Alexander Zverev warf sich die 60 Zentimeter große Trophäe im Stile eines Bauarbeiters über die Schulter, der ein Eisenrohr transportiert - und grinste. Der Pott war gesichert, zum zweiten Mal nach 2018. Was der 24-Jährige dann vom Stapel ließ, darf die Elite im Tennis getrost als massive Kampfansage werten.
"Ich bin so motiviert wie nie zuvor fürs nächste Jahr, weil ich viel erreichen möchte und noch nicht alles erreicht habe", versicherte der frischgebackene Champion im Interview bei "Sky". Der Coup von Turin "nur" eine Zwischenstation auf dem Weg in größere Höhen? Ja, so muss man das verstehen.
Zverev war schon einmal an dieser Stelle, vor drei Jahren.
ATP Finals
Becker gratuliert Zverev: "Man schlägt ganz selten die Eins und Zwei back to back"
21/11/2021 AM 20:43
Im Endspiel der ATP Finals schlug er Novak Djokovic glatt in zwei Sätzen 6:4, 6:3, die Saison beendete er als Nummer vier der Welt. Es schien nur noch eine Richtung zu geben: steil nach oben. Die Realität war eine andere: In den folgenden zwölf Monaten sank er im Ranking auf Position sieben, bei keinem der vier Grand-Slam-Events kam er über das Viertelfinale hinaus, in Wimbledon war sogar in Runde eins Endstation.

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Die Gefahr, dass ihm das nun wieder passiert, ist allerdings gering.

Becker: "Das muss jetzt Zverevs wichtigstes Ziel sein"

Der Zverev von heute ist mit dem von 2018 nicht vergleichbar. "Sascha hat seine Weltklasseleistung jetzt etabliert", lobte Boris Becker bei Eurosport und betonte nach dem Finalerfolg gegen Daniil Medvedev klar, dass er nun einen Dreikampf um die Spitze erwarte. "Meiner Meinung nach spielen Daniil und Sascha gemeinsam mit Novak um Platz eins im nächsten Jahr."
Im Fall von Zverev knüpfte er dies allerdings an eine Bedingung. "Es geht nur mit einem Grand-Slam-Sieg. Das muss jetzt Saschas wichtigstes Ziel in 2022 sein."

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Zverev selbst hat ebenso hohe Ansprüche. "Ich bin die Nummer drei der Welt, habe in diesem Jahr sechs Turniere gewonnen. Darunter zwei Masters-Wettbewerbe, Olympia und jetzt das Ding hier. Und für die Olympischen Spiele gab es keine Punkte", erklärte der 24-Jährige und begründete damit, weshalb er jetzt Platz eins und den ersten Titel bei einem Grand-Slam-Event offensiv ins Visier nimmt.

Zverev revanchiert sich bei Djokovic und Medvedev

Den Einschub von Bruder Mischa, dass die ambitionierte Zielstellung "nicht überheblich, sondern ehrlich und verdient" sei, hätte es gar nicht gebraucht. Zverevs Leistungen sprechen für sich, seit Monaten schon. Der große Wendepunkt waren die Olympischen Spiele in Tokio. Zverev gewann Gold, war danach ein anderer auf dem Platz.
Zwischen Tokio und Turin sammelte der Olympiasieger die Titel beim Masters in Cincinnati und beim Hallen-Turnier in Wien ein. Bei den US Open und beim Masters von Paris-Bercy scheiterte er erst im Halbfinale - und zwar an Djokovic und Medvedev.

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Bei den ATP Finals revanchierte er sich, bezwang die Nummer eins und zwei der Welt innerhalb von 19 Stunden. "Man schlägt ganz selten die Nummer eins und zwei back to back und wird Weltmeister", staunte Becker, der das Saisonfinale der Besten während seiner Laufbahn dreimal gewann.

Mischa Zverev: "Sascha hat Medvedev taktisch besiegt"

Zverev ist angekommen in den Top 3 der Welt, nicht nur vom Ranking her, sondern auch vom Habitus. "Ich habe noch zwei Matches vor mir", ließ er vor dem Turiner Halbfinale gegen Djokovic wissen. Kann man als Scherz abtun, sicher. Es steckt aber auch das Selbstverständnis des Weltklassespielers hinter dieser Aussage, die sich bewahrheiten sollte.
Im Finale selbst bewies Zverev Konstanz und Klasse, obwohl die Vorzeichen nicht optimal standen. Fünf Matches hatte er zuvor in Serie gegen Medvedev verloren, dazu musste er am Tag zuvor bis 23:42 Uhr gegen Djokovic um den Einzug ins Endspiel kämpfen. Ins Bett kam Zverev nach Angaben seines Bruders Mischa erst gegen 3:00 Uhr in der Nacht.

"Das ist offensichtlich": Medvedev traut Zverev Grand-Slam-Titel zu

Ganz anders die Ausgangslage bei Medvedev. Der Titelverteidiger hatte am Tag vor dem Finale ziemlich genau acht Stunden früher Feierabend und beim 6:4, 6:2 gegen den Norweger Casper Ruud ein wesentlich kraftsparenderes Match.
Zverev hat inzwischen gelernt, mit kniffligen Umständen umzugehen. "Er ist über die Monate immer konstanter geworden und hat mehr Varianten in sein Spiel eingebaut", erläuterte Bruder Mischa Zverev. Gegen Medvedev habe er "unglaublich klug" gespielt. "Sascha hat ihn taktisch besiegt, denn der frischere Spieler war er nicht."
Es fällt auf, dass Zverev immer mehr der Qualitäten zeigt, die einen großen Champion ausmachen. Bruder Mischa hat schon recht: Der Anspruch, die Nummer eins zu werden, ist keineswegs überheblich.
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