Der Urschrei nach dem Matchball war vermutlich bis nach Manhattan zu hören: Nach einem Stotterstart, vielen Fehlern und einer kämpferischen Glanzleistung hat Alexander Zverev zum ersten Mal in seiner Karriere das Halbfinale der US Open erreicht.

US Open
Überraschung in New York: Siegemund im Doppel-Finale der US Open
08/09/2020 AM 19:12

Deutschlands Topspieler, an Nummer fünf gesetzt, rang den Kroaten Borna Coric nach einer mehr als dreistündigen Energieleistung nieder.

Highlights | Nervenstark im Tiebreak: Zverev ringt Coric nieder

Zverev ist damit der erste Deutsche seit Boris Becker 1995, der bei den US Open in New York im Halbfinale steht - Becker verlor damals in vier Sätzen gegen Andre Agassi.

Alexander Zverev kommt gegen Borna Coric zurück

Zverev lag in einem nicht immer hochklassigen Viertelfinale gegen Borna Coric schon 1:6, 2:4 zurück, ehe er das Ruder herumriss:

Glücklicherweise bin ich rechtzeitig aufgewacht.

"Ich habe mir selber gesagt: Du bist 1:6, 2:4 hinten - jetzt hast du nichts mehr zu verlieren", sagte Zverev in seinem Siegerinterview auf dem Court des Arthur Ashe Stadiums: "Danach habe ich einfach ein bisschen aggressiver gespielt, weil ich gemerkt habe, dass die Art und Weise, wie ich spiele, nicht für ein Viertelfinale eines Grand Slams reicht. Ich musste besser spielen und ich wurde konstanter, mein Aufschlag wurde besser."

Zverev im Siegerinterview: "Du bist 1:6, 2:4 hinten - jetzt ..."

Zverev glückte mit zwei sehenswerten Winnern das Break zum 4:4. Er habe nicht sein "bestes Tennis gespielt, aber ich bin einem Grand-Slam-Halbfinale. Das kann ja nur positiv sein. Manchmal muss man einfach einen Weg finden und sich durchbeißen", sagte Zverev im Interview mit Eurosport.

Ums Netz herum: Magischer Zverev mit zwei Winnern zum Rebreak

Zverev verliert Satz eins nach 24 Minuten

Zverev war überraschend verhalten und viel zu passiv ins vierte Grand-Slam-Viertelfinale seiner Karriere gestartet. Coric, Nummer 27 der Setzliste, spielte genau das Tennis, das Zverev nicht mag: Er zwang seinen Gegner in lange Ballwechsel und nahm immer wieder clever das Tempo aus dem Spiel.

Zverev reagierte wie von Coric erhofft. Der 23-Jährige machte Fehler über Fehler, zudem wirkte er seltsam emotionslos und ließ sich weit hinter die Grundlinie zurückfallen. "Je länger der Ballwechsel, umso schlechter für Sascha", stellte Eurosport-Experte Boris Becker fest und monierte Zverevs "viel zu passive Spielweise".

Und noch eins passte nicht in Zverevs Spiel: Der Aufschlag, vor allem der erste, in den letzten Spielen ein sicherer Erfolgsgarant, ließ den Hamburger weitgehend im Stich. Mit drei Doppelfehlern im vierten Spiel des ersten Satzes kassierte Zverev das erste Break zum 1:3, nach 24 Minuten war der erste Satz mit 6:1 bei Coric.

1:6! Zverev geht im ersten Satz unter

"Ich habe Fehler ohne Ende gemacht, war passiv", analysierte er hinterher. "Es war nicht viel Positives dabei. Ich musste einen Weg finden, den zweiten Satz zu gewinnen, sonst wäre es ein langer Weg zurück gewesen."

Zverev hadert mit Fehlentscheidungen

Im fünften Spiel des zweiten Durchgangs zeigte Zverev dann auch erstmals Emotionen. Er legte sich mit Stuhlschiedsrichterin Eva Asderaki an, weil diese ihm angeblich einen korrekten Punktgewinn nicht zugesprochen hatte.

"Wie zur Hölle?" Zverev nach falscher Schiri-Entscheidung sauer

Wenig später regte sich Zverev darüber auf, dass Coric in einem Satz zweimal den Platz verließ, um seine durchgeschwitzten Sachen zu wechseln. "Das kannst du doch hier machen", rief er Coric zu. Dessen Antwort: "Ich musste auch die Hose wechseln." Becker gab Zverev recht: "Ich würde durchdrehen."

"Wo sind wir denn hier?" Pausen von Coric bringen Becker in Rage

Zverev meinte später: "Ich fand das ein bisschen komisch. Du kannst doch nicht alle zwei Spiele den Platz verlassen. Als ich in der zweiten Runde meine Schuhe durchgeschwitzt habe, durfte ich auch nicht gehen."

Im Tiebreak des zweiten Satzes behielt Zverev trotz 3:4-Rückstand die Nerven und holte sich den Durchgang - 7:5.

Bruder Mischa, aus Monte Carlo zugeschaltet, beschwerte sich via Eurosport: "Sascha! Wenn ich heute Nacht Bauchschmerzen habe, ist es deine Schuld, ich musste vor lauter Aufregung die ganze Geburtstagstorte von meinem Kleinen essen."

"Sehr gut passiert": Zverev packt die Fackel aus

Zverev gewinnt an Selbstvertrauen

"Das war so wichtig", sagte Becker, blieb aber bei seiner Kritik: "Er spielt immer noch zu passiv, vor allem auf den zweiten Aufschlag von Coric muss er mehr draufgehen."

Zverev sagte später, dass er mit besser werdendem Aufschlag auch "an Selbstbewusstsein gewonnen" habe. "Ich glaube mein erster Aufschlag lag prozentual relativ weit oben. Ich habe mich sehr wohl gefühlt, das hat alles ganz gut funktioniert. Somit konnte ich mich auch beim zweiten Aufschlag mehr trauen. Es ist aufgegangen", so der Hamburger.

In der Tat wurde Zverev mit fortschreitender Spieldauer immer besser und ließ sich nicht mehr allzu sehr aus der Ruhe bringen.

"Ich habe mir überhaupt keine Sorgen gemacht", erzählte er hinterher im Eurosport-Interview: "Wenn ich verliere, flieg ich halt nach Hause und dann nach Rom. Dann verliere ich halt ein Tennismatch. Es war aber ganz klar, dass ich anfangen musste, besser zu spielen, mehr stabiler."

"Kämpferherz": Becker begeistert von Zverevs Einsatz

Zverev verwandelt dritten Matchball

Zwar wackelte Zverev auch im dritten Satz hier und da, aber er fiel nicht. Bei 5:6 und 15:30 entschied Zverev einen der wichtigsten Ballwechsel des ganzen Spiels für sich. "Das war ein extrem wichtiger Punkt", sagte Zverev, "aber dafür war ich sechs Monate im Gym und auf der Laufbahn, um meine Geschwindigkeit und meine Kondition zu verbessern. In diesen Momenten zahlen sich sechs Monate harte Arbeit aus."

Eine Stunde dauerte der dritte Satz, es ging erneut in den Tiebreak, aber dieses Mal machte es Zverev mit dem 7:1 zur 2:1-Satzführung deutlich weniger spannend.

Wieder im Tiebreak: Zverev holt sich Satz drei

Im vierten Durchgang sah sich Zverev wieder mehr in der Defensive, im fünften Spiel musste er zwei Breakbälle abwehren, holte sich dann aber seinerseits das entscheidende Break zum 5:3.

Nach 3:24 Minuten verwandelte der Deutsche dann seinen seinen dritten Matchball und steht damit wie bei den Australian Open zu Jahresbeginn im Halbfinale.

Millimeterarbeit vor dem Matchball: Die entscheidenden Zverev-Punkte

Zverev vs. Thiem - Revanche im Finale?

In Melbourne war er an Dominic Thiem 6:3, 4:6, 6:7 (3:7), 6:7 (4:7) gescheitert. Der an Zwei gesetzte Österreicher ist auch in New York nach der Disqualifikation von Novak Djokovic (Serbien/Nr. 1) der Top-Favorit - beide können sich aber erst im Finale begegnen.

"Das ist ein großer Meilenstein für mich, aber das soll es noch nicht gewesen sein", sagte Zverev zum Erreichen der Runde der letzten Vier: "Es ist toll, im Halbfinale zu stehen. Ich hoffe, dass ich so weiter spielen kann." Becker lobte auch Zverevs Reife im Interview: "Das war sehr trocken, sehr erwachsen."

Zverev feixt im Interview: "Irgendwie muss man ja durchkommen"

Schon einen Schritt weiter als Zverev ist Laura Siegemund (Metzingen). Die 32-Jährige erreichte zusammen mit der Russin Vera Svonareva als erste Deutsche seit Claudia Kohde-Kilsch 1985 bei den US Open das Finale im Damendoppel. Das ungesetzte Duo schlug die ebenfalls ungesetzten Russinnen Anna Blinkova und Veronika Kudermetova (Russland) 5:7, 6:3, 7:5.

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(mit SID)

Unfassbare Szene! Dieser Aussetzer kostet Djokovic die US Open

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