US Open: Djokovic schießt Linienrichterin ab und wird disqualifiziert
Novak Djokovic ist nach einer beispiellosen Aktion von den US Open 2020 disqualifiziert worden. Der Weltranglistenerste schoss nach einem verlorenen Spiel zum 5:6 im ersten Satz des Achtelfinals gegen Pablo Carreño Busta (Spanien) unüberlegt den Ball in Richtung Bande - und traf dabei eine Linienrichterin im Gesicht, die daraufhin zu Boden ging und kurz behandelt werden musste.
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Die Linienrichterin rang nach dem Treffer nach Luft, Novak Djokovic war sichtlich erschrocken und eilte zu Hilfe. Der Weltranglistenerste entschuldigte sich auch sofort bei der getroffenen Linienrichterin. Es entwickelten sich minutenlange Diskussionen zwischen Djokovic, Stuhlschiedsrichterin Aurelie Tourte und weiteren Offiziellen. Djokovic sagte mehrfach: "Ich akzeptiere jede Entscheidung."
Schließlich traf der Oberschiedsrichter Soeren Friemel die Entscheidung, Djokovic zu disqualifizieren. Damit ist der Turnierfavorit, der vor Sonntag 2020 noch kein Spiel verloren hatte, raus - und die US Open werden einen neuen Grand-Slam-Sieger erleben.
Djokovic verließ die Anlage nach dem Eklat kommentarlos, der Serbe erschien auch nicht zur Pressekonferenz.
Kurz darauf veröffentlichte der Veranstalter USTA folgendes Statement: "In Abstimmung mit dem Grand-Slam-Regelbuch hat der US-Open-Turnierschiedsrichter Novak Djokovic von den US Open 2020 ausgeschlossen, nachdem dieser bewusst einen Ball in gefährlicher oder rücksichtsloser Manier auf dem Platz geschlagen hat oder einen Ball unter fahrlässiger Missachtung der Konsequenzen geschlagen hat. Da er disqualifiziert wurde, wird Djokovic alle seine Ranglistenpunkte, die er während der US Open erhalten hat, verlieren und wird zusätzlich zu den Geldstrafen im Zusammenhang mit dem Verstoß sein Preisgeld als Strafe zurückzahlen müssen."
Djokovic meldete sich erst später via den Sozialen Medien zu Wort:
In Bezug auf die Disqualifikation müsse er nun in sich "gehen und versuchen, mit meiner Enttäuschung fertig zu werden. Es soll mir eine Lehre sein, an der ich wachsen kann als Spieler wie als Mensch. Ich entschuldige mich bei den US Open und allen Beteiligten für mein Verhalten. Ich bin meinem Team und meiner Familie sehr dankbar, dass sie mir Halt geben und meinen Fans dafür, dass sie immer für ich da sind. Danke und es tut mir so leid."
Novak Djokovic verliert die Nerven
"Das ist natürlich unglaublich bitter", sagte Djokovics ehemaliger Trainer, Boris Becker, bei Eurosport: "Er ist für einen großen Fehler disqualifiziert worden. Die Entscheidung ist korrekt. Das ist möglicherweise der schwerste Moment seiner gesamten Karriere."
Bei Djokovic hatte sich zuvor schon Frust aufgebaut. Nur Minuten zuvor hatte der 33-Jährige einen Ball nach einem vergebenen Satzball (bei 5:4) quer über den Platz gepfeffert. Carreño Busta hatte diesen mit einem frechen Stopp abgewehrt. "Das ist ja Majestätsbeleidigung, eigentlich. Das sieht Novak auch so und fängt da schon an, die Nerven zu verlieren", sagte Becker.
"Es war komplett verrückt: Novak führte 5:4 und 40-0", schilderte die ehemalige Weltranglistenerste Justine Henin bei Eurosport ihre Sicht der Dinge. "Carreno wehrt den ersten Satzball ab, in dem der Ball die Linie touchiert. Als er auch den zweiten abwehrt, lacht Djokovic schon sarkastisch. Nach dem dritten haut er den Ball durch die Gegend und ist noch frustrierter. Es hat sich in diesen zwei Spielen alles hochgeschaukelt, einfach verrückt."
