Gleich fünfmal tippte Novak Djokovic auf das kleine "o" im Alphabet. "Idemooooo 22" schrieb der Superstar auf Instagram.
Der Ausdruck lässt sich mit "auf gehts" aus dem Serbischen übersetzen. Die Message ist klar: Djokovic ist erleichtert, dass es klappt mit der Teilnahme an den Australian Open. Monatelang rätselte die Szene, ob der Rekord-Grand-Slam-Champion in Melbourne um seinen zehnten Titel kämpfen wird oder nicht.
Djokovic hatte stets darauf verwiesen, dass sein Impfstatus niemanden etwas angehe. "Zu viele Leute nehmen sich die Freiheit, um Dinge zu fragen und Personen dafür zu verurteilen", hatte der Branchenprimus schon vor Monaten gegenüber der serbischen Zeitung "Blic" klargestellt. Das Thema Impfen sei "Privatsache".
Australian Open
"Frustriert, enttäuscht, angewidert": Wütende Reaktionen auf Djokovic
05/01/2022 AM 10:31
Womit er recht hat. Nur ist der Impfstatus ausschlaggebend dafür, ob Australien die Einreise und den Start beim ersten Grand-Slam-Event des Jahres genehmigt. Einzig mit einer medizinischen Ausnahmegenehmigung dürfen ungeimpfte Profis im Melbourne Park aufschlagen.
Genau dies ist bei Djokovic der Fall.
Allerdings wirft die Angelegenheit Fragen auf, die Eurosport.de hier beantwortet:

1. Wie wird eine Ausnahmegenehmigung erteilt?

Der australische Verband Tennis Australia, der das Turnier ausrichtet, erläuterte den Prozess in einem Statement. "In einem unabhängigen Prozess werden Anträge auf eine medizinische Ausnahmegenehmigung von einem Gremium von Ärzten aus den Bereichen Immunologie, Infektionskrankheiten und Allgemeinmedizin geprüft", heißt es da.
Anträge, die den Bestimmungen der Australian Technical Advisory Group on Immunisation (ATAGI) entsprechen, werden daraufhin einer zweiten Kommission vorgelegt. Diese wird von der Regierung eingesetzt.
Um die Privatsphäre zu schützen und eine unvoreingenommene Bewertung zu gewährleisten, werden Daten, die einen Rückschluss auf die Person zulassen, nicht weitergegeben. "Der unabhängige Ablauf über mehrere Schritte wurde gewählt, um die Sicherheit aller bei den Australian Open sicherzustellen", ist der Erklärung der Australian Open zu entnehmen.

2. Wie ist der Fall Djokovic gelagert?

Für Tennis Australia ist die Sache klar. "Djokovic hat eine medizinische Ausnahmegenehmigung beantragt, die nach einem strengen Überprüfungsverfahren mit zwei separaten unabhängigen medizinischen Expertengremien gewährt wurde", teilte der Australian-Open-Veranstalter mit. In den Entscheidungsprozess sei das vom Gesundheitsamt des Bundesstaates Victoria eingesetzte Independent Medical Exemption Review Panel (unabhängiges Gremium zur Überprüfung medizinischer Ausnahmegenehmigungen) eingebunden gewesen.
"Novak Djokovic wird an den Australian Open teilnehmen und ist auf dem Weg nach Australien", teilte Tennis Australia weiter mit. Der Superstar selbst postete vor dem Abflug auf Instagram ein Foto. "Nach einer tollen Zeit mit meiner Familie während der Pause reise ich heute mit einer Ausnahmegenehmigung nach Down Under", schrieb der Serbe.

3. Wird es Details zu den Gründen bei Djokovic geben?

Djokovic soll die Hintergründe für seine medizinische Ausnahmegenehmigung offenlegen, die ihm seinen Einsatz in Melbourne ermöglichen. Das fordert Turnierdirektor Craig Tiley. "Es wäre sehr hilfreich, wenn Novak erklären würde, auf welcher Grundlage er die Ausnahmegenehmigung beantragt und erhalten hat", sagte Tiley.
Man habe in der Gesellschaft aufgrund der Pandemie zwei schwierige Jahre hinter sich, "für ein paar Antworten wären wir dankbar", so Tiley. Bleibt freilich abzuwarten, ob Djokovic von seiner bisherigen Linie abweicht und der Bitte des Turnierdirektors nachkommt.
Australiens Premierminister schaltete sich ebenfalls in die Debatte ein. "Wir erwarten seine Unterlagen und welche Nachweise er uns dafür vorlegt", so Scott Morrison, "wenn diese unzureichend sind, wird er nicht anders als jeder andere behandelt und nimmt den nächsten Flieger nach Hause. Es sollte keine Sonderregelungen für Novak Djokovic geben. Überhaupt keine."

