Novak Djokovic küsste den Rasen von Wimbledon. Er ging in die Knie, nickte ein paar Mal und jubelte in Richtung seiner Box, wo sein Trainer Goran Ivanisevic die Faust ballte.
20 Jahre nachdem der Kroate in Wimbledon seinen größten Karrieresieg feierte, jubelte nun sein Schützling über einen weiteren Grand-Slam-Titel. Im Endspiel an der Londoner Church Road setzte sich der Serbe 6:7 (4:7), 6:4, 6:4, 6:3 gegen den Italiener Matteo Berrettini durch.
Es war sein sechster Titel in Wimbledon, sein dritter in Folge. "Die vergangenen zehn Jahre waren eine unglaubliche Reise, die hier nicht aufhört. Ein siebenjähriger Junge in Serbien hat einst mit improvisierten Materialien eine Wimbledon-Trophäe gebaut. Und jetzt steht er hier mit seinem sechsten Titel", meinte Djokovic im Siegerinterview auf dem Centre Court.
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Die Bedeutung dieses Triumphes war der Nummer eins der Welt sowohl anzusehen als auch an seiner Stimme anzuhören. "In Wimbledon zu gewinnen, war immer ein Traum als Kind für mich. Hier zu gewinnen ist nie selbstverständlich, es ist etwas ganz Besonderes", so Djokovic weiter.

Grand-Slam-Titel: Djokovic zieht mit Federer und Nadal gleich

Doch Djokovic schaffte an diesem Sonntag noch viel mehr. Er zog mit seinem insgesamt 20.Grand-Slam-Titel mit seinen Dauerrivalen und den bisherigen Rekordhaltern Roger Federer und Rafael Nadal gleich.
"Sie sind Legenden unseres Sports. Sie sind der Grund, warum ich überhaupt an diesem Punkt bin. Am Anfang meiner Karriere habe ich so häufig gegen sie verloren", huldigte der 34-Jährige nach dem Finale dem Schweizer und dem Spanier.
Federer gratulierte dem "Djoker" unmittelbar nach seinem Triumph auf Twitter. "Ich bin stolz, in dieser speziellen Ära von Tennis-Champions spielen zu können. Eine wundervolle Leistung", schrieb der "Maestro" an den Serben gerichtet.
Wenig später zog auch Nadal nach: "Herzlichen Glückwunsch Novak Djokovic zu dieser erstaunlichen Leistung. 20 Grand-Slam-Titel sind riesig und es ist erstaunlich, dass wir drei Spieler damit gleichauf sind. Gut gemacht und nochmals Glückwunsch an dich und dein Team dafür!"
Die Reaktionen zeigen, dass sich die drei Champions sehr respektieren, auch wenn sie nicht immer einer Meinung sind.

Novak Djokovic nimmt den "Golden Slam" ins Visier

Auch der unterlegene Berrettini sprach die Dominanz seines Gegners an: "Novak war der bessere Spieler und hat verdient gewonnen. Deshalb hat er nun auch Geschichte geschrieben und ist einer der größten Spieler der Tennis-Historie."
In der Tat bastelt Djokovic weiter an seiner Legende. Der 34-Jährige nimmt nach seinem Wimbledon-Sieg jetzt ein noch größeres Ziel ins Visier. Nach seinen Titeln bei den Australian Open in Melbourne, den French Open in Paris sowie nun in London auf dem heiligen Rasen hat "Nole" die Chance, ein weiteres Kapitel Tennis-Geschichte zu schreiben.
Mit einem Sieg im September in New York bei den US Open könnte er der erst zweite Spieler nach dem Australier Rod Laver (1969) werden, der den Grand Slam bei den Herren holt. Gewinnt er auch in Tokio bei den Olympischen Spielen kann er sich sogar als erster Mann den "Golden Slam" sichern. Das gelang zuvor nur Steffi Graf (1988) bei den Damen.
Djokovic nahm noch auf dem Court die perfekte Saison ins Visier. "Ich glaube, dass ich es schaffen kann, den Grand Slam zu holen. Ich werde es definitiv probieren, denn ich bin in großartiger Form. Mein Fokus zu diesem Zeitpunkt in meiner Karriere liegt darauf, um Grand-Slam-Titel zu spielen", erklärte die Nummer eins der