Der Traum des Alexander Zverev lebt.

Deutschlands bester Tennisprofi nimmt bei den Australian Open seinen ersten Grand-Slam-Titel ins Visier - und darf sich nach seinen bisherigen Auftritten durchaus berechtigte Hoffnungen auf den Triumph in Melbourne machen.

Australian Open
Thiem reagiert auf heftige Achtelfinalpleite: "Bin keine Maschine"
14/02/2021 AM 08:30

Selten zuvor ist Zverev derart abgeklärt durch die ersten Runden gefegt, der Grundstein für den großen Wurf scheint gelegt. Allerdings muss er nun keinen Geringeren als den Rekordturniersieger aus dem Weg räumen.

Eurosport.de nimmt die fünf wichtigsten Faktoren zum Viertelfinale zwischen Zverev und Djokovic (Dienstag ab etwa 11:00 Uhr MEZ live im TV bei Eurosport 1 und im Liveticker) unter die Lupe:

Letzte Infos von Mischa Zverev: "Ich hab' ein gutes Gefühl"

1.) Fitness

Kuriose Parallele: Sowohl Djokovic als auch Zverev liefen im Achtelfinale mit Bauchpflastern auf, hatten mit unterschiedlichen Muskelproblemen zu kämpfen. Der Serbe scheint allerdings stärker gehandicapt und stellte sogar seine Teilnahme am Achtelfinale gegen Milos Raonic infrage. "Wäre es kein Grand-Slam-Turnier, wäre ich nicht angetreten", gab Djokovic zu.

Matchball Becker zum Viertelfinale: Die Zeit ist reif für Zverev

Trotz allem darf man davon ausgehen, dass beide Spieler am Dienstag fit auf den Court kommen.

Es ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass Djokovic im bisherigen Turnierverlauf wesentlich mehr Kraft gelassen hat. Während der Weltranglistenerste nur ein Match in drei Sätzen gewann, zog Zverev drei Partien in drei Sätzen durch. Insgesamt stand der Hamburger acht Stunden und 50 Minuten auf dem Platz, Djokovic musste für seinen Viertelfinaleinzug elf Stunden und 22 Minuten schuften.

VOR DEM VIERTELFINALE GEFRAGT: WER GEWINNT DIE AUSTRALIAN OPEN?

In dieser Hinsicht haben sich die Vorzeichen umgekehrt. War es in den vergangenen Jahren zumeist der Superstar aus Serbien, der die ersten Runden im Sprint absolvierte und in der entscheidenden Turnierphase noch genug Sprint im Tank hatte, so ist dies nun Zverev gelungen. Der 23-Jährige tat sich häufig schwer, Gegner aus den hinteren Regionen des ATP-Rankings zu dominieren. Dieses Mal gab Zverev gegen Marcus Giron, Maxime Cressy und Adrian Mannarino aber nur einen Satz ab. Der Tank ist noch ziemlich voll.

  • Fazit: Vorteil Zverev

2.) Return

Es ist mitunter fast unmenschlich, wie Djokovic beim Return agiert. Dank seiner unglaublichen Beweglichkeit und Stabilität gelingt es dem Routinier wie keinem anderen Spieler auf der Tour, über den Rückschlag Druck aufzubauen und die Ballwechsel zu dominieren.

Brutales Geschoss: Djokovic feuert Return der Extraklasse ab

Beim Achtelfinalsieg gegen Milos Raonic zeigte der Serbe dies in Perfektion und holte sich eine ganze Reihe an Return-Winnern. Eine Qualität, mit der Djokovic nicht nur sein Spiel verbessert, sondern auch die Gegner entnervt.

Der achtmalige Melbourne-Champion gilt ohnehin als bester Defensivspieler der Tennis-Historie. Im Spiel von Zverev spielt der Return und das Defensivverhalten dagegen eine weniger dominante Rolle.

  • Fazit: Vorteil Djokovic

3.) Aufschlag

Zverev ist beim Service Perfektionist. Er habe langsam aufgeschlagen, erklärte Deutschlands Nummer eins nach seinem Zweitrundenerfolg gegen Maxime Cressy im Eurosport-Interview. Die Bauchmuskelprobleme machten ihm tatsächlich zu schaffen, was Zverev freilich nicht davon abhielt, den zweiten Aufschlag mit bis zu 218 km/h übers Netz zu feuern.

218 km/h mit dem zweiten Aufschlag! Eiskalter Zverev serviert Ass

"Wenn Saschas Service funktioniert, gehört er zu den besten Aufschlägern der Welt", lobt Eurosport-Experte Boris Becker. Nach vier Partien muss man ohne Wenn und Aber festhalten: der Aufschlag funktioniert.

Mehr noch: Zverev variiert, geht mal auf Tempo, mal auf Quote im Feld. Der Aufschlag ist definitiv eine der wichtigsten Waffen im Spiel des US-Open-Finalisten von 2020.

Und Djokovic? Ist natürlich ebenfalls bärenstark beim Service. Im Achtelfinale gegen Milos Raonic schlug der 33-Jährige zehn Asse und auch die Punktquote von 78 Prozent über den ersten Aufschlag ist formidabel. Dennoch serviert der 17-fache Grand-Slam-Turniersieger derzeit nicht auf Zverevs Niveau.

  • Fazit: Vorteil Zverev

4.) Erfahrung

Der Punkt kann nur an Djokovic gehen. 17 Grand-Slam-Titel, acht Erfolge in Melbourne, 307 Wochen lang die Nummer eins der Welt. Der Serbe hat längst Tennisgeschichte geschrieben und hat alles schon einmal erlebt. Dagegen kann Zverev (noch) nicht anstinken. Allerdings: Die Selbstwahrnehmung des Deutschen hat sich verändert. "In der zweiten Woche zu stehen ist für mich gewohnter geworden, ich bin ruhiger."

Zverev steht zum fünften Mal in einem Major-Viertelfinale, hat mächtig dazugelernt. "Wir haben jetzt in Melbourne zum Beispiel auch das US-Open-Finale aus der vergangenen Saison noch einmal analysiert, um zu verstehen, warum ich verloren habe", berichtet der Blondschopf. Die Intention ist klar: Zverev will die ganz großen Matches nicht mehr nur spielen, er will sie gewinnen.

Kampf über drei Sätze: Zverev bringt Djokovic ins Wanken

Im direkten Vergleich führt Djokovic mit 5:2, auch die vergangenen vier Partien gingen allesamt an den 33-Jährigen. Wie eng beieinander die beiden Profis derzeit aber sind, zeigte sich beim ATP Cup vor zehn Tagen. Zverev verlangte dem Branchenprimus alles ab, musste sich am Ende aber mit 7:6 (7:3), 2:6, 5:7 geschlagen geben.

  • Fazit: Vorteil Djokovic

5.) Geisterkulisse

Es waren historische Szenen, die sich am Freitagabend im Melbourne Park abspielten. Um 23:30 Uhr Ortszeit mussten die Turnierveranstalter die Zuschauer während der Partie zwischen Djokovic und Taylor Fritz nach Hause schicken. Der Grund: Um Mitternacht begann ein fünftägiger Lockdown im Bundesstaat Victoria.

Historisch! Veranstalter schickt Fans während Djokovic-Match nach Hause

Für das Viertelfinale bedeutet dies: Zverev muss die Nummer eins der Welt vor leeren Rängen fordern. Ein Nachteil für den Deutschen, denn so viel ist klar: Aufgrund der schwierigen Beziehung zwischen dem australischen Publikum und Djokovic wäre das Gros der Fans hinter Zverev gestanden.

"Für Novak ist es besser, dass die Begegnung ohne Zuschauer stattfindet", glaubt Eurosport-Expertin Barbara Rittner, die 2001 das Achtelfinale in Melbourne erreichte. Djokovic sei allerdings häufig auch "zu unrecht ausgebuht" worden, so die 47-Jährige.

Buhrufe für Djokovic: Superstar provoziert Fans mit Jubel-Ausraster

Zverev betont unterdessen, dass es "schade und traurig" sei, ohne Fans auskommen zu müssen. "Diese Energie von den Rängen fehlt dann, du musst dich selbst mehr pushen."

Nach dem Zverev sich im vergangenen Jahr mit großzügigen Spenden für die Opfer der verheerenden Buschbrände in Australien eingesetzt hatte, ist sein Ansehen down under deutlich gestiegen. Die Geisterkulisse ist demzufolge eine schlechte Nachricht.

  • Fazit: Vorteil Djokovic

Gesamtfazit

Djokovic hat etwas bessere Karten und gewinnt den Power-Check bei Eurosport.de mit 3:2. Becker hat recht, wenn er ein Duell mit dem Serben zur "schwersten Aufgabe" erklärt, die Melbourne zu bieten hat. Trotzdem macht Deutschlands Tennis-Legende seinem potenziellen Nachfolger Mut. "Sascha wirkt aufgeräumt und erwachsen - und so spielt er inzwischen auch."

Der große Wurf könnte gelingen.

Mischa Zverev zum Djokovic-Duell: "Müssen damit rechnen, dass..."

Das Gelbe vom Ball - der Tennis-Podcast von Eurosport:

Den Tennis-Podcast gibt es bei Spotify, Apple Podcast oder der Plattform deines Vertrauens

Das könnte Dich auch interessieren: Dicke Überraschung! Thiem schon aus dem Rennen

Highlights | Zverev zeigt starkem Lajovic die Grenzen auf

Australian Open
Dicke Überraschung: Chancenloser Thiem scheitert an Dimitrov
14/02/2021 AM 07:07
ATP Rotterdam
Enttäuschung: So lief Zverevs erstes Match nach den Australian Open
VOR 10 STUNDEN