Boris Becker im Interview: "Zverev ist unser Sorgenkind"

Boris Becker spricht im Interview mit Eurosport.de vor Start der US Open am Montag über die erneuten Aufschlagprobleme von Alexander Zverev, das große Fragezeichen namens Angelique Kerber und die Formschwankungen von Dominic Thiem. Zudem verteidigt der Eurosport-Experte seinen ehemaligen Schützling Novak Djokovic und kritisiert die Top-Spielerinnen, die nicht nach New York gereist sind.

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Das Interview führte Florian Bogner
Herr Becker, ATP und WTA haben den Spielbetrieb in New York am Donnerstag aus Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA komplett ausgesetzt. Wie beurteilen Sie diesen Schritt?
Boris Becker: Man kann Menschen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe umbringen. Punkt. Das ist größer als der Sport. Ich habe es am Mittwochabend verfolgt, wie es in den USA mit dem Basketball anfing, und andere Sportarten dann nachzogen, unter anderem Tennis - was ich absolut richtig finde. Was dort in Sachen Polizeibrutalität gegenüber schwarzen Menschen passiert, ist nicht zu akzeptieren.
Naomi Osaka hatte zuvor angedroht, nicht mehr zum Halbfinale anzutreten.
Becker: Ich finde es bewundernswert, dass sie über den Tellerrand hinausschaut und sieht, was in Amerika vor sich geht. Sie hat damit ein starkes Symbol gesetzt und ich gratuliere ihr zu dieser Entscheidung. Ich hoffe jedoch, dass es jetzt trotzdem weitergeht. Wir hatten ein sehr schwieriges Jahr im Tennissport mit dem Virus. Wir müssen zur Normalität zurückfinden. Das Leben muss weitergehen.
Funktionäre behaupten gerne: Der Sport ist nicht politisch und darf es auch nicht sein. Stimmt das?
Becker: Es ist ein schmaler Grat. Wir sind vor allem Sportler. Aber gerade, weil wir eine prominente Position haben und uns viele Menschen zuhören, muss man auch mal über den sportlichen Tellerrand hinausschauen und sich zu Dingen äußern, die die Welt bewegen - so wie es Naomi Osaka nun erneut getan hat. Das spricht für sich. Auf der anderen Seite sollten wir uns nicht in politische Diskussionen einmischen. Wir haben eine Meinung. Wir geben ein Statement ab. Aber dann müssen wir zurückkehren zu unserem Job. Das ist unsere Aufgabe. Ich würde dann doch eher davon abraten, sich vor einen politischen Karren spannen zu lassen.
Die US Open 2020 sind aufgrund der langen Spielpause scheinbar "offen" wie nie. Gibt es überhaupt einen Favoriten im Herrenfeld?
Becker: Da muss man schon Novak Djokovic nennen, der dieses Jahr noch kein offizielles Match verloren hat und auch beim Cincinnati-Turnier auf einem guten Weg ist, es zu gewinnen. Auf der anderen Seite ist das auch eine neue Situation für ihn. Er spielt normalerweise besser vor Zuschauern.
Weil Ihr ehemaliger Schützling dadurch erst den Extra-Push bekommt?
Becker: Exakt. Von den Zuschauern bekommt er Energie zurück. Das treibt ihn an, sein bestes Tennis zu zeigen. Wer mal auf Arthur Ashe (Center Court der US Open, Anm. d. Red.) ohne Zuschauer war, kommt sich schnell verloren vor. Das ist der größte Tennisplatz der Welt - ohne Zuschauer ist es dort fast ungemütlich. Da muss sich auch Novak erst zurechtfinden. Diese abnormale Situation ist vielleicht die Chance für die anderen. Deswegen sehe ich Djokovic nicht als ganz klaren Favoriten.
Nach der ganzen Kritik, die auf ihn die vergangenen Wochen hereingeprasselt ist - welchen Eindruck macht Ihr ehemaliger Schützling auf Sie?
