werden und ich meine, Janne Ahonen hat etwas Historisches geschafft. Ich glaube, es wird kaum noch jemanden geben, der das irgendwann einholt oder überbietet. Das ist aus heutiger Sicht schier nicht vorstellbar.
Haben Sie mit Ahonen darüber gesprochen oder ihm damals direkt gratulieren können?
Weißflog: Ja, ich hatte das Glück, damals beim Fernsehen zu arbeiten und wir haben diesen Moment live übertragen. Als das Ergebnis kam, war dann auch die Kamera auf mich gerichtet und ich habe mir so ein bisschen eine Träne weggewischt. Er ist ein Konkurrent, mit dem ich selbst noch gesprungen bin, er war bei meinem eigenen Abschiedsspringen - das hat er auch gewonnen - ein bisschen symbolisch, könnte man sagen. Da kann man einfach nur gratulieren und muss in dem Moment auch gönnen können.
Ein großes Thema bei der Tournee ist die deutsch-österreichische Rivalität. Wie groß ist diese eigentlich für die Sportler oder ist das eher ein Medienthema?
Weißflog: Nein, die gab es natürlich und es ist immer ein Thema - aber in unterschiedlicher Ausprägung. Es ist oft auch die Rivalität der Zuschauer gegenüber den Sportlern. Ich kann mich an Momente erinnern in Österreich, da sind wir in Bischofshofen an den Leuten vorbei und es kamen richtige Beleidigungen. Das war fast wie auf dem Fußballplatz, wo wirklich ganz große Emotionen rauskommen. Das muss man in dem Moment einfach ausblenden können. Das sind Fans, die ihre Mannschaft unterstützen wollen und da geht es auch nicht immer fair zu. Zum Glück hat sich das heute in vielen Dingen geändert. Da gab es einmal einen medialen Aufruf von Martin Schmitt und Andi Widhölzl. Da sind oft wirklich verrückte Sachen passiert und man hat dann versucht, über ein deutsch-österreichisches Sportlerfreundschaftsprojekt zu sagen: "Mensch, wenn sich die Sportler verstehen, dann müssen sich auch die Fans verstehen." Durch diese Aktion ist das alles ein bisschen ins Rollen gekommen, dass die Fans heute viel weniger aggressiv sind als damals.
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Pfiffe und Emotionen: Weißflog zu Tournee-Rivalität mit Österreich

Quelle: Eurosport

Welche besondere Anekdote zu dieser deutsch-österreichischen Rivalität fällt Ihnen noch ein?
Weißflog: Wir waren immer die "Piefkes" in Österreich, egal ob man damals aus Ost- oder Westdeutschland kam. Es gab natürlich auch immer eine besondere Rivalität durch die Leistungsstärke der DDR-Mannschaft, die sich in bestimmten Jahren auch eng mit Österreich duelliert hat: 1975 und 1976 waren solche Jahre, in denen die Österreicher vorn waren und das nächste Jahr dann die DDR-Mannschaft. Ich erinnere mich an meine erste Tournee, wo wir teilweise noch ausgepfiffen wurden. Das sind besondere Momente, wenn man als junger Mensch mit 15 oder 16 Jahren relativ ahnungslos dort hinfährt und dann mit solchen Dingen konfrontiert wird. Das war aber natürlich auch nicht jedes Jahr so. Ich habe auch ganz tolle Erlebnisse mit den österreichischen Fans gehabt. Da gab es noch keine Security und ich bin quasi mit dem Siegerpokal und den Skiern auf dem Rücken mit den Fans von der Schanze ins Hotel gelaufen. Da gab es auch ganz viele Glückwünsche.
Was hat Ihnen mehr Spaß gemacht: Die deutschen Fans bei den Heimspielen zu beflügeln oder die Österreicher in Innsbruck und Bischofshofen zum Schweigen zu bringen?
Weißflog: Ich bin da nicht hingefahren, um irgendwelche Rivalitäten aufzubauen und den Fans zu zeigen, wo der Hammer hängt oder so. Da ging es nur um Sport, wo jeder auch jedem gratuliert hat und nicht darum, irgendwelche Fans zu ärgern oder zu besänftigen. Also wir haben das immer sehr sportlich gesehen.
Wie sehen Sie diese Rivalität heute, gerade mit Blick auf ein mögliches Duell Karl Geiger und Andreas Wellinger gegen Stefan Kraft in diesem Jahr?
Weißflog: Das ist schon sehr spannend. Deutschland gegen Österreich oder umgekehrt - das bietet einfach auch Sprengstoff, der sich auch an der Schanze bei den Zuschauern bemerkbar machen kann. Ich hoffe immer, dass es fair zugeht. Wir kennen das deutsche Publikum in Oberstdorf und Garmisch, die das, glaube ich, auch so hinbekommen, dass es ein Vorbild sein kann für Österreich.
Die Saison der deutschen Springer läuft aktuell fantastisch mit Wellinger, Geiger und Paschke. Das nährt natürlich die Hoffnung auf den ersten deutschen Tourneesieg seit 21 Jahren. Was trauen Sie dem deutschen Team bei der Tournee zu?
Weißflog: Bei solchen Erfolgen kann man sich der Favoritenrolle oder Mitfavoritenrolle einfach nicht entziehen. Die Erwartungshaltung ist einfach immer da und das ist natürlich für die deutsche Mannschaft immer ein bisschen schwierig, weil die Tournee in Deutschland startet und wir der Erwartungshaltung gerecht werden müssen. Ich glaube, es gibt keine Mannschaft, die am Anfang der Tournee mehr unter Druck steht als die deutsche. Man muss mit der Favoritenrolle umgehen können und ich wünsche mir einfach, dass der Traum, den wir seit über 20 Jahren haben, wahr wird: Ich drücke ihnen ganz fest die Daumen.
Stefan Kraft und Ryoyu Kobayashi sind die größten Konkurrenten für die Deutschen: Beide haben die Tournee schon gewonnen. Inwiefern ist diese spezielle Erfahrung im Kampf um den Gesamtsieg ein Vorteil?
Weißflog: Es kann ein Vorteil sein, sagen zu können: "Okay, das hast du alles schon mal erlebt." Aber ich weiß es von meinem letzten Tourneesieg - das bringt alles nichts, wenn du so aufgeregt bist, weil du an dem Tag vor einem historischen Moment stehst. Ich hatte damals schon drei Tourneesiege vorher, aber beim vierten war ich noch aufgeregter. Dann versucht man einfach, Sachen zu machen, um sich abzulenken und sich selbst zu beruhigen. Das ist der Sport, die Einflussfaktoren sind sehr gering, die wir da selber haben.
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Die Entscheidung: Wellinger stürzt ab - Paschke gewinnt!

Quelle: Eurosport

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