Martin Schmitt exklusiv zur Krise der deutschen Skispringer: "Man spürt die Unzufriedenheit" im DSV-Team
VonJan Zesewitz
Update 08/02/2025 um 09:41 GMT+1 Uhr
Nach dem überragenden Saisonstart der deutschen Skispringer um Pius Paschke stecken die DSV-Adler seit der Vierschanzentournee in einer Krise. Paschke, mit fünf Weltcup-Siegen im November und Dezember gestartet, verpasste beim Heimspringen in Willingen sogar den zweiten Durchgang. Eurosport-Experte Martin Schmitt analysierte die Leistungen und die Aussichten auf die WM in Trondheim.
Nächster Rückschlag: Paschke verpasst Finale
Quelle: Eurosport
Beim Weltcup in Lake Placid steht der Überflieger vom Beginn der Saison nicht im DSV-Aufgebot. Paschke soll stattdessen einen Trainingsblock einbauen, damit er seine Form rechtzeitig zur WM wiederfindet.
Für Eurosport-Experte Martin Schmitt ist diese Entscheidung alternativlos: "Es ist höchste Zeit für Pius, dass er eine Pause vom Weltcup nimmt und sich nun gezielt wieder auf die Basics konzentrieren kann, um so seinen Sprung wieder neu aufzubauen", sagte er im exklusiven Interview.
Die Formkurve der deutschen Skispringer zeigt seit Beginn der Vierschanzentournee nach unten, Top-Ten-Ergebnisse wurden im Jahr 2025 zur Seltenheit. Dennoch will Schmitt optimistisch bleiben: "Die technischen Veränderungen gehen in die richtige Richtung und es wird noch besser werden", sagte er. Vor allem für Philipp Raimund und Karl Geiger ist der Experte mit Blick auf die WM zuversichtlich.
Im Interview analysiert Schmitt die aktuelle Krise der Skispringer und die Pause für Paschke. Zudem stärkt er dem in die Kritik geratenen Bundestrainer Stefan Horngacher den Rücken. "Es weiß und wertschätzt jeder, was für ein außergewöhnlich guter Trainer er ist."
Herr Schmitt, ausgerechnet beim Heim-Weltcup in Willlingen schaffte es am Wochenende kein Deutscher in die Top Ten. Einige Medien sprachen gar von einem "Debakel". Wie bewerten Sie das Willingen-Wochenende?
Martin Schmitt: Es lief natürlich nicht nach Wunsch. Das deutsche Team hat versucht, sich optimal vorzubereiten, um alles rauszuholen. Aber das hat sich noch nicht ausgezahlt. Auf der technischen Ebene habe ich Dinge gesehen, die mich optimistisch stimmen. Von der Ergebnisseite war es nicht das, was man sich gewünscht hat und was man erwarten kann.
Es ist nicht nur das fehlende Top-Ten-Resultat, sondern auch in der Breite zu wenig.
Willingen war nun der vorläufige Tiefpunkt einer negativen Entwicklung, die bereits bei der Vierschanzentournee begann. Seit dem 4. Platz von Pius Paschke beim Tournee-Auftakt in Oberstdorf schaffte es kein Deutscher mehr in die Top 5 und das nach diesem famosen Saisonstart mit zahlreichen Podestplätzen. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für diesen mannschaftlich gravierenden Leistungsabfall?
Schmitt: Es ist eine komplexere Thematik, sonst hätte man wahrscheinlich auch schon einen Zugang gefunden und etwas verändert. Es ist schon etwas Unruhe in der Mannschaft und man spürt die Unzufriedenheit. Wenn man im Skispringen hinterherläuft, dann wird es brutal schwer - insbesondere um die Lockerheit zurückzugewinnen. Man ist stets in dem inneren Konflikt, dass man etwas verändern will und eingreifen muss, um wieder nach vorne zu kommen. Aber die Bewegungsharmonie geht dadurch verloren. Das ist eine Gratwanderung. Ich habe speziell in Willingen Verbesserungen gesehen, insbesondere bei Andreas Wellinger und Philipp Raimund, aber es macht sich noch nicht in Metern bezahlbar. Dafür reichen die drei Sprünge in der Wettkampfsituation nicht, man braucht mehr Sprünge auf dem Niveau, um den ganzen Bewegungsablauf wieder zu automatisieren. Dann kommen wieder bessere Ergebnisse. Das hört sich vielleicht etwas "Wischiwaschi" an, ist aber einfach der Prozess im Skispringen. Natürlich ist es ärgerlich, dass man am Anfang der Saison schon die Voraussetzungen hatte und gut gestartet ist - speziell Pius Paschke. Auch bei Andreas Wellinger hatte man das Gefühl, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der letzte Schritt kommt, aber der ist leider nicht gelungen.
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Highlights: DSV-Adler verzweifeln in Willingen bei Tschofenig-Sieg
Quelle: Eurosport
Besonders Pius Paschke scheint komplett außer Form zu sein. Nach seinen fünf Siegen zu Saisonstart verpasste er in Zakopane und Willingen sogar jeweils den Finaldurchgang. In den Springen nach der Vierschanzentournee war Rang 18 seine beste Platzierung. Warum läuft es bei ihm überhaupt nicht mehr?
