Wobei: Was man bei Mark Selby eine Durststrecke nennt wäre für andere die Krönung ihrer Karriere. Das ist aber kein Maßstab für Selby. Um zu verstehen, wieso ihn die letzten Monate so verunsichert haben und er alles in Frage stellte, muss man wissen, wo er herkommt: Seine Mutter verließ die Familie, als er noch ein kleines Kind war.
Die Familie lebte in bitterer Armut und litt echte Not. Sein Vater starb, als er 16 Jahre alt war. In dieser Zeit wusste er oftmals morgens nicht, wo er abends schlafen sollte.

Die Psyche durch die Durststrecke geschwächt

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Gnadenlos: Selby fertigt Gilbert im Finale ab
20/10/2019 AM 19:21
Dass diese harten Erfahrungen zu Verlustängsten geführt haben ist nicht verwunderlich. Die Sorge, wieder in Armut und Not zurückzufallen, hat ihn nie verlassen. Und sowieso ist für ihn das Glas nie halbvoll, sondern bestenfalls halbleer. Da kam also viel hoch, als die Erfolge ausblieben, die ihm zuvor zuzufliegen schienen.
Plötzlich waren alle Gewissheiten verflogen. Nichts schien ihm mehr richtig, alles stellte er in Frage. Wie er selber gestern erzählte hat er sich gefragt, ob er jemals wieder ein Turnier gewinnen könne. Das einfach mal als vorübergehendes Formtief zu akzeptieren, aus dem man mit harter Arbeit wieder rauskommt, war ihm nicht möglich.

Ein Sieg für das Selbstbewusstsein

Deshalb war der Sieg in Crawley (und die Art und Weise, wie er das Finale gewonnen hat) wie ein Dammbruch für ihn. Es ging ihm nicht darum, irgendjemandem irgendetwas zu beweisen. Es ging darum, sich selber zu vergewissern, dass die Ängste keine Grundlage haben.
Bemerkenswert fand ich auch, wie er sein überragendes Spiel gestern begründete. Dies sei die Art und das Tempo, wie er auch im Training spiele. Und er spielt im Training ja häufig gegen David Gilbert. Wenn er gegen den nun aber im Finale anders gespielt hätte, dann hätte Gilbert daraus den Schluss ziehen können, er sei nervös. Und den Gedanken wollte er bei seinem Gegner erst gar nicht aufkommen lassen. Mark Selby ist ja nicht der erste, dem ein schnelleres, flüssigeres und intuitiveres Spiel gut tut. Bei Neil Robertson und Shaun Murphy zum Beispiel war es nicht anders.

World-Open-Vorbereitung statt Siegesfeier

Die Siegerfeier in Crawley ist übrigens nur kurz ausgefallen (was seiner Umgebung hoffentlich auch einen seiner gefürchteten Karaoke-Auftritte erspart hat). Heute (Montag) Abend nämlich fliegt er schon nach China, um bei einem Vorbereitungsturnier für das World Open mitzuspielen und so am nächsten Montag top-fit (und ohne Jetlag) in Yushan antreten zu können. Der Mann ist ein Profi durch und durch.
Das World Open in der kommenden Woche ist auch das nächste Turnier, das wir bei Eurosport übertragen werden. Im TV, im Player und auf unseren Internetseiten werden wir vom 28. Oktober bis zum 3. November wieder umfassend aus Yushan berichten.
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb

Da muss er selbst schmunzeln: Selby sichert sich mit Fluke den Frame

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