Nach der Vierschanzentournee ist vor den Olympischen Spielen. Nach vier Springen in zehn unglaublich intensiven Tagen kennt der Weltcup-Zirkus mit den Weltklasse-Adlern keine Gnade.
Nur zwei Tage nach dem Tournee-Abschluss in Bischofshofen stehen auf der Paul-Außerleitner-Schanze am Samstag und Sonntag zwei weitere Weltcups auf dem Programm.
Den DSV-Adlern um Karl Geiger, der zwar in Bischofshofen (Platz vier und drei) wieder in die Spur fand, mit Gesamtrang vier aber sein großes Ziel recht deutlich verfehlte, bleibt also kaum Zeit zum Durchschnaufen.
Bischofshofen
Ryoyu Kobayashi: Der fliegende Schanzen-Virtuose
06/01/2022 AM 19:01
"Erstmal richtig ausschlafen. Und dann habe ich wieder Ziele - es geht immer weiter“, sagte der amtierende Skiflug-Weltmeister und spielte vor allem auf die Olympischen Spiele an, die vom 4. bis 20. Februar in Peking stattfinden (live bei Eurosport und bei Eurosport auf Joyn).
Eurosport-Experte Martin Schmitt erklärt, welche Erkenntnisse die Tournee im Hinblick auf die Winterspiele gebracht hat und was wir neben dem deutschen Team von Überflieger Ryoyu Kobayashi und dem zuletzt enttäuschenden Kamil Stoch noch erwarten dürfen.

Schmitt und Schuster: Darum verfehlte Kobayashi den Grand Slam

1. Unschlagbarer Kobayashi? Das macht der Konkurrenz Hoffnung

Aus der kalten Hose mal eben in Klingenthal, Engelberg und die Vierschanzentournee gewonnen. Ryoyu Kobayashi hat alle Zweifler, die dem Japaner nach seiner zehntägigen Corona-Quarantäne Anfang Dezember die Favoritenrolle bei der Tournee aberkennen wollten, eines Besseren belehrt.
Den historischen zweiten Grand Slam verpasste der 25-Jährige mit dem fünften Platz im Abschlussspringen in Bischofshofen zwar knapp, die Dominanz Kobayashis war jedoch einmal mehr erdrückend.
"Es ist kein Springer in der Form, dass er Kobayashi dauerhaft fordern konnte. Er ist ein richtiger Farbtupfer, ein sensationeller Skispringer", schwärmte Eurosport-Experte Werner Schuster. Was natürlich die Frage aufwirft: Wie ist ein Kobayashi in dieser Form im weiteren Saisonverlauf und insbesondere in Peking überhaupt zu schlagen?

Zum zweiten Mal: Kobayashi erhält den Goldenen Adler

Auch Schmitt hält ihn für den Top-Favoriten, sieht das Rennen aber weiterhin offen. "Im Skispringen ist es kein Selbstläufer, dass du die Form das ganze Jahr halten kannst. Wir müssen schauen, wie er alles verkraftet und ob er seine Physis bis Olympia oben hält", sagte der 43-Jährige im Gespräch mit Eurosport.de.
Vor allem die für Kobayashis Verhältnisse durchwachsene Leistung im Abschlussspringen der Tournee macht der Konkurrenz Hoffnung. "Wenn er nicht mehr die letzte Frische hat, dann geht ihm auch nicht mehr alles so leicht von der Hand. Dann wird alles bewusster und der Sprung läuft nicht mehr so harmonisch und intuitiv ab", so Schmitt: "Olympia ist ein einzelner Wettkampf und an einem einzelnen Tag war er bisher auch schlagbar."
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2. Geiger ist auf der Normalschanze in Peking der Favorit

Karl Geiger ist dieses Kunststück im Weltcup bereits zweimal gelungen. Sowohl zum Saisonauftakt in Nizhny Tagil, als auch beim zweiten Springen in Engelberg siegte der Oberstdorfer vor Kobayashi.
Bei der Tournee fehlte dem Zweiten im Gesamtweltcup dann aber die Konstanz. "Es ist ihm nicht gelungen, sein persönliches Top-Niveau in Serie abzurufen", meinte Schmitt. Zudem ließ sich der sonst so nervenstarke Geiger vom Dämpfer in Garmisch-Partenkirchen (Platz sieben) beeindrucken. "Man hat ihm angemerkt, dass das eine große Enttäuschung war, das musste er erst einmal verarbeiten."
Dass die Tournee, die für die deutschen Adler seit dem Grand-Slam-Erfolg von Sven Hannawald 2002 weiter ein unbezwingbarer Gegner bleibt, nun vorbei ist, kann Geiger in Schmitts Augen nur gut tun: "Ich denke, im normalen Weltcup-Rhythmus wird er sich leichter tun. Das Tournee-Thema ist vom Tisch und er kann sich in Ruhe auf Olympia vorbereiten."

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Für den Team-Olympiasieger von 2002 hat Geiger das Potential, bei Olympia auf demselben Level wie Kobayashi zu springen. Dafür wäre es jedoch von Vorteil, "wenn er sein technisches Niveau weiter stabilisieren würde."
Auf der Normalschanze schätzt Schmitt den 28-Jährigen gar stärker als den japanischen Überflieger ein: "Wenn er seinen Punch auf den Schanzentisch bringt, dann ist er hier nach wie vor der Beste im Feld. Auf der kleinen Schanze sehe ich ihn als Favoriten."

