Blog von Sigi Heinrich | Überforderte Tennis-Helden Djokovic, Zverev und Thiem

Die Adria Tour von Organisator Novak Djokovic endete in einem Fiasko. Tennis-Stars, die in Zeiten der Corona-Pandemie jegliche Hygienemaßnahmen unbeachtet ließen und gemeinsam in Nachtklubs feierten. Am Ende infizierten sich vier Profis mit COVID-19. Für Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich liegt das auch am Hochmut der Profis. Die Adria Tour hat einen Imageschaden zur Folge - nicht nur im Tennis.

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Fotocredit: Eurosport

Ein Kommentar von Sigi Heinrich
In ruhigen Zeiten ist es nicht so tragisch, wenn man Fehler macht oder sich leichtsinnig verhält. Schwamm drüber. Das Leben geht weiter. In Corona-Zeiten freilich sieht die Sache anders aus - und zwar ganz anders! Jetzt werden Unachtsamkeiten gnadenlos bestraft. Vor allem diejenigen - und es werden noch viele werden - die da glauben, COVID-19 trifft immer nur die anderen, haben jetzt die Düsternis vor Augen.
Es wird uns gerade auf ziemlich schonungslose Weise der Spiegel vorgehalten. Die (männliche) Tenniselite hat es geschafft, den Glauben an die Vernunft des Homo sapiens fast gänzlich zu verlieren. Es war ehrenhaft vom Weltranglistenersten Novak Djokovic, die Adria Tour zu veranstalten. Sie sollte Geld einbringen für einen guten Zweck, weshalb er Freunde um sich scharte, die mit ihm spielen sollten. Eine nette Sache zweifellos. Das möchte ich vorausschicken.
Doch die Art und Weise, wie die Turniere dann organisiert wurden, machte klar: Djokovic und seine Entourage (Bruder, Vater, Trainer) mögen sich im Tennisgeschehen auskennen. Als Veranstalter waren sie gerade in diesen Zeiten heillos überfordert. Hygienevorschriften, Mindestabstand, Maskenpflicht. Alles Begriffe, die im Vokabular der privaten Tour nicht enthalten waren.

Schuldzuweisungen unter der Gürtellinie

Jetzt auszurufen, geschieht ihnen zu Recht, wäre genauso billig wie es die Schuldzuweisungen von Srdjan Djokovic waren, dem Vater von Novak, der allen Ernstes behauptete, dass der Bulgare Grigor Dimitrov, der als erster Teilnehmer der Tour positiv getestet wurde, alle Schuld an dem Desaster trage. Er habe, so Srdjan Djokovic, den Beziehungen zwischen Serbien und Kroatien extrem geschadet und seiner Familie großes Leid zugefügt. Für eine solche Aussage müsste er lebenslang von allen Tennisplätzen verbannt werden.
Das ist so weit unter der Gürtellinie, dass es jedem einigermaßen vernunftgesteuerten Menschen die Zornesröte ins Gesicht treibt. Wäre ich Dimitrov, würde ich ihn verklagen. Dabei hat sich aufgrund mangelnder Vorsichtsmaßnahmen diese Veranstaltung als "Hotspot" herausgestellt und dem Tennissport unermesslichen Schaden zugefügt.
Die US Open in den USA, einem Land, in dem das Virus nach Lust und Laune wüten kann, weil es kaum auf Gegenmaßnahmen trifft, sind nun wirklich in Gefahr. Und zudem der gesamte weitere Sportbetrieb - weit über Tennis hinaus. In Zahlen mag man sich den Schaden, den diese Adria Tour angerichtet hat, gar nicht ausmalen. Der Imageschaden allein hat schon zerstörerische Wirkung. Danke Jungs. Gut gemacht.

Partylöwe Alexander Zverev

Aber zum Glück kann man daraus ja lernen - oder auch nicht. Siehe Alexander Zverev, der sich in Monte Carlo statt der großspurig angekündigten Quarantäne in eine Party stürzte. Es ist die Hybris dieser Sportler, die verhindert, dass sie das Leben und die Gefahren - gerade heutzutage - ernst nehmen. Ihr ganzes Dasein ist ein großes Spiel. Und manche werden nie erwachsen.
Wir, die den Sport in seiner ganzen Vielfalt lieben, können nur an die Vernunft derer appellieren, die uns ihr Talent und ihre Kunstfertigkeit immer wieder offerieren. Geht sensibel mit der für uns alle ungewohnten Situation um. Setzt nicht die kleinen, neuen Freiheiten so leichtfertig aufs Spiel wie zuletzt im Tennis geschehen. Wir wollen schließlich noch lange Eure außerordentlichen Leistungen bewundern und uns daran erfreuen. Danke.

Zur Person Sigi Heinrich:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
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