Die Gesellschaft beschäftigt sich gerne mit großen Gedanken-Experimenten. Die Frage, wie die Welt ohne Menschen aussähe, ist eines der prominentesten Beispiele dafür.
Im Tennis sind solche Was-wäre-wenn-Überlegungen nicht minder beliebt, auch wenn es nicht gleich um die ganze Menschheit geht. Im Prinzip dreht es sich häufig nur um drei Personen und die Frage: Wie würde der Tennis-Zirkus ohne Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic aussehen?
Je älter die drei Superstars werden, desto häufiger flammt die Diskussion auf. Einen Vorgeschmack, wie es auf der Tour ohne die Big 3 zugehen kann, bekam die Szene in den vergangenen zwei Jahren immer wieder.
ATP Madrid
Nur ein Betriebsunfall? Warum Zverev weiter mit Problemen rechnet
03/05/2021 AM 15:47
Aufgrund der Corona-Pandemie und diverser Verletzungen beziehungsweise Operationen hat es inzwischen vielmehr Seltenheitswert, wenn Federer, Nadal und Djokovic gemeinsam bei einem Turnier aufschlagen.

Das Federer-Beispiel: Bartoli trifft wunden Punkt

Die ehemalige Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli hat das vor Kurzem in Podcast "Match Points" anhand eines Beispiels konkretisiert. "Die TV-Quote beim ATP Masters von Miami zwischen Jannik Sinner und Hubert Hurkacz lag 72 Prozent niedriger als bei der vorangegangenen Auflage 2019, als Roger Federer und John Isner im Endspiel standen", rechnete die Französin vor. "Das spricht für sich."

Finale von Miami 2019: John Isner und Roger Federer

Fotocredit: Getty Images

Sie glaube, dass selbst in Miami die wenigsten Menschen in der Lage wären, den aktuellen Turniersieger zu benennen. "Dazu muss man schon ein echter Tennis-Fanatiker sein, aber deren Anteil ist nicht sehr groß."
Bartoli spricht damit den wunden Punkt an. Vielmehr noch als den Verlust der sportlichen Klasse fürchtet die Tennis-Szene den seiner bekanntesten Gesichter - und damit einhergehend weniger medial Aufmerksamkeit.

Forderung an ATP: Profil der Nachfolger schärfen

Um gegenzusteuern, müssten nun in erster Linie zwei Partien aktiv werden: die ATP und die Management-Agenturen der Spieler. "Deren Rolle besteht nun darin, den neuen Spielern ein scharfes Profi zu geben, sodass die Menschen anfangen, sich für sie zu interessieren."
Es sei von elementarer Bedeutung, damit schon jetzt zu beginnen, auch wenn die ganz großen Erfolge noch nicht da sind. "Wenn Roger, Rafa und Novak dann irgendwann tatsächlich nicht mehr spielen, hat die nächste Generation schon einen hohen Bekanntheitsgrad."
Wie groß die Unterschiede in der Popularität noch sind, zeigt ein Blick in die sozialen Netzwerke.

58 Grand-Slam-Titel: Federer, Nadal und Djokovic räumen ab

Allein Federer hat mit 18 Millionen Followern mehr als 18 Mal so viele Abonnenten wie Dominic Thiem, Daniil Medvedev, Stefanos Tsitsipas und Alexander Zverev zusammen. Das Quartett bringt es derzeit auf etwa 930.000, Nadal steht bei 14 Millionen, Djokovic bei zehn Millionen.

"Das ist eine Legende!" Nadal und Federer lachen über Anekdoten

Die eklatanten Differenzen machen überdeutlich, was dem Tennis-Sport an Aufmerksamkeit wegbrechen könnte, sobald das Trio nicht mehr dabei ist.
Die ATP steht vor der Herausforderung, sich auf die Zeit nach einer Ära vorzubereiten, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat. 58 Grand-Slam-Titel haben Federer, Nadal und Djokovic bislang gesammelt - und das, obwohl sie den größten Teil ihrer Karrieren gemeinsam auf der Tour unterwegs waren.

Big 3 holen 85 Prozent aller Major-Kronen

Seit dem ersten Major-Triumph von Federer 2003 in Wimbledon haben die drei Ausnahmespieler während einer Zeitspanne von etwa 18 Jahren rund 85 Prozent aller Grand-Slam-Events für sich entschieden. Eine sagenhafte Quote, die die weltumspannende Popularität erklärt.
Es wäre vermessen und unfair, diese Messlatte nun an die Nachfolger anzulegen. Zverev, Tsitsipas und Co. sind überdies bedeutend jünger und haben noch genug Zeit, auf allen Ebenen aufzuholen und hineinzuwachsen in die Rolle der Botschafter ihrer Sportart. Es wäre nur extrem hilfreich, wenn sie unter Beweis stellen, dass sie auch in Zeiten von Federer, Nadal und Djokovic in der Lage sind, Grand-Slam-Wettbewerbe zu gewinnen.

Highlights | Neunter Titel: Djokovic lässt Medvedev keine Chance

Das gelang aus diesem Kreis bislang einzig Thiem, der im Endspiel der US Open 2020 Zverev schlug. Als "Beweis" taugt das aber nur bedingt. Federer und Nadal verzichteten damals auf die Teilnahme, Djokovic wurde nach dem berühmten Abschuss einer Linienrichterin im Achtelfinale disqualifiziert.

Becker: "Leicht, sich hinter Roger, Rafa und Novak zu verstecken"

Eurosport-Experte Boris Becker richtet daher klare sportliche Forderungen an die neue Generation. "Es ist leicht, sich hinter Roger, Rafa und Novak zu verstecken, weil sie so gut sind, dass dich keiner kritisiert, wenn du gegen einen aus dem Trio verlierst. Es wird Zeit, dass den Jungen jemand sagt, dass sie beginnen müssen, Grand-Slam-Turniere zu gewinnen. Gut genug sind sie, aber es hängt alles von der richtigen Einstellung ab", betonte der sechsfache Grand-Slam-Champion.
Er vermisse bei den Herausforderern der Big 3 "ein wenig den Mut", so Becker. "Wir sollten, im richtigen Maße, kritisch sein und sie aufwecken. Du willst doch sehen, wie die jüngeren Profis die Superstars schlagen, solange die noch gutes Tennis spielen." Die Uhr tickt, denn allzu lange werden Federer, Nadal und Djokovic nicht mehr spielen.
Wie die Tennis-Welt danach aussieht, hängt von Zverev, Thiem, Tsitsipas und Co. ab.
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