Rafael Nadal hat seine Prinzipien, weshalb die wahre Größe seiner Leistungen in Roland-Garros erst offenkundig wurde, nachdem der letzte Ball über den Court Philippe-Chatrier geflogen war.
Der Champion stand in lockerer Runde mit den Eurosport-Experten Barbara Schett, Mats Wilander und Tim Henman zusammen. Dann rückte Nadal mit der fast nicht zu glaubenden Information heraus. Er habe "ohne Gefühl im Fuß" gespielt, berichtete der 36-Jährige. Der Arzt habe ihm "eine Spitze in den Nerv gesetzt".
Nur so habe sich der Schmerz abschalten lassen. Eine andere Möglichkeit, das Finale zu spielen, habe es nicht gegeben. "Ich wollte während des Turniers nicht darüber sprechen, aus Respekt vor den Rivalen", erläuterte Nadal auf der Pressekonferenz. Ein Prinzip, dem er fast immer folgt.
French Open
König auf Sand! Nadal gewinnt zum 14. Mal die French Open
05/06/2022 UM 15:33
Was sich in den vergangenen zwei Wochen in Roland-Garros abspielte, ist eine typische Nadal-Geschichte.

Nadal exklusiv: "Ich hatte kein Gefühl im Fuß. Nur so konnte ich spielen"

Er hat wenig Aufhebens um seine körperliche Verfassung gemacht. Er hat geglänzt, gefightet, begeistert, gewonnen. Und er hat den mehrere Jahre alten Satz des einstigen US-Open-Champions Juan Martín del Potro bestätigt: "Rafa ist der größte Kämpfer in unserem Sport."

McEnroe über Nadal: "Wird nie, nie wieder vorkommen"

Was noch zu ergänzen wäre: Er hat mit dem 14. Titel in Paris auch die größte Leistung der Sportgeschichte vollbracht.
2005 gewann er den Sandplatzklassiker gleich beim Debüt. Inzwischen hat er 13 Erfolge bei ein und demselben Grand-Slam-Wettbewerb nachgelegt - und eine sagenhafte Matchbilanz von 112:3 auf dem Konto. "Es wird in unserem Sport nie, nie wieder vorkommen, dass ein Profi so viele Wettbewerbe gewinnt", stellte Tennis-Legende John McEnroe im Exklusiv-Interview mit Eurosport klar.
Zugegeben, es wären abendfüllende Debatten, ob Nadals 14 Turniersiege höher zu bewerten sind als etwa die 23 Olympia-Goldmedaillen des Schwimmers Michael Phelps oder die 114 Weltcupsiege der norwegischen Skilangläuferin Marit Björgen. Und was ist mit den Ausnahmeleistungen von Wundersprinter Usain Bolt oder den WM-Kämpfen von Muhammad Ali? Für jede und jeden aus dieser Reihe ließen sich im Hinblick auf die größte Leistung der Sporthistorie gute Argumente finden.

Was Nadal von Phelps, Björgen und Co. unterscheidet

Was Nadal von allen anderen abhebt: Er hat seine epochalen Erfolge eingefahren, während mit Roger Federer und Novak Djokovic gleich zwei Rivalen aktiv sind, die für viele Fans noch immer als größte Tennisspieler der Geschichte gelten.
Nimmt man die Gesamtzahl der Grand-Slam-Titel als Maßstab, hat Nadal mit 22 die Nase vorne gegenüber dem Schweizer und dem Serben, die beide bei 20 stehen.

Da ist es! Nadal macht 14. French-Open-Titel klar - der Matchball

Noch unglaublicher als die Rekordzahl selbst ist die Menge an Verletzungen, die Nadal auf dem Weg dahin begleiteten. Kaum ein Körperteil, das zeitweise nicht schwer lädiert war.
Die Diagnose Müller-Weiß-Syndrom bekam er bereits im Jahr 2005 nach einer Untersuchung des linken Fußes. Bei der Erkrankung, für die es noch keine echte Therapie gibt, stirbt das Knochengewebe des Kahnbeins am Fußskelett ab.
Nadal lernte, damit zu leben und zu siegen. Ebenso wie mit den vielen anderen Problemen, die meist dazukamen. "Stressfraktur des linken Rippenbogens", lautete die Diagnose Ende März beim ATP Masters in Indian Wells. Rund sechs Wochen lang musste der Superstar pausieren.

Djokovic staunt über Nadal: "Nicht das erste Mal, dass ..."

Nach dem Comeback meldeten sich erneut die Fußschmerzen. Nadal biss auf die Zähne, hakte die schwachen Ergebnisse in Madrid und Rom ab - und gewann die French Open. Hatten zuvor Wunderkind Carlos Alcaraz, Titelverteidiger Novak Djokovic oder Monte-Carlo-Sieger Stefanos Tsitsipas als Favoriten gegolten, so hielt am Ende doch wieder der Mann aus Manacor die Trophäe in Händen.

"Fast bei den Zuschauern": Nadal-Break aus unmöglicher Lage

Es sei "nicht das erste Mal, dass Rafael in der Lage ist, 100 Prozent zu geben, ein paar Tage, nachdem er verletzt war und kaum mehr laufen konnte", staunte Djokovic, als er im Viertelfinale dieser French Open am Phänomen Nadal gescheitert war.
Der unbändige Willen, die Spritzen, die Qualen. Für all das muss und musste Nadal einen hohen Preis bezahlen. Das ist dem Champion natürlich klar, weshalb die French Open 2022 eine Zäsur bedeuten sollen. "Ich kann und will so nicht mehr weitermachen", machte Nadal in Paris deutlich. Schon beim nächsten Major-Event in Wimbledon werde er nur antreten, wenn es ohne Injektionen gehe.

Mischa Zverev schwärmt von Nadal: "Als ob es ein Trainingsmatch war"

Tennis habe immer hohe Priorität gehabt, sei aber nie wichtiger gewesen, als glücklich zu sein im Leben. Ein Satz, der wie eine Phrase daherkommt, aber nicht so klingt, wenn ihn Nadal sagt. Es gehe ihm auch heute "nicht um Rekorde oder darum, der Beste der Geschichte" zu sein.
Die "Passion fürs Spiel" treibe ihn an - und es gibt wohl keinen besseren Treibstoff, um die größte Leistung der Sportgeschichte zu vollbringen.
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