Kurz darauf kam es dann zum Eklat mit der abgeschossenen Linienrichterin. "Sie hatte wirklich Probleme mit dem Atmen", stellte Becker fest. "Ich dachte, sie hat die Zunge verschluckt. Novak ist natürlich sofort mit anderen hin und wollte sofort helfen. Das war natürlich keine Absicht. Aber er hätte den Ball dort nicht hinschlagen müssen."
Boris Becker emotional berührt
Beckers Urteil ist deswegen klar:
Becker weiter:
Der Moment, in dem Djokovic den Platz habe verlassen müssen, sei "vielleicht der härteste Moment seiner Karriere. Frustrierender geht es nicht: Er war in der Form seines Lebens, dieses Jahr noch unbesiegt. Er war auf dem Weg, seinen 18. Grand-Slam-Titel zu holen - doch nun wird das nichts, er fährt nach Hause."
Carreño Busta und Zverev schockiert
Auch Gegner Carreño Busta reagierte schockiert. "Er wollte das bestimmt nicht. Im Grunde kann man sagen, dass es einfach ein großes Unglück war", sagte der Spanier, der im Viertelfinale nun auf den Kanadier Denis Shapovalov trifft: "Ich fand die Situation merkwürdig, weil so lange diskutiert wurde. Ich wusste nicht, ob es weitergeht. Ich war verschwitzt und mir wurde dann auch kalt. Ich wollte nur, dass eine Entscheidung getroffen wird."
Die Szene selbst habe er gar nicht mitbekommen. "Ich habe es nicht mal gesehen. Als ich mich umdrehte, sah ich die Linienrichterin mit der Hand am Hals am Boden. Ich war sehr besorgt. Ich wollte einfach wissen, was los ist. Es war ein Schock für mich. Ich hab nur gehofft, dass nichts Schlimmes passiert ist", so der Spanier: "So habe ich das nicht erwartet. So etwas passiert normalerweise nicht."
Alexander Zverev, der zuvor das Viertelfinale erreicht hatte, sagte: "Es ist wirklich unglücklich, dass er die Linienrichterin so getroffen hat. Dafür gibt es Regeln. Die Supervisor machen nur ihren Job. Aber es ist wirklich Pech für ihn. Wenn er den Ball nur einige Zentimeter woanders hingeschlagen hätte, wäre alles gut gewesen."
Wilander und Corretja schockiert
Der ehemalige Weltklasse-Spieler und Eurosport-Experte Mats Wilander sagte: "So etwas kann man nicht machen. Mehr Pech kannst du auf dem Tennisplatz aber auch nicht haben. Unterm Strich hat er den Ball aber auch nicht einfach zum Balljungen zurückgerollt. Er hat ihn härter getroffen als er es wollte, offensichtlich war das ein komplettes Versehen. Aber auch ein Zeichen der Frustration. Ein bisschen zumindest. Es ist aber egal - so etwas darf man einfach nicht machen. Das bedeutet automatisch die Disqualifikation."
Alex Corretja, ebenfalls Eurosport-Experte, sagte: "Ich bin versteinert wie viele andere auch. Unglaublich, wie ein Zentimeter nicht nur das Match entscheiden kann, sondern auch die Geschichte und die Zukunft dieses Sports. Novak hat sichtlich seinen Fokus verloren, nachdem er einige wichtige Punkte verloren hat. Er hat den Ball schon zur Seite geschlagen, was auch gefährlich gewesen wäre, wenn dort Leute gesessen wären. Er hatte seine Emotionen nicht unter Kontrolle. Man musste ihn dafür disqualifizieren. Es gab keine andere Wahl."
Corretja weiter:
Henin sagte: "Das ist ein Schock für die Tennis-Welt. Das will man nicht sehen. Natürlich war es keine Absicht, sondern Pech. Dennoch ist es eine gute Entscheidung. Es gab keine andere Möglichkeit. Da gibt es keine zwei Meinungen. In der Sekunde, in der er die Linienrichterin traf, wussten wir alle, dass es für ihn vorbei ist. Ich kann mir gar nicht ausmalen, was jetzt in seinem Kopf vorgehen muss."
Laut Becker werde Djokovic aber daraus lernen. "Er ist ein Sportsmann, er hat einen starken Charakter und er wird zurückkommen. Das ist ein dunkler Moment für ihn. Andere wittern nun ihre Chance - es wird einen neuen US-Open-Sieger geben."
Das Gelbe vom Ball - der Tennis-Podcast von Eurosport:
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(mit SID)
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