ATP und WTA kontern herbe Vorwürfe und Klage der Spielergewerkschaft: "Spaltung und Ablenkung durch Fehlinformationen"

Die Vorwürfe an die Adressen von ATP, WTA, Weltverband (ITF) und International Tennis Integrity Agency (ITIA) wiegen schwer: Korruption, Gesundheitsgefährdung, keine Achtung der Menschenwürde, illegale Praktiken - die Spielergewerkschaft PTPA will den Tennis-Profi-Zirkus mit entsprechenden Klagen ins Wanken bringen. Mindestens. "Genug ist genug", stellt die PTPA klar. Die Konter kamen schnell.

Novak Djokovic (li.) und Vasek Pospisil (re.) haben die PTPA aus der Tauf gehoben

Fotocredit: Imago

Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung - und so überzog die ATP, die Association of Tennis Professionals, ihrerseits die Spielergewerkschaft mit harschen Anschuldigungen.
"Die PTPA hat konsequent Spaltung und Ablenkung durch Fehlinformationen dem Fortschritt vorgezogen", polterte die ATP.
Man selbst konzentriere sich dagegen "weiterhin auf Reformen, die den Spielern auf verschiedenen Ebenen zugutekommen".
Die Spielergewerkschaft, die im Sommer 2020 unter anderem von Novak Djokovic und Vasek Pospisil aus der Taufe gehoben wurde, habe "Schwierigkeiten, eine bedeutende Rolle im Tennis zu etablieren", versetzte die ATP in ihrer Mitteilung.
Der Angriff und die Klagen seien erwartbar gewesen. Die Entscheidung der PTPA, "zu diesem Zeitpunkt rechtliche Schritte einzuleiten, ist nicht überraschend."

PTPA will "korrupte Tennisverbände" stoppen

Das sieht man auf der Gegenseite selbstredend komplett anders. ATP, WTA und ITF hielten "Spieler in einem unfairen System gefangen, das ihr Talent ausnutzt, ihre Einkünfte unterdrückt und ihre Gesundheit und Sicherheit gefährde".
Daher gehe man nun in den USA, der EU und Großbritannien gegen die aktuellen Strukturen im Profi-Tennis vor. Ziel sei es, zu "enthüllen, wie die korrupten Tennisverbände Spieler systematisch missbrauchen, zum Schweigen bringen und ausbeuten, um durch monopolistische Kontrolle persönliche Gewinne zu erzielen".
Harter Tobak, zumal es bei Gründung der PTPA vor fünf Jahren noch hieß, man wolle nicht in Konkurrenz zur ATP gehen, wohl aber den Profis zu mehr Einfluss und Entscheidungsgewalt verhelfen. Inzwischen stellt sich das Bild ganz anders dar.
Die Zeit des Dialogs sei vorbei, betonte die PTPA - und nimmt neben der ATP auch die WTA, die ITF und die International Tennis Integrity Agency ins Visier.

WTA setzt sich zur Wehr: "Bedauerlich und fehlgeleitet"

Die WTA (Women's Tennis Association) zeigte sich ob der schweren Vorwürfe verärgert. "Bedauerlich und fehlgeleitet" sei das Vorgehen. "Wir werden unsere Position zu gegebener Zeit energisch verteidigen. Die WTA ist fest entschlossen, die Struktur und die Abläufe im professionellen Frauentennis weiterzuentwickeln und zu verbessern und hat dabei wie immer ein offenes Ohr für die Ansichten unserer Spielerinnen", hieß es in einer Mitteilung.
Die ITIA, unter anderem zuständig für die Aufklärung Spielmanipulationen und Dopingthemen, sieht sich ebenfalls zu Unrecht an den Pranger gestellt. Man halte "höchste Standards und bewährte Verfahren und angemessene Regeln bei der gesamten Fallbearbeitung" ein. Das reiche "von der Informationsbeschaffung über die Ermittlungen bis hin zu gegebenenfalls verhängten Sanktionen".

Die Sache mit den Cocktails für 12,8 Millionen US-Dollar

Die PTPA, so viel dürfte feststehen, traut den etablierten Institutionen und deren Darstellungen zur Lage im Tennis überhaupt nicht mehr. Und während es von Djokovic bislang keine Reaktion gibt, wird Pospisil deutlich: "Hier geht es nicht nur um Geld, sondern um Fairness, Sicherheit und grundlegende Menschenwürde", so der 34-jährige Kanadier, der 2015 im Viertelfinale von Wimbledon stand.
Allerdings ist der finanzielle Aspekt ein entscheidender. Es sei nicht akzeptabel, dass Tennisprofis "nur einen Bruchteil dessen verdienen, was Spitzensportler in anderen Sportarten verdienen", ist in der Mitteilung der PTPA zu lesen. Dazu bemühte die Spielergewerkschaft eine fast kurios wirkende Rechnung: Im vergangenen Jahr hätten die US Open "durch den Verkauf eines einzigen Spezialcocktails" satte 12,8 Millionen US-Dollar eingenommen. Dies sei deutlich mehr als das Preisgeld, das an die beiden Einzel-Champions des Grand-Slam-Turniers ausgezahlt werde.

Djokovic fordert "mehr Mitspracherecht"

Djokovic wiederum hatte im Zuge der Causa Jannik Sinner das Dopingsystem scharf kritisiert. "Es ist Zeit, etwas zu tun, denn es funktioniert so nicht", befand der Serbe im Rahmen einer Pressekonferenz in Dubai. Eine Feststellung, die auch in Richtung International Tennis Integrity Agency (ITIA) abzielte.
Zuvor schon hatte der Rekord-Grand-Slam-Champion generell "mehr Mitspracherecht" für die Aktiven eingefordert und die Möglichkeit, "wie die Athleten in anderen großen Sportarten" über die eigenen Rechte verhandeln zu können.

Hilft der Frontalangriff auf ATP und Co.?

Bei den French Open 2022 wiederum monierte Djokovic, dass seine PTPA geschnitten werde. "Wir sitzen nicht am Verhandlungstisch, wo wir sein sollten, weil wir bisher von den Grand-Slam-Turnieren und auch von keinem anderen anerkannt werden", grantelte der Superstar.
Ob sich daran nach dem Frontalangriff auf ATP und Co. etwas ändern wird, ist die große Frage der Stunde.
Das könnte Dich ebenfalls interessieren: Weltrangliste: Draper der Gewinner, Djokovic klettert
picture

Krygios mit starker Bilanz in Miami - es liegt wohl am Nachtleben

Quelle: Perform


Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung