Wie ernst die Lage im französischen Corona-Hotspot wieder ist, wird auf den Pariser Straßen mehr als deutlich. Bars und Cafés müssen für zwei Wochen schließen, seit Sonntagabend gilt die höchste Warnstufe an der Seine.
Umso verwunderlicher für viele, dass Alexander Zverev wenige Stunden zuvor trotz Husten, Halsschmerzen und Atemproblemen bei den French Open auf dem Court stand - beziehungsweise stehen durfte.
So rückte Zverevs Achtelfinal-Aus gegen den Italiener Jannik Sinner am Montag schon fast in den Hintergrund, stattdessen standen der Umgang mit der Pandemie und die Sicherheitsmaßnahmen in Roland-Garros im Fokus.
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"Ich bin komplett krank, ich kann kaum atmen", hatte Zverev schließlich am Sonntagnachmittag hinter seiner Maske berichtet, immer wieder hustend. Zuvor habe er 38 Grad Fieber gehabt, erzählte er. An eine Corona-Infektion glaube er allerdings nicht, da weder Geschmacks- noch Geruchssinn beeinträchtigt seien. Außerdem werde man "hier ja regelmäßig getestet".

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Alexander Zverev negativ getestet

Am Montag bestätigte sich Zverevs Verdacht: Er wurde erneut negativ auf das Coronavirus getestet, hat sich also mutmaßlich "nur" einen handelsüblichen Infekt eingefangen.
"Ich habe das Ergebnis heute bekommen: Ich bin negativ. Ich habe kein Corona", sagte Zverev exklusiv zu Eurosport. Er habe sich erkältet und sei "ein bisschen krank". Aber das hieße "nicht sofort, dass man Corona hat".
"Wir haben seit zwei Wochen bei acht Grad und Nieselregen gespielt. Es ist normal, dass der Körper ermüdet ist. Ich habe auch keine wirkliche Pause nach New York gehabt", sagte der Deutsche. Seine Temperatur habe am Samstagabend auch nicht 38 Grad, sondern nur 37,6 Grad betragen - was kein Fieber ist.

Zverev exklusiv im Interview: "Ich habe kein Corona"

Zverev holte Medikamente vom Turnierarzt

Am Montagmorgen (MESZ) hatte ein Bericht der "New York Times" die Frage aufgeworfen, ob Zverev überhaupt gegen Sinner hätte antreten dürfen - oder ob er sogar wissentlich gegen Turnierregeln verstoßen habe.
In einem Handbuch an die Profis, aus dem die "New York Times" zitierte, heißt es nämlich angeblich: Stellt ein Spieler Symptome wie Fieber oder Atemwegsbeschwerden fest, müsse er dies den Turnierärzten melden und werde in einem speziellen Raum getestet. Bis zum Ergebnis dieses Tests müsse sich der Spieler isolieren. Wie die Veranstalter aber mitteilten, habe Zverev vor dem Match das medizinische Personal nicht konsultiert.
Zverev widersprach dem gegenüber Eurosport. "Es bestand keine Pflicht anzugeben, ob man krank ist oder nicht", beteuerte der 23-Jährige.
Zverev versicherte zudem, er habe sich vom Turnierarzt im Vorfeld über seinen Physiotherapeuten Hugo Gravil ein Medikament gegen eine Erkältung geben lassen. Seine Beschwerden seien schon nach dem Drittrunden-Sieg gegen den Italiener Marco Cecchinato am Freitag aufgetreten. "Das Turnier wusste es", sagte Zverev am Montag.
Medikamente lasse er sich per se "lieber vom Turnierarzt" geben, um garantiert nicht gegen Anti-Doping-Regeln zu verstoßen.

Zverev in Paris immer negativ getestet

Zverevs letzter Test vor Montag, so teilte es am Sonntag die FFT (Fédération Française de Tennis) mit, sei am vergangenen Dienstag erfolgt - und damit völlig im Einklang mit den Regularien, die Tests nur alle fünf Tage vorschreiben. All seine bisherigen Corona-Tests seien negativ gewesen, hatte auch Zverev am Sonntag beteuert und einen weiteren Test trotz des Ausscheidens angekündigt.
Der Fall warf trotzdem die Frage auf, ob diese Vorgaben ausreichend sind. Und warum ein Spieler mit grippeähnlichen Symptomen, bei denen derzeit jede seriöse Gesundheitsbehörde vom Umgang mit anderen Menschen dringend abrät, dennoch auf dem Platz stehen durfte.
Zverev war sich dabei keiner Schuld bewusst, weil er sich nach eigener Aussage an alle ihm bekannten Regeln gehalten habe.

Unterschiede zwischen New York und Paris

Im Hotel habe ganz normaler Touristenbetrieb geherrscht, auch in den umliegenden Zimmern. Im Aufzug, auf dem Gang und im Speisesaal sei man ganz normal auch anderen Gästen begegnet. Der Unterschied: "Wir durften halt nicht raus aus dem Hotel", sagte der 23-Jährige. Das sei allerdings "nicht so extrem kontrolliert" worden. "Ich kenne Spieler, die sind auch mal abends essen gegangen", sagte Zverev.
Im Vergleich zu den US Open sei in Paris vieles anders gewesen. Auch, was die Coronatests betraf. "Man hat uns gesagt, dass wir alle vier, fünf Tage testen müssen", sagte Zverev. Er habe aber keine konkreten Ansage dazu erhalten und sei auch nicht automatisch über die Testergebnisse informiert worden. Das wäre angeblich nur bei positiver Testung passiert. So hätten Gravil und Zverevs Vater Alexander senior zwei Tage auf dem Hotelzimmer auf ein Testergebnis gewartet.
"Das ganze System war ein bisschen fragwürdig. Und ich bin nicht der einzige, der das so sagt", so Zverev, der aber auch nicht zu schlecht über die Veranstalter reden wollte: "Ich habe gesagt, dass es wunderschön ist, dass das Turnier stattfindet und dass sie es versuchen. Aber man kann es mit New York nicht vergleichen." Dort habe man sich zu jeder Zeit sicher gefühlt, in Paris jedoch nicht. "Wir waren nicht in einer Bubble."

Zverev wollte nicht lügen

Dass er mit seinen Aussagen auf der Pressekonferenzen eine Debatte ausgelöst habe, habe er so nicht gewollt. "Ich habe nie gesagt, dass ich mich so schlecht fühle, dass ich mich nicht bewegen kann", meinte Zverev: "Ich habe gesagt, dass ich krank bin. Das darf ich doch wohl noch sagen, oder nicht?"
Nach den Strapazen des letzten Monats werde er sich nun "ein paar Tage Pause" nehmen. Er sei "physisch müde jetzt, aber mir geht's gut. Ich bin auf dem Weg der Besserung." Ab kommenden Montag wolle er dann aber wie geplant beim ATP-Turnier in Köln antreten.
Fürs kommende Jahr präsentierte sich der Weltranglistensiebte einen Tag nach dem Aus von Paris schon wieder angriffslustig. Mit dem Finaleinzug bei den US Open hat Zverev offenbar Blut geleckt. "Das war ein positives Jahr für mich. Ich freue mich, wie es läuft und bin gespannt auf das nächste Grand-Slam-Jahr", sagte der Deutsche, "weil ich das Gefühl habe, dass es interessant werden könnte für mich und meine Fans."

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