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English Open in Brentwood - Snooker-Star Mark Selby: Ein echter Sieger in mehrfacher Hinsicht
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Publiziert 19/12/2022 um 15:12 GMT+1 Uhr
Irgendwie passte es perfekt: Unmittelbar vor Weihnachten erlebten wir in Brentwood den vielleicht emotionalsten Moment des Snooker-Jahres 2022, als Mark Selby nach seinem Sieg bei den English Open die Tränen kamen. Als er sein Gesicht unter einem Handtuch verbarg, um die Fassung wiederzugewinnen, war auch ich natürlich sehr bewegt. Mark Selby ist ein echter Sieger!
Mark Selby
Fotocredit: Getty Images
Natürlich ist Mark Selby auch ein Sieger, weil er ein Snooker-Match gewonnen hat. Aber er ist auch ein Sieger in einem viel größeren Kontext. Deshalb auch sagte er anschließend im Interview, der Titelgewinn in Brentwood sei seine "größte Leistung überhaupt".
Das ist eine große Aussage von einem viermaligen Weltmeister. Aber sie ist gerechtfertigt: Mark hat sich einer großen Herausforderung gestellt und er hat sie gemeistert. Und damit meine ich nicht das, was Luca Brecel ihm im Finale abverlangt hat.
Ich wurde auf Twitter kritisiert, weil ich erneut die mentalen Probleme von Mark Selby angesprochen habe. Seine Reaktion nach dem Endspiel zeigt aber, dass genau dieser Kampf von Selby auch im Kontext des Matches ein sehr wichtiger Aspekt war.
Noch immer wird in unserer Gesellschaft leider nicht verstanden, was psychische Krankheiten bedeuten. Ein gebrochenes Bein, ein Schnupfen. Okay, der oder die ist krank. Eine Depression. Dann heißt es noch immer schnell: "Stell dich nicht so an." Meine Güte, wann verstehen es endlich alle: Psychische Erkrankungen sind genauso schlimm wie Krebs: Beide können das Leben kosten.
Wie tief die Krise von Mark Selby war, ließ eine weitere Aussage von ihm gestern im Eurosport-Studio erahnen: "Ohne Vikki (seine Frau, Anmerkung des Autors) stünde ich jetzt nicht hier." Die Karriere von Mark Selby (und nicht nur die) hing an einem seidenen Faden, als er seine mentalen Probleme im Januar öffentlich machte.
Zu seinem Sieg gehört aber auch seine Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und auch in der Öffentlichkeit. Eine vollständige Gesundung gebe es für ihn nicht, deutete er an. Er müsse lernen, damit zu leben und trotzdem Glück und Freude zu finden. Die Medikamente, die er derzeit bekommt, begleiten ihn, so habe ich das verstanden, noch lange, vielleicht sein ganzes Leben lang.
Viele mögen denken, Mark Selby habe doch alles, was man sich nur wünschen könne: Erfolg, Geld, eine Familie und alles andere. Aber Ängste und Traumata halten sich nicht an Fakten. Das alles ist lange gewachsen und sitzt tief. Für Selby ist das Glas nie halbvoll gewesen, sondern immer halbleer.
Als er ein kleiner Schuljunge war, hat seine Mutter die Familie verlassen und den Kontakt komplett abgebrochen. Das ist nicht leicht zu verdauen. Als sein Vater dann krank wurde, war die Krise komplett. Nicht einmal eine eigene Wohnung konnte sich die Rumpffamilie leisten. Sie wohnten in einer von der Stadt zugewiesenen Unterkunft. Als Mark dann 16 Jahre alt und gerade Neu-Profi war, starb sein Vater an Krebs. Noch auf dem Totenbett hat er Mark das Versprechen abgenommen, einmal Weltmeister zu werden. Das ist ein schwerer Rucksack für einen 16-Jährigen.
Noch schlimmer: Mark stand nicht nur ohne Eltern da, sondern auch ohne Wohnung. Der schlief eine Zeit lang jede Nacht auf einer anderen Couch, bei irgendjemandem, der ihm Unterschlupf gewährte. Ohne die Unterstützung von Malcolm Thorne (Bruder von Willie Thorne) und Coach Alan Perkins hätte er diese Zeit wohl nicht überstanden.
Auch ich habe meinen Vater verloren, als ich 16 Jahre alt war. Ich kann also erahnen, wie schlimm das ist. Aber ich hatte noch meine Mutter, wir hatten eine Wohnung und hungern musste ich auch nie. Was Mark Selby erlebte, muss verheerend gewesen sein. Welche Ängste das ausgelöst haben mag, können wir noch nicht einmal erahnen.
Deshalb freue ich mich darauf, wenn Mark Selby im Januar mit einem Lächeln im Gesicht beim Masters antritt, wie er es angekündigt hat. Und dann ist auch egal, was auf dem Tisch passiert. Ein Snookermatch ist nur ein Match. Es gibt Größeres und Wichtigeres.
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb
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