Martin Schmitt exklusiv im Interview zur Causa Norwegen: "Der Skandal wird und soll noch nachwirken"

Andreas Wellinger gewinnt die Raw Air 2025 und zeigt damit eindrucksvoll, wie man sich während einer Achterbahnsaison aufrappeln kann. Eurosport-Experte Martin Schmitt hofft im Interview, dass das für den Rest der Saison nicht schon alles war aus DSV-Sicht. Dass die FIS schnell auf den Anzugskandal reagiert hat, findet er positiv - auch wenn es erst der erste notwendige Schritt war.

Schmitt exklusiv: "Balsam auf Wellingers Seele"

Quelle: Eurosport

Auch wenn es "nur" ein Springen und eineinhalb Skifliegen waren - Andreas Wellinger strahlte nach seinem Raw-Air-Gesamtsieg in Vikersund wie ein Honigkuchenpferd.
Für die gebeutelte DSV-Mannschaft war Wellingers Ausrufezeichen in Norwegen enorm wichtig. Auch, weil der Skisprungsport damit hierzulande wieder positive Schlagzeilen schrieb.
"Das war Balsam auf die Seele. Er hatte mit der Raw Air noch ein Hühnchen zu rupfen", sagt Eurosport-Experte Martin Schmitt im Interview, nachdem Wellinger 2017 die Gesamtwertung im letzten Sprung bei schwierigen Bedingungen verloren hatte: "Für ihn war es eine Wiedergutmachung."
Im Interview mit Eurosport.de blickt Schmitt auf die den Winter abschließenden Weltcups in Lahti und Planica voraus und spricht auch über die vom Internationalen Skiverband FIS auf den Weg gebrachten Sofortmaßnahmen nach dem Anzugskandal der Norweger bei der WM.
Martin Schmitt, hurra, die deutschen Skispringer haben wieder was gewonnen - Andreas Wellinger ist Raw-Air-Sieger 2025! Wie gut tut das der DSV-Seele und vor allem ihm nach dem Drama vor acht Jahren?
Martin Schmitt: Das war Balsam auf die Seele. Es war wichtig für den Andi, jetzt auch mal ganz oben zu stehen. Er hatte mit der Raw Air noch ein Hühnchen zu rupfen. Dass er den Titel dort 2017 im letzten Sprung verloren hat, wirkte schon noch nach. Domen Prevc hat auch direkt nach Wellingers Sprung reagiert, es war allen Beteiligten präsent.
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Platz zwei reicht! Mit diesem Flug gewinnt Wellinger die Raw Air

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Wie hoch ist denn der Stellenwert dieses Raw-Air-Titels - in einem WM-Jahr und mit 'nur' zweieinhalb Springen 2025?
Schmitt: Andreas Wellinger bedeutet das sehr viel. Für ihn war es eine Wiedergutmachung. Wieder der Beste zu sein, nicht nur an einem einzelnen Tag, dokumentiert sein Leistungsvermögen nochmal auf einer anderen Ebene und ist eine große Bestätigung. Dass man in einer Saison, in der nicht alles nach Wunsch lief, aus so einem 'Loch' wieder rauskommt, ist großartig. Es zeigt auch die Stärke und die Geschlossenheit der ganzen Mannschaft.
Das war die richtige Maßnahme, damit die Teams untereinander und zum Kontrolleur wieder Vertrauen aufbauen konnten.
Hat der Sport denn den Skandal wieder ein bisschen überlagern können?
Schmitt: Das Sportliche war auf jeden Fall klasse. Die Flüge von Domen Prevc und Andreas Wellinger waren herausragender Skisprungsport. Es war auch wichtig, diese Botschaft zu senden. Trotzdem lässt sich so ein Skandal nicht mit einem gelungenen Wochenende wegwischen. Es wirkt noch nach und es soll auch nachwirken. Wir alle erhoffen uns nachhaltige Änderungen und Verbesserungen im Reglement und in der Durchsetzung des Reglements.
Gab's dieses Wochenende denn schon die ersten richtigen und wichtigen Schritte der Aufarbeitung des WM-Skandals um die norwegischen Anzüge?
Schmitt: Es war auf jeden Fall der richtige Schritt, nur noch einen bereits getragenen Anzug zuzulassen. Alle waren damit einverstanden, dass man es jetzt einfach hält. Die FIS wollte so auch nochmal überprüfen, ob das okay war, was bisher verwendet wurde. Das war, glaube ich, die richtige Maßnahme, damit die Teams untereinander und zum Kontrolleur wieder Vertrauen aufbauen konnten. Dass Videoaufnahmen vom Kontrollprozess gezeigt wurden, war ein weiterer wichtiger Schritt zu mehr Transparenz, wenngleich es auch noch genauer ablaufen kann. Aktuell ist die Kontrollinstanz personell ein bisschen unterbesetzt. Hätte er mehr Unterstützung, könnte Christian Kathol die Kontrolle noch genauer durchführen und wir hätten am Ende ein noch faireres Ergebnis.
Anhand der Österreicher sieht man deutlich, auf welch schmalem Grat das Skispringen perfekt funktioniert. Die ÖSV-Dominanz bei der Vierschanzentournee war eben nicht für den Rest der Saison in Stein gemeißelt.
Was ist denn jetzt noch drin für die deutschen Springer im Jahresendspurt in Lahti und Planica?
Schmitt: Den Gesamtweltcup werden sie nicht mehr angreifen können. (lacht) Es geht darum, den Schwung jetzt mitzunehmen. Die WM war ein großes Lebenszeichen, der Raw-Air-Gesamtsieg die Bestätigung. Andreas Wellinger hat noch Chancen auf den Skiflugweltcup, aber man muss auch fairerweise sagen, dass Domen Prevc der beste Skiflieger zu sein scheint. Es wird schwer, an ihm vorbeizukommen.
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"Highlight des Wochenendes!" Prevc fliegt auf 247 Meter