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3. Kampf um deutsche Olympia-Startplätze so offen wie nie

Neben Geiger sieht Schmitt auch bei Markus Eisenbichler, der in der Tournee-Gesamtwertung hinter dem Oberstdorfer auf Rang fünf landete, noch große Reserven: "Wenn er seine Sachen beisammen hat, ist er ein Genie. Dann ist richtig was drin."
Allerdings ließ der sechsmalige Weltmeister in der bisherigen Saison vor allem beim Absprung oft zu viel liegen. "Das äußert sich im Übergang und dann kann er seine Stärken im Flug auch nicht ausspielen", so der Eurosport-Experte: "Er braucht Sicherheit und muss seinem Sprung vertrauen können."
In Peking ist Eisenbichler neben Geiger Deutschlands zweite große Hoffnung. Dahinter entwickelt sich im Rennen um die drei verbleibenden Olympia-Plätze ein Fünfkampf. Nach Stephan Leyhe (Tournee-Rang 11), Constantin Schmid (25.), Pius Paschke (29.) und Andreas Wellinger (31.) hat mit Severin Freund (33.) ein weiterer DSV-Adler mit starken Leistungen bei der Tournee Ambitionen angemeldet.
Sein zwölfter Platz beim ersten Springen in Bischofshofen bedeutete immerhin die halbe Olympia-Norm. Auch wenn der 33-Jährige selbst nach dem Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen klarstellte, dass Olympia nicht zu seinen primären Zielen in dieser Saison zähle, rechnet ihm Schmitt Chancen aus: "Der Kampf um die Teamplätze ist noch offen. Stefan Horngacher wird ein Auge darauf werfen, wer Mitte Januar in Form ist und bei wem er das größte Potential für Olympia sieht."
Horngacher hat also die Qual der Wahl. Neben Geiger und Eisenbichler sieht Schmitt Leyhe in der Pole Position. "Andi Wellinger als Titelverteidiger hätte ich auch gerne im Team. Gerade im Wissen um den Kleinschanzen-Wettbewerb. Ich bin froh, nicht in der Haut des Bundestrainers zu stecken", sagte der Eurosport-Experte.

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Was der Olympia-Sieger und Pyeongchang-Held Wellinger den direkten Konkurrenten Paschke und Schmid im direkten Duell voraus hat? "Wenn er spürt, dass sein Sprung funktioniert, dann hat er keine Zweifel, dass er das auch in einer Wettkampf-Situation abrufen kann. Er ist ein Sportler-Typ, der mit seinen Aufgaben wächst. In der Favoritenrolle - wenn er weiß, er ist stark - dann wird er nicht nervös, sondern noch stärker", so Schmitt.
Der 43-Jährige traut Wellinger in Peking gar Top-Ten-Niveau und damit eine Medaille zu. Dafür müsse sich der gebürtige Traunsteiner im kommenden Monat aber weiter steigern: "Es sind immer wieder Sprünge dabei, die nicht feinste Klinge sind, bei denen der Bewegungsablauf noch unkoordiniert abläuft."

4. "König Kamil" darf man nie abschreiben

Der dreimalige Gesamtsieger Kamil Stoch erlebte eine Vierschanzentournee zum Vergessen. Nach Platz 41 in Oberstdorf, Platz 47 in Garmisch-Partenkirchen und der verpassten Qualifikation in Innsbruck (die später wegen der Wetterbedingungen annulliert wurde), brach der Pole den prestigeträchtigen Wettbewerb zum ersten Mal in seiner langen Karriere vorzeitig ab.
"Ich habe Tränen in den Augen, und mein Herz blutet", erklärte der niedergeschlagene 34-Jährige und setzte damit dem Tournee-Fiasko für das polnische Team die Krone auf.
Abschreiben möchte Schmitt "König Kamil" im Hinblick auf Olympia aber trotzdem nicht. Ganz im Gegenteil: "Im Vorfeld der Tournee, in Engelberg, ist Kamil gar nicht schlecht gesprungen und hatte einen schönen Sprung-Rhythmus", sagte der Eurosport-Experte: "Die Tournee hätte eigentlich deutlich besser laufen müssen."

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Das schlechte Ergebnis sei auch den Umständen geschuldet. "Die Polen haben als Team Probleme, das ist eine blöde Situation", so Schmitt: "Alle haben Schwierigkeiten und bleiben unter ihren Möglichkeiten, das sind nicht die besten Voraussetzungen. Das wirkt sich natürlich aus. Es ist viel Unruhe drin."
Zudem bremste Stoch im Vorfeld der Tournee eine starke Erkältung aus. Gift für den Körper eines älteren Springers, wie Schmitt, der selbst mit 36 Jahren noch die Schanzen hinuntersegelte, weiß: "Wenn du krank bist und in Engelberg noch ein Weltcupspringen durchgekämpft hast, dann ist es gerade im höheren Sportleralter wichtig, dass du gut regenerierst."
Die Fehler, die Stoch technisch gemacht habe, seien offensichtlich. "Die sollte er mit dem richtigen Körpergefühl abstellen können", so Schmitt.
Ist Stoch körperlich auf den Punkt topfit, ist dem dreifachen Olympia-Sieger in Peking trotz verpatzter Tournee alles zuzutrauen.
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