4. Ist Djokovic der Einzige mit Ausnahmegenehmigung?

Nein. Turnierdirektor Craig Tiley bestätigte vor wenigen Tagen, dass "eine Handvoll" ungeimpfter Profis bereits eine medizinische Ausnahmegenehmigung erhalten haben. Namen nannte er nicht. "Es liegt an den Athletinnen und Athleten selbst, ob sie diese Informationen offenlegen möchten", erläuterte Tiley.
Von den rund 3000 Personen, die zum Tross der Australian Open gehörten, hätten 26 Personen eine Sondergenehmigung für die Einreise beantragt. Nur wenigen Anträgen sei stattgegeben worden. "Jeder Person, die die Vorgaben erfüllt hat, wurde die Einreise genehmigt. Niemand wurde besonders begünstigt, es gab keine Sonderbehandlung für Novak", sagte Tiley.
Der 60-Jährige betonte, dass man den Sportlerinnen und Sportlern besonders strenge Auflagen gemacht habe. Bei den Tennisprofis sei man "viel strenger als bei jedem anderen, der nach Australien kommt und eine medizinische Ausnahme beantragt".

Djokovic weist Pressefrage zurück: "Ich weiß, was sie wollen"

Die Aussage ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass James Merlino - stellvertretender Ministerpräsident des Bundesstaates Victoria - angekündigt hatte, dass medizinische Ausnahmen "kein Schlupfloch für privilegierte Tennisspieler" sein dürfen.

5. Wie reagiert die Tennis-Szene?

Jamie Murray, Australian-Open-Sieger von 2016 im Doppel, äußerte sich als einer der ersten Kollegen - und machte aus seiner Skepsis keinen Hehl. "Ich denke, wenn ich nicht geimpft wäre würde ich keine Ausnahmegenehmigung bekommen", so der 35-Jährige auf einer Pressekonferenz des derzeit in Sydney stattfindenden ATP Cups. "Aber gut für ihn, dass er es hinbekommen hat, nach Australien zu reisen und teilnehmen zu dürfen."
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Murrays Teamkollege Liam Borady ergänzte, dass man "am Ende des Tages nur hoffen" könne, "dass er einen validen Grund hat, die medizinische Ausnahmegenehmigung zu bekommen". Lokalmatador Alex de Minaur hingegen reagierte nur sehr knapp auf die Djokovic-Teilnahme: "Ich finde es einfach sehr interessant. Das ist alles, was ich dazu sage."
Der australische Ex-Profi Sam Groth schrieb in einer Kolumne für die "Herald Sun" von "kranker Heuchelei". Djokovics Teilnahme sei "eine Beleidigung für jeden Australier, der wegen COVID durch die Hölle gegangen ist". Groth bezeichnete die Ausnahmegenehmigung als "eine Entscheidung, die jedem Bürger Victorias und Australiens ins Gesicht spuckt".

6. Was bedeutet die Djokovic-Teilnahme sportlich?

Die Teilnahme des Belgraders könnte sporthistorische Auswirkungen haben. Djokovic ist mit neun Titeln Rekordsieger des Wettbewerbs und würde mit einem weiteren Erfolg seinen 21. Grand-Slam-Triumph feiern. Er läge dann vor Roger Federer und Rafael Nadal (beide 20) und hätte die Debatte um den größten Spieler der Geschichte wohl für sich entschieden - zumal er trotz seiner 34 Jahre der Jüngste aus dem Trio ist.

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Konkret auf das Turnier 2022 bezogen, bedeutet die Teilnahme des Weltranglistenersten eine massive Aufwertung des Events. Zusammen mit Alexander Zverev geht Djokovic als Topfavorit an den Start. US-Open-Champion Daniil Medvedev offenbarte beim ATP Cup Schwächen, Stefanos Tsitsipas ist aufgrund seiner Ellbogenprobleme nicht bei 100 Prozent, Rafael Nadal infizierte sich vier Wochen vor Beginn mit dem Coronavirus und muss sich nach der Quarantäne wieder herantasten. Federer und Dominic Thiem reisen erst gar nicht an.
Selbst Nick Kyrgios, nicht gerade als Freund der sogenannten Big 3 bekannt, sprach von einem "absoluten Desaster für die Fans", sollte keiner der drei Legenden antreten. Keine Frage, sportlich betrachtet ist Djokovics Teilnahme goldwert für die Australian Open. Wie die Fans im Melbourne Park aber auf den Branchenprimus reagieren, steht auf einem ganz anderen Blatt.
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