In der vergangenen Folge meines Saison-Rückblicks habe ich ja an die Turniere bis zu den Welsh Open erinnert. Weiter ging es dann ja mit dem Shootout, dieser etwas anderen Version von Snooker (um es einmal zurückhaltend zu formulieren). Lärmendes Publikum, extremer Druck durch das Zeitlimit; das ist nicht jedermanns Sache.
Ich habe für die, die sich nicht für diese Art Speed-Snooker erwärmen können, absolutes Verständnis. Aber andererseits: warum nicht einmal im Jahr was anderes machen? Das Shootout bietet vielen eigentlich unbekannten Spielern auch einmal eine große Bühne. Für diese Spieler ist das enorm wichtig. Und den Fans bietet das die Gelegenheit, auch einmal andere zu sehen und kennenzulernen und eben nicht immer nur die üblichen Verdächtigen.

Drama im Shootout: Bai trifft mit der letzten Kugel das falsche Loch

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27/03/2020 AM 13:51
Den Titel in Watford holte sich Michael Holt, der nicht nur deshalb ein absoluter Fan des Shootout sein dürfte. Nach 24 Jahren als Profi war dies das erste Ranglisten-Turnier, das der Hitman gewann. Er wird diesen Erfolg selber gut einordnen können, denn er weiß natürlich auch, dass das Shootout nicht das wichtigste Turnier des Jahres ist. Aber jeder Titel, den man gewinnt, verschafft einem Selbstbewusstsein. Der Erfolg von Holt in Watford hatte übrigens auch Folgen für Ronnie O’Sullivan: Dadurch verdrängte ihn Holt nämlich aus den Top 16 der Saison-Wertung, so dass O’Sullivan die Teilnahme an der Players Championship verpasste.
Im Finale des Shootout hatte sich Michael Holt mit 64:1 gegen Zhou Yuelong durchgesetzt. Aus einer langen Roten machte Holt ein Break von 42 Punkten und verteidigte anschließend den Vorsprung clever. Zhou lochte zwar eine Rote, verschoss aber danach die Farbe. Damit war seine Niederlage praktisch besiegelt.

Holt zieht's durch! Die Entscheidung im Shoot-Out-Finale

Trump triumphiert bei der Players Championship

Bei der Players Championship fand Judd Trump dann wieder zu seiner Top-Form zurück. Der Triumph des Weltmeisters in Southport bedeutete, dass er den Rekord von fünf Ranglisten-Titeln in einer Saison eingestellt hatte. Stephen Hendry, Ding Junhui, Mark Selby und Ronnie O’Sullivan hatten das zuvor schon geschafft. Im Finale der Players Championship fertigte Trump den überforderten Yan Bingtao mit 10:4 ab. Schon im ersten Frame nahm das Unheil für den jungen Chinesen seinen Lauf: Er führte schon mit 74:35, aber Trump holte die benötigten Foulpunkte und noch einen Freeball dazu und ging auf Schwarz mit 1:0 in Führung. Eine kleine Aufholjagd startete Yan noch einmal zu Beginn der Abend-Session, als er von 2:6 auf 4:6 verkürzte. Aber dann übernahm Trump wieder das Kommando.
Zittern musste Judd Trump zuvor aber bei seinem 6:5 im Halbfinale über Stephen Maguire. Trump war zwar mit 3:0 in Führung gegangen, doch dann holte Maguire fünf Frames in Folge. Trump bewies aber Moral und gewann die nächsten drei Frames.

Zurück im Geschäft: Trump brilliert mit 132er Break gegen Figueiredo

Trump schreibt bei Gibraltar Open

Mit seinem Sieg beim Gibraltar Open schrieb Judd Trump dann Snooker-Geschichte; sechs Ranglisten-Turniere in einer Saison zu gewinnen, hatte zuvor noch nie jemand geschafft. In Erinnerung bleibt das Gibraltar Open aber wohl vor allem als erstes „Geisterturnier“ in der Geschichte der World Snooker Tour. Hatte man am ersten Tag noch vor maximal 100 Zuschauern gespielt, so wurde ab Tag zwei hinter verschlossenen Türen gespielt. Selbst Freunde und Angehörige der Spieler durften nicht rein.
Dass Trump und Kyren Wilson als unterlegener Finalist dann bei der Siegerehrung einem imaginären Publikum zuwinkten, hat mich zum Lächeln gebracht; eine amüsante Geste.

Gespenstische Siegerehrung: Wilson winkt ins leere Rund

Im Finale legten die beiden los wie die Feuerwehr. Drei Centuries gab es in den ersten drei Frames. Als Wilson den fünften Frame auf Schwarz holte, übernahm der Warrior zum ersten Mal die Führung.
Aber Trumps Antwort war die eines Champions: Mit einer 123, seinem neunten Century in Gibraltar und seinem 97. in der Saison, glich er aus und machte mit einer spektakulären Clearance von 63 Punkten den historischen Sieg perfekt.

Trump schreibt mit Sieg bei Gibraltar Open Snooker-Geschichte

Tour Championship und WM verschoben

Nur zwei Tage später war dann in Llandudno alles bereit für die Tour Championship. Aber wenige Stunden vor Beginn erfolgte die Absage. Der Schritt ist den Verantwortlichen sicher nicht leicht gefallen, war aber unumgänglich. Die Tour Championship soll nun genauso wie die ebenfalls verschobene Weltmeisterschaft später im Jahr nachgeholt werden. Im Moment sind alle Aktivitäten also praktisch auf null runtergefahren. Aber man kann sicher sein, dass Barry Hearn und das Team bei der World Snooker Tour hart daran arbeiten, so schnell wie möglich wieder Spielmöglichkeiten zu schaffen. Als Freiberufler sind die Profis ja schließlich auch darauf angewiesen, um damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Natürlich gibt es gerade im Moment Wichtigeres als Snooker. Aber etwas Abwechslung wäre natürlich auch für die Fans sehr schön. Ich habe ja auch beim Gibraltar Open schon gemerkt, wie gut den Fans dieses Stück Normalität und Ablenkung getan hat. Wir alle (auch wir bei Eurosport) warten sehnsüchtig darauf, wieder loslegen zu können. Aber das ist eben erst möglich, wenn das nicht mehr mit gesundheitlichen Risiken für alle Beteiligten verbunden ist. Und so gilt auch heute: Passt bitte gut auf Euch und alle anderen auf und bleibt vor allem gesund!
Herzliche Grüße und alles Gute
Ihr / Euer Rolf Kalb
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