Schmitt: Bei ihm ist leider das System zusammengebrochen. Vollgas funktioniert aktuell nicht mehr bei Pius. Dazu muss man wissen, dass er grundsätzlich einen anfälligeren Sprung hat, der absolut am Limit ist. Wenn alle Faktoren zusammenpassen, dann funktioniert der super. Wenn aber zu viel Aggressivität in seinem Sprung ist, geht direkt gar nichts mehr. Dazu ist er dann technisch zu unsauber in der Absprungbewegung. Am Anfang der Saison hat es noch super funktioniert und er hat diesen Grenzbereich beherrscht, aber irgendwas ist passiert, dass es unsauber geworden ist. Er hat keinen Zugriff mehr, das merkt man.
Ich will jetzt nicht komplett als Schönfärber dastehen, aber ich glaube schon, dass es möglich ist, bis zur WM wieder eine Mannschaft zu formen, die im Team sowieso aber auch im Einzel um Medaillen springen kann.
Für den Weltcup in Lake Placid wurde Pius Paschke trotz Rang 4 im Gesamtweltcup nun sogar aus der Mannschaft genommen. Stattdessen geht es für ihn ins Heimtraining. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?
Schmitt: Es ist höchste Zeit für Pius, dass er eine Pause vom Weltcup nimmt und sich nun gezielt wieder auf die Basics konzentrieren kann, um so seinen Sprung wieder neu aufzubauen. Körperlich ist er topfit, trotzdem zehrt so ein Saisonverlauf extrem, vor allem mental. Irgendwann ist man überladen und nicht mehr so handlungsfähig. Deswegen wird es ihm guttun, ein wenig Abstand zu gewinnen. Jetzt gilt es, dass er sich das Vertrauen wieder erarbeitet und die Sicherheit im Sprung zurückgewinnt, sodass er wieder 100 Prozent geben kann. Denn im Moment macht sein Körper eine falsche Bewegung, wenn er versucht, Energie reinzubringen. Das technische gilt es zu lösen, dafür braucht er einen klaren Kopf und keinen Rucksack. Die Trainingsphase ist auf die WM ausgerichtet, das muss das einzige Ziel für ihn sein. Ich hoffe und glaube auch, dass wir in Trondheim bei der WM wieder einen ganz anderen Pius Paschke sehen.
In etwas mehr als drei Wochen steht mit den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Trondheim der zweite große Saisonhöhepunkt an. Aktuell scheinen WM-Medaillen angesichts der starken internationalen Konkurrenz für die DSV-Adler außer Reichweite. Was macht Ihnen dennoch Hoffnung, dass es in Trondheim Edelmetall geben könnte?
Schmitt: Ich will jetzt nicht komplett als Schönfärber dastehen. Ich glaube schon, dass es möglich ist, bis zur WM wieder eine Mannschaft zu formen, die im Team sowieso aber auch im Einzel um Medaillen springen kann. Es gibt eine kleine Schanze, auf der sowohl Karl Geiger als auch Andreas Wellinger und Philipp Raimund sehr gut springen können. Die technischen Veränderungen gehen in die richtige Richtung und es wird noch besser werden. Aber natürlich wünscht man sich generell eine andere Ausgangslage, dass man die WM aus einer Position der Stärke heraus angehen kann.
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Bundestrainer Stefan Horngacher steht nach den enttäuschenden Leistungen ebenfalls in der Kritik
Fotocredit: Imago
Auch Bundestrainer Stefan Horngacher steht inzwischen in der Kritik. DSV-Sportdirektor Horst Hüttel forderte nun: "Es liegt jetzt auch an Steff, die richtigen Schlüsse zu ziehen." Wie wichtig ist seine Rolle?
Schmitt: Seine Rolle ist extrem wichtig, vor allem seine Erfahrung. Er hat schon oft genug bewiesen, dass er solche Herausforderungen meistern kann und dass er ein Team aus einer kleineren oder größeren Krise wieder herausführen kann. Das Team ist insgesamt sehr gut in der Analyse, und sie werden sich eine Marschroute überlegt haben, wie man wieder in Schuss kommt. Ich glaube, dass der Steff nach wie vor der richtige Mann ist. Es werden wieder bessere Zeiten kommen.
Sollte der Turnaround nicht gelingen, könnte Trondheim für Horngacher bereits zur Schicksals-WM werden?
Schmitt: Ich glaube es nicht. Es weiß und wertschätzt jeder, welch außergewöhnlich guter Trainer er ist und welch hervorragende Arbeit er über Jahre geleistet hat. Das wird man nicht infrage stellen. Es ist eine schwierige Phase, aber jeder in seiner Rolle wird versuchen, seinen Beitrag zu leisten, damit das Team möglichst erfolgreich bei der WM ist. Dann kann man beurteilen, wie es gelaufen ist. Aber ich denke, es steht intern überhaupt nicht zur Diskussion, dass es eine Veränderung geben könnte. Das Team mit Steff an der Spitze ist gut aufgestellt und wird die Mannschaft wieder zu Erfolgen führen.
Was muss sich im deutschen Skispringen grundsätzlich ändern, um in der Breite wieder zurück an die Weltspitze zu kommen?
Schmitt: Die Situation im deutschen Skispringen ist extrem herausfordernd. Es sind bereits viele Maßnahmen getroffen worden, aber es geht nicht von heute auf morgen. Es nicht wie in Österreich, dass in der zweiten und dritten Reihe ein Mehr an Springern vorhanden ist, und man eine Garantie auf Top-Platzierungen hat. Man arbeitet intensiv, dass man die Situation im Nachwuchsbereich verbessert. Das ist ein Prozess, der im vollen Gange ist. Trotzdem wird man wieder analysieren, an welchen Stellschrauben man noch drehen kann, um noch schneller Sportler in eine Position zu bringen, damit sie im Weltcup konkurrenzfähig sind.
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