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Interessant ist auch das 'Schneckenrennen' um den Gesamtweltcup: Außer Jan Hörl stand bei der Raw Air keiner der Top Acht der Gesamtwertung auf dem Podium. Kann Hörl denn Daniel Tschofenig noch abfangen, als Schlusspunkt einer absolut 'wilden' Skisprungsaison?
Schmitt: Ich lasse mich gerne überraschen. Hörl hat momentan vielleicht die bessere Form, aber Vikersund war speziell, die Bedingungen haben das nochmal verstärkt. Ich denke, in Lahti wird das Feld wieder enger zusammenrücken, dort sind andere Qualitäten gefragt. Ich finde diese Wellenbewegungen in den Teams ganz spannend. Anhand der Österreicher sieht man deutlich, auf welch schmalem Grat das Skispringen perfekt funktioniert. Die ÖSV-Dominanz bei der Vierschanzentournee war eben nicht für den Rest der Saison in Stein gemeißelt. Es gibt immer auch ein Momentum für andere Teams. Skispringen 2024/25 ist extrem sensibel und stets auf Messers Schneide. Nur der, der den Grenzbereich optimal beherrscht, kann einen Automatismus aufbauen, der zumindest über ein paar Wochen anhält.
Nika Prevc springt mit einem natürlichen Instinkt, hat aber auch herausragende fliegerische Fähigkeiten. Momentan ist sie fast nicht zu schlagen.
In Planica wird Markus Eisenbichler dann sein Karriereende feiern; um was geht's für ihn dort?
Schmitt: Für ihn heißt es vor allem Abschied zu nehmen von einer ganz besonderen Flugschanze, die Schrecken verbreiten kann, ihm aber immer besonders Spaß gemacht hat (deutscher Rekord mit 248 m, Anm. d. Red.). Er hat die Schanze immer gut beherrscht. Deswegen wünsche ich ihm nochmal ein paar sehr schöne Flüge. Er soll dieses spezielle Gefühl des Skifliegens mitnehmen, dieses Gleiten am Hang entlang, wo man nochmal schneller wird, weg steigt und dann ganz nach unten springt. Dass zum Karriereende nochmal spüren zu können, hätte er sich schon mehr als verdient.
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"I love this!" Eisenbichler glänzt im Finale von Vikersund

Quelle: Eurosport

Zum Schluss sollten wir noch über ein absolutes Phänomen namens Nika Prevc sprechen - die hat in Vikersund jetzt inklusive der WM ihren zehnten Sieg in Folge gefeiert und im Training mal ganz nebenbei mit 236 Metern einen neuen Skiflug-Weltrekord bei den Frauen aufgestellt. Wahnsinn, oder?
Schmitt: Das ist wirklich extrem gut. Ähnlich wie ihr Bruder Domen beherrscht sie die Luftkräfte enorm. Und die sind in Vikersund nicht ohne! Wenn man mal Skifliegen in Perfektion erleben darf, sieht es immer so einfach aus - aber es ist verdammt schwer. Sie springt mit einem natürlichen Instinkt, hat aber auch herausragende fliegerische Fähigkeiten. Momentan ist sie fast nicht zu schlagen.
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Prevc sets new world record with 236m ski jump

Quelle: Eurosport

Und wie sieht's mit den deutschen Frauen aus? Selina Freitag und Katharina Schmid werden den Gesamtweltcup auf dem Treppchen hinter Prevc abschließen.
Schmitt: Das deutsche Damen-Team kann stolz sein. Katharina Schmid sprang eine ganze Weile in Gelb. Und Selina Freitag hatte wirklich eine Supersaison. Sie wird sich Gedanken machen, wie sie ihren Sprung noch weiter optimieren kann, um näher an Nika Prevc heranrücken oder sogar vorbeiziehen zu können. Es ist auch gut, sie als Maßstab zu haben, um selbst nochmal das Letzte aus sich herauskitzeln zu können.
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Prevc segelt allen davon, Wellinger holt die Krone - die Highlights

Quelle: Eurosport


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