Becker: Wie Serena muss ich auch ihm gratulieren, dass er sich nicht versteckt, seine Rolle als Weltranglistenerster ernst nimmt und sich der Herausforderung stellt. Meines Erachtens wurde er zu Unrecht heftig kritisiert für seine Adria Tour, bei der er sich ja auch den Virus eingefangen hat. Er hat sich danach für 14 Tage in Quarantäne zurückgezogen und zurückgearbeitet. Es ist ein alter Spruch, aber die Wahrheit liegt auf dem Platz - das sieht man jetzt wieder beim Cincinnati-Turnier. Wir sind froh, dass wir ihn haben und dass er seine Rolle als Klassenbester sehr ernst nimmt.
"Zu Unrecht kritisiert" beziehen Sie auf was?
Becker: Er hat mit der Adria Tour ein Format gefunden, in dem acht Tennisspieler ihrem Beruf nachgehen konnten und die Erlöse kamen einem guten Zweck zu. Die Spieler haben dort nicht um Preisgeld gespielt, die wollten Matchpraxis. Und er hat einen Rahmen gefunden, in dem das möglich war - nach den damals geltenden Coronaregeln in Serbien. Was falsch war, war sicherlich die Spielerparty und das Tanzen ohne Shirts, als die räumliche Distanz nicht gewahrt wurde. Die Spieler haben dafür die Rechnung bezahlt, einige waren positiv. Sich danach aber wochenlang darüber aufzuregen, ist völlig Fehl am Platze, denn der Ursprungsgedanke war gut. Man muss da auch mal die Kirche im Dorf lassen.
Becker: Das sehe ich anders. Thiem hat das Finale der Australian Open gut gespielt und hätte es auch gewinnen können - aber hat es eben nicht gemacht. Dominic hat noch kein Grand Slam gewonnen, Novak schon 17. Da ist schon noch ein Unterschied.
Thiem hat außerdem sein Auftaktmatch beim Cincinnati-Masters 2:6, 1:6 gegen Filip Krajinovic verloren. Spielt so ein Favorit?
Becker: Gegen Krajinovic war er wirklich nicht gut und wusste hinterher gar nicht mal so recht warum. Dass die Nummer drei der Welt 2:6, 1:6 verliert, ist kein gutes Zeichen und spricht nicht für seine Form. In den Exhibitions den Sommer über hat Dominic ohne Frage gut gespielt. Aber richtige Matches sind immer etwas anderes. Und Matchfitness bekommst du nur im Turnier.
Wen haben Sie für die US Open noch auf der Liste?
Becker: Ich sehe, dass sich Tsitsipas wohlfühlt. Auch Raonic kam gut rein. Struff war im Viertelfinale, was mich aus deutscher Sicht sehr freut. Die aktuelle Form ist schon auch entscheidend. Man kann Tennis in einer Woche nicht verlernen, aber man kann sicher sagen, dass die, die das Cincinnati-Turnier für sich als Erfolg verbuchen konnten, positiv in die US Open gehen. Das ist schon ein Vorteil.
Was ist mit Alexander Zverev, der beim Masters früh scheiterte und nun bei den US Open in Runde eins auf den nicht zu unterschätzenden Kevin Anderson trifft?
Becker: Er ist unser Sorgenkind. Die Kontrolle über seinen Aufschlag ist momentan seine große Schwäche, die er in den Griff bekommen muss. Er hat gegen Murray (beim Cincinnati-Masters, Anm. d. Red.) nicht gut gespielt und dennoch die Chance gehabt, das Match zu gewinnen, als er im dritten Satz bei 5:4 zum Matchgewinn aufgeschlagen hat. Doch dann kamen seine Doppelfehler wieder. Das hat mit dem Aufschlag nichts zu tun, das ist nervlich zu begründen. Er muss daran arbeiten, dass er seine mentale Stärke wiederbekommt. Das geht leider nur über Matches und Turniere.
Zverev hat in New York weder seinen Vater noch David Ferrer an der Seite. Wie hinderlich ist diese Distanz zu seinen Trainern?
Becker: Ganz allein ist er nicht, er hat zwei Vertrauenspersonen an seiner Seite, mit denen er eng zusammenarbeitet. Mit seinen Coaches kann er telefonieren oder per FaceTime kommunizieren. Ich sehe hier für Sascha aber auch die Chance, erwachsen zu werden. Auf dem Platz bist du allein. Da kann dir auch der beste Coach wenig helfen. Vielleicht wächst er an dieser neuen Situation.
"Neue Situation" heißt: Strikte Coronabeschränkungen, alle in einem Hotel, weniger Staff, keine Zuschauer. Die Konsequenz daraus fürs Turnier?
Becker: Es bedarf eines starken Charakters, um bei diesen US Open erfolgreich zu sein. Wir werden sicher Ergebnisse erleben, die wir so nicht erwartet haben.
Weil?
Becker: Weil der positive Einfluss der Zuschauer wegfällt - man hat nur den nackten Sport und den Gegenüber. Man braucht eine starke Persönlichkeit, wenn man bei zwei Sätzen Rückstand immer noch an den Sieg glauben und kämpfen will. Das ist leichter, wenn einen die Zuschauer unterstützen.
Was darf man sich von Ex-US-Open-Siegerin Angelique Kerber erwarten, die den Sommer über gar nicht gespielt hat?
Becker: Erstmal: Schön, dass sie da ist. Die Erwartungshaltung ist nicht hoch. Ich sehe es positiv, dass sie fit und mutig genug ist, diesen Trip zu machen und sich der Herausforderung zu stellen. Auch dass sie zu ihrem alten Trainer Torben Beltz zurückgefunden hat, ist toll. Die zwei haben Wunderbares zusammen erreicht (zwei Grand-Slam-Siege, Anm. d. Red.). Das alte Dream Team ist wieder vereint, das finde ich schön.
Was halten Sie sonst von der Damen-Konkurrenz?
Becker: Ich bin etwas enttäuscht darüber, dass sechs Spielerinnen aus den Top Ten nicht spielen. Das ist nicht gut für den Sport. Ich bin der Meinung, dass der Tennissport größer ist als jede Spielerin oder jeder Spieler und wir dankbar sein müssen, dass wir diese Plattform haben. Auch wenn die Bedingungen jetzt nicht optimal sind. Zu sagen, man fühle sich nicht sicher, ist für mich eine schwache Erklärung. Da schauen die Spielerinnen zu sehr auf sich selbst und nicht auf das Gesamtprodukt Tennis, von dem sie viel profitieren. Die Lage ist, soweit man das in diesen Zeiten sagen kann, sicher. Sonst würde das Turnier nicht stattfinden.
Serena Williams hat gemeldet. Wo sehen Sie sie im Starterfeld?
Becker: Auch hier: großartig, dass sie spielt. Sie stellt sich der Herausforderung, ist der sogenannte "Leader of the Pack", das Tennis-Rolemodel bei den Damen - meinen größten Respekt dafür. Sie nimmt ihre Verantwortung wahr. Ja, ihre Form war noch nicht top. Aber sie hat gespielt. Und jedes Match macht sie besser. Abgerechnet wird zum Schluss.
Sie selbst werden wie gewohnt für Eurosport von den US Open berichten - allerdings nicht aus New York.
Becker: Wir werden aus München berichten. Das ist ungewohnt - aber es ist möglich, die Matches aus dem Studio zu kommentieren. Ich bin einfach froh, dass es wieder los geht. Wir alle haben diesen Sport sehr vermisst. Ich freue mich, meine Kollegen wiederzusehen und einfach das tun zu können, was ich am liebsten mache: über Tennis sprechen.
Wie verändert sich das TV-Erlebnis durch die fehlenden Zuschauer vor Ort?
Becker: Man schaut Tennis wegen des Sports, nicht wegen der Zuschauer im Stadion. Das Mitfiebern vor dem Fernseher ändert sich dadurch ja nicht - man kann sich immer noch an tollen Schlägen erfreuen oder über einen Doppelfehler aufregen. Die Tennis-Fans haben außerdem seit sechs Monate kein offizielles Tennisturnier mehr gesehen. Es ist einfach schön, dass das Turnier stattfindet und viele Top-Spieler dabei sind. Wir können wieder unseren Lieblingssport verfolgen - das sind für mich Argumente genug, nächste Woche einzuschalten.
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