Alexandr Dolgopolov exklusiv aus Kiew: "Schöne Worte, aber hier sterben jeden Tag Menschen"
Einst stand Alexandr Dolgopolov im Viertelfinale der Australian Open, heute trägt der ehemalige Tennisprofi eine Waffe, um sein Heimatland Ukraine gegen den Angriff der russischen Armee zu verteidigen. Eurosport hat den 33-Jährigen nach der Ankunft in Kiew telefonisch erreicht. Dolgopolov schildert in eindrücklichen Worten, warum er sich entschieden hat, sein Leben für seine Heimat zu riskieren.
Dolgopolov aus Kiew: "Müssen uns schützen und brauchen Waffen"
Quelle: Eurosport
Alexandr Dolgopolov ist angekommen in der ukrainischen Hauptstadt. Aufgebrochen in der Türkei, reiste er über Zwischenstationen in Kroatien, Ungarn, Slowenien und Polen in sein Heimatland. Den Umgang mit der Waffe hat der 33-Jährige im Schnellverfahren erlernt, "von einem ehemaligen Soldaten in sechs oder sieben Tagen", wie Dolgopolov im Eurosport-Interview erzählt.
Bis vor einem Jahr sah das Leben des Ukrainers noch ganz anders aus.
Als Tennisprofi war er auf der ATP Tour unterwegs, gewann insgesamt drei Turniere, schlug Rafael Nadal zweimal und kletterte bis auf Rang 13 der Weltrangliste. Im April vergangenen Jahres beendete Dolgopolov seine Laufbahn. Dolgopolov hat in seiner Karriere mehr als sieben Millionen Dollar Preisgeld eingespielt.
Jetzt versucht sich der Ex-Profi in Kiew in einer neuen Realität zurechtzufinden. "Ich wohne bei einem Freund, weil ich gerade erst angekommen bin und nicht allein bleiben will", berichtet Dolgopolov im Gespräch mit Eurosport-Journalist Augustin Bascoulergue.
Herr Dolgopolov, wie geht es Ihnen und wie sind die ersten Eindrücke von Kiew?
Alexandr Dolgopolov: Ich bin nicht gerade im besten Moment hier angekommen, denn es gibt eine Sperrstunde und für zwei Tage darf niemand nach draußen gehen, weil einige russische Gruppen versucht haben, in die Stadt zu kommen. Es sind wohl keine großen Gruppen und ich glaube, man hat die Stadt blockiert, damit sie nicht eindringen können und die Armee sie nicht mit den Ukrainern verwechseln kann.
Wer auf der Straße unterwegs ist, könnte für einen Russen gehalten werden, also musste ich meine Freunde bitten, mich bewaffnet abzuholen und in die Wohnung zu bringen. Sonst hätte ich in der Metrostation bleiben müssen. Dort wollte ich nach meiner Reise aber nicht 24 Stunden lang ausharren.
Wie groß sind die Verwüstungen?
Dolgopolov: Ich habe noch nicht viele Schäden gesehen, weil ich im Zentrum war und heute große Wohnhäuser getroffen und niedergebrannt wurden, die irgendwo in den Außenbezirken liegen. In der Innenstadt habe ich ein paar zerstörte Autos gesehen und sehr, sehr viele Angehörige unserer Armee. Man spürt natürlich, dass hier Krieg ist, es gibt nicht einen einzigen Menschen oder ein Auto auf der Straße. Kiew ist wie eine verlassene Stadt. Wir standen direkt neben dem Haus meines Freundes, als am Himmel eine Rakete vorbeiflog. Ich weiß also genau, wo ich hier bin.
Zuvor waren Sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in der Türkei.
Dolgopolov: Ja, ich bin gegangen, weil ich mich unwohl gefühlt habe. Mir war klar, dass es im Fall des Falles eine große Panik geben würde. Ich musste an meine Mutter und meine Schwester denken, sie irgendwie aus dem Land bringen. Also zog auch ich es vor, außerhalb der Ukraine zu bleiben. Und, so der Gedanke, wenn etwas passiert, kann ich über die sozialen Medien wirklich helfen, weil ich viele Follower in der ganzen Welt habe.
Und weil ich die Wahrheit zeigen kann, da ich Zugang zu allen Informationen habe. Ich war der Meinung, dass ich mich in den ersten Tagen außerhalb des Landes nützlicher machen kann, weil ich nicht der Armee angehöre und somit nicht der Erste sein werde, der kämpft.
Was hat Sie dazu bewegt, umzudenken und in die Ukraine zurückzugehen?
Dolgopolov: Nach ein paar Tagen waren die Kämpfe besser zu verstehen, man konnte sehen, wo es gut für uns läuft und wo nicht. Daraufhin habe ich angefangen, meine Rückkehr zu planen. Ich hatte keine Ahnung, wie man eine Waffe hält. Also bin ich auf einen Schießstand gegangen und hatte das Glück, dort einen ehemaligen Berufssoldaten zu treffen.
Der hat mich fünf, sechs oder sieben Tage lang unterrichtet. So genau weiß ich das nicht mehr. Inzwischen kann ich mit Waffen umgehen und gut schießen. Nicht perfekt, aber ich bin in der Lage, eine Person sicher zu treffen und ich habe mehr Selbstvertrauen.
Wie ging es weiter?
Dolgopolov: Ich habe mich auf den Rückweg gemacht, ein paar Jungs gefunden, die ebenfalls zurückwollten. Wir haben uns irgendwo in Europa getroffen und ein paar Sachen gekauft, die unsere Armee brauchen kann: Wärmebildoptik, ein Fernglas, Zielaufsätze für die Scharfschützengewehre, solche Dinge. Wir hatten auch Geld gesammelt. Und dann sind in Zagreb aufgebrochen. Über Zwischenetappen in Kroatien, Ungarn und Slowenien nach Polen. Von Polen aus habe ich die Grenze überquert und traf meinen Vater auf der ukrainischen Seite. Einen Tag blieben wir an einem sicheren Ort, dann habe ich einen Zug nach Kiew genommen.
Für Ihre Familie bestimmt eine schwere Situation. War es eine gemeinsame Entscheidung, dass Sie nach Kiew gehen?
Dolgopolov: Nein, es war meine Entscheidung und niemand kann mich von meinen Entscheidungen abhalten. Mein Vater war traurig und es war hart, als wir uns getrennt haben. Er war sehr besorgt und niemand möchte, dass ich jetzt hier bin. Aber das ist die Realität, es herrscht Krieg. Was können wir denn tun? Niemand von unseren Leuten möchte sterben oder in diesem Krieg sein, aber es geht um unser Land.
Für mich ist das, was hier passiert, aber kein Krieg. Krieg haben wir, wenn eine Armee gegen eine Armee kämpft - aber vor einer halben Stunde wurde ein Haus in Mariupol bombardiert. Dort waren mehr als 1000 Zivilisten. Niemand weiß, ob auch nur eine Person noch am Leben ist. Es sterben ständig Tausende von Zivilisten. Deshalb muss ich hier sein.
Man kannte Sie als Tennisprofi, jetzt sind Sie plötzlich Soldat. Klingt surreal.
Dolgopolov: Ja, aber Soldaten müssen wissen, wofür sie kämpfen. Wenn jeder das Land, seine Heimat verlässt und eine leere Stadt zurückbleibt, die nur aus Soldaten besteht - woher soll dann die Motivation kommen, bis zum Ende zu kämpfen? Ich glaube, es ist wichtig, dass prominente Menschen zeigen, dass die ukrainische Bevölkerung die Armee unterstützt, auch wenn sie nicht in der ersten Reihe kämpft. Geld auftreiben, in den Medien sprechen, Lebensmittel und Medizin beschaffen - was immer jemand tun kann, ist hilfreich. Aber wenn alle gehen würden...
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Tiefe Bestürzung - die Sportwelt reagiert auf den Krieg in der Ukraine
Quelle: Perform
Ist es Ihnen schwergefallen, zu kommen?
Dolgopolov: Natürlich kann jeder - auch ich - einen Grund dafür finden, außerhalb des Landes nützlicher zu sein, um zum Beispiel Geld zu sammeln. Aber aus meiner Sicht ist es eine echte Botschaft, hier zu sein. Ich sehe viele Leute aus dem Sport, aus der Musik und anderen Bereichen, die geblieben oder zurückkommen sind, um zu helfen.
Waren Sie überrascht von der Solidarität des ukrainischen Volkes und der Tatsache, dass so viele Zivilisten zu den Waffen greifen? Ist das etwas, das Ihr Land charakterisiert?
Dolgopolov: Ich war überrascht und auch nicht überrascht. Denn: Was sollen wir tun? Viele können nirgendwo hin und es ist ja nicht so, dass es sich um einen kleinen Krieg handelt. Russland befindet sich seit acht Jahren im militärischen Konflikt mit uns. Unser Präsident hat gesagt: "Seit acht Jahren haben wir diesen Schwachsinn von Russland gehört, dass wir uns nicht im Krieg befinden. In Wirklichkeit aber haben sie Donezk und Luhansk mit Waffen unterstützt und versucht, uns dazu zu bringen, gegen diese Menschen zu kämpfen. Sie haben Truppen ohne Flaggen geschickt (...)".
Jetzt erleben wir den Moment, an dem die ganze Wahrheit ans Licht kommt. Ich selbst musste Freunde anrufen, um überhaupt der Verteidigung unseres Landes beitreten zu können, denn da sind etwa 10.000, die in den Krieg ziehen wollen. Die Menschen sind und waren wirklich wütend, weil acht Jahre lang gelogen wurde. Russland hat unser Territorium auf der Krim eingenommen, den Krieg in Donezk provoziert. Jetzt erkennen wir die Logik hinter alle dem. Deshalb kämpfen viele Menschen lieber und schützen unser Land, als es einfach zu verlassen.
Wie geht es in den kommenden Tagen für Sie persönlich weiter?
Dolgopolov: Ich werde mit einem Freund herumreisen und mit kugelsicheren Westen und Lebensmitteln aushelfen. Es stehen alle Arten von Freiwilligenarbeit an - und dann gibt es noch etwas, was wir vorhaben, worüber ich aber nicht sprechen kann. Natürlich werde ich in diesen Tagen auch mit der Presse reden, wenn ich die Zeit dazu habe. Vor allem aber werde ich mit Menschen Kontakt aufnehmen, die ich kenne und die auf dem Schlachtfeld sind. Um was immer sie mich bitten, ich werde versuchen, es zu realisieren. Das ist mein Hauptziel und meine Rolle für die nächste Zeit. Wie lange das so sein wird? Ich weiß es nicht.
Es mag ob der fürchterlichen Situation nur ein Randaspekt sein, aber wie denken Sie über die Sanktionierung russischer Tennisprofis?
Dolgopolov: Um eines klarzustellen: Das alles ist keine Politik, sondern Krieg. Es sind nicht Hunderte, die da sterben, es sind Zehntausende, vielleicht werden es auch eine Million oder mehr. In dieser Situation gibt es keine Politik mehr, nur noch den Krieg. Meiner Meinung nach muss Russland isoliert werden wie Nordkorea. Jeder Mensch aus Russland sollte den Preis dafür bezahlen.
Es ist ihre Regierung, die seit 20 Jahren im Amt ist und sie haben nichts dagegen unternommen. Sie zogen in den Krieg in Georgien, führen Krieg in der Ukraine. Sie waren in Syrien, sie waren überall (...). Es ist so weit gekommen, dass jeder Russe für das, was passiert, verantwortlich ist. Es reicht nicht aus, zu sagen, dass man gegen den Krieg ist. Das kann ich von der Miss Universum oder bei den Oscars hören. Schöne Worte, aber hier sterben jeden Tag Menschen, darunter Kinder. Die einzige Möglichkeit, das zu stoppen, ist, dass die Russen ihre Regierung stürzen (...) Meiner Meinung nach ist der Tennissport ziemlich weich und zu neutral.
Wir sehen, was der Fußball gemacht hat. Man hat einfach alle russischen Mannschaften verbannt. Der Fußball und viele andere Sportarten haben das getan, und das ist auch richtig so. Natürlich verstehe ich, dass die Tennisspieler nichts dafür können - aber angesichts der Zahl der Opfer dieses Krieges ist jeder Russe verantwortlich, solange er seinen Präsidenten nicht aufhält.
Haben Sie eine Botschaft, die Sie über uns, die Medien, weitergeben möchten?
Dolgopolov: Zunächst möchte ich für all die Unterstützung danken. Wir sehen diese Treffen und es ist großartig, dass die Welt uns unterstützt. Wir würden uns wünschen, dass die Europäer, Amerikaner, Kanadier und die ganze Welt ihre Regierungen ein wenig unter Druck setzen. Denn es gibt ein paar Dinge, die wir nicht haben: Wir haben keine Kampfjets und damit nicht genug Schutz für unseren Luftraum - und sie bombardieren aus der Luft. Wir hören, dass die NATO nicht helfen will und Angst vor dem Dritten Weltkrieg hat.
Aber wir müssen uns irgendwie schützen und wir brauchen diese Waffen. Wir haben die Menschen, sind bereit zu kämpfen. Dafür brauchen wir Waffen, die unseren Luftraum schützen. Das ist die Hauptbotschaft, die wir gerne senden möchten. Und: Wir hoffen, dass es bald soweit ist, denn es wird zu viel bombardiert. Am Boden läuft es gut, wir haben eine starke Armee, aber wir können uns nicht so gut vor den Raketen und Flugzeugen schützen, wie wir es uns wünschen. Trotzdem sind wir sehr dankbar für die Unterstützung und für das, was andere Länder tun. Allerdings hätten wir natürlich gerne mehr Hilfe, denn jeden Tag sterben Hunderte, Tausende.
Herr Dolgopolov, danke für das Gespräch und die eindrücklichen Schilderungen.
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