Die Causa Novak Djokovic hält die Welt in Atem und überstrahlt im Vorfeld der Australian Open die Berichterstattung. Das Thema hat die Grenzen des Sports längst verlassen und ist zum Politikum geworden.
Wäre man auf dem Tennis-Court, müsste es nun "Advantage Djokovic" heißen. Der Rekord-Grand-Slam-Champion erkämpfte sich die Einreise vor Gericht und hat bereits die ersten Trainingseinheiten auf der Turnieranlage im Melbourne Park absolviert.
Einwanderungsminister Alex Hawke prüft indessen, ob der Staat dem 34-Jährigen das Visum nicht ein zweites Mal entziehen kann.
Australian Open
Manipulierter PCR-Test? Experten stellen Unstimmigkeiten im Fall Djokovic fest
12/01/2022 AM 09:29
In der Angelegenheit sei "einiges schief gelaufen", sagt Boris Becker im Podcast Das Gelbe vom Ball mit Eurosport-Moderator Matthias Stach und Chef-Bundestrainerin Barbara Rittner. "Die Frage ist: Wer war der böse Bube? Die allgemeine Öffentlichkeit meint Novak Djokovic", so der Australian-Open-Sieger von 1991 und 1996.
  • Podcast Das Gelbe vom Ball - Becker analysiert den Fall Djokovic:
Djokovic in der Affäre die gesamte Schuld zuzuschieben, greife allerdings viel zu kurz und verkenne die Situation. Zum einen habe der Superstar bei der Einreise "die richtigen Dokumente" vorgelegt, zum anderen müsse man das ganze Bild betrachten.

Becker: "Harte Behandlung für Djokovic"

"26 Spielerinnen und Spieler aus dem Hauptfeld haben den Turnierdirektor und den Bundesstaat Victoria nach einer Sondererlaubnis gefragt. Von diesen 26 Profis haben fünf eine solche bekommen - unter anderem auch Novak", erinnert Becker. Nur fokussiere sich eben die gesamte Aufmerksamkeit auf die Nummer eins der Welt.

Becker im Fall Djokovic: "Man muss andere Meinungen zulassen"

Und mit der waren die Behörden nicht gerade zimperlich im Umgang. "Novak hat fünf Tage in einem Quarantäne-Hotel verbracht. Das sind bescheidene Hotels, aber wenn du Veganer bist, kein normales Wasser trinkst und auch kein normales Bett zu Hause hast, dann ist das besonders schlimm", urteilt Becker. Der Grundsatz, wonach alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, dürfe in keiner Weise aufgeweicht werden, dennoch stufe er die Maßnahmen bei Djokovic als "harte Behandlung" ein.
Rittner sieht einen Teil des Problems in der mangelnden Kommunikation von Djokovic begründet. "Ich finde an der ganzen Geschichte diese geringe Transparenz von Anfang an sehr schade", erklärt die 48-Jährige.

Rittner über Djokovic: "Warum keine offenen Karten?"

"Was mich von Novaks Seite ein bisschen stört: Warum keine offenen Karten? Es gibt so viele Tennisspielerinnen und Tennisspieler, die sich infiziert haben - und alle reden auch darüber. Aber bei Novak wurde so lange unter dem Teppich gehalten, dass er sich mit Corona am 16. Dezember infiziert hat." Hätte der neunfache Australian-Open-Champion diese Information geteilt, "hätte sich alles von selbst erklärt", glaubt Rittner. "So aber verwässert alles und das tut dem Tennis nicht gut."
Eine Kritik, die sich Djokovic auch schon von Turnierdirektor Craig Tiley anhören musste. "Es wäre sehr hilfreich, wenn Novak erklären würde, auf welcher Grundlage er die Ausnahmegenehmigung beantragt und erhalten hat", forderte dieser, als Djokovic noch im Flugzeug nach Australien saß.

Becker über Vater von Djokovic: "Über das Ziel hinausgeschossen"

Für Becker ein heikler Punkt. "Es ist eine persönliche Entscheidung, deine medizinische Akte zu veröffentlichen. Das muss jeder für sich entscheiden. Es darf nicht zum Gesetz werden, dass man fremden Menschen sagt: 'Ich hatte vor zwei Jahren das und vor drei Jahren das und letzte Woche das!' Es ist eine persönliche Entscheidung und noch ein bisschen Privatsphäre muss erlaubt sein", unterstreicht Deutschlands Tennis-Legende. Das sei "sein Recht und seine Entscheidung", auch wenn Djokovic als Weltranglistenerster eine "besondere Rolle und Vorbildfunktion" einnehme.

Becker: "Djokovic hat niemanden verletzt"

In der Impffrage etwa stimme er mit seinem ehemaligen Schützling - Becker coachte Djokovic von 2013 bis 2016 - nicht überein, aber: "Wir leben in einer Demokratie und man muss auch eine andere Meinung zulassen. Er ist gegen die Impfung und viele Millionen junger Menschen sind der gleichen Meinung."
Er selbst sei zwar "zweimal geimpft und geboostert", berichtet Becker, dem die häufige Dämonisierung von Impfgegnern aber missfällt. "Das sind keine Mörder, Betrüger oder schlechte Menschen". Wer sich wie Djokovic nicht impfen lasse, nehme ein "hohes Risiko auf sich". Das gelte es zu respektieren, solange keine anderen Menschen verletzt werden. "Und noch hat Djokovic niemanden verletzt", sagt Becker.
Ob der Titelverteidiger ab 17. Januar (live im TV bei Eurosport) tatsächlich um seinen zehnten Titel beim ersten Grand-Slam-Event der Saison kämpfen darf, wird sich in den kommenden Tagen endgültig entscheiden. Djokovics Vorbereitung auf das Turnier hätte nicht schlechter und komplizierter sein können. Ein Nachteil, aber kein Grund, den Serbe nicht auf dem Favoritenzettel zu haben. "Mit Novak muss man immer rechnen. Er hat eines tief verankert: Jetzt erst recht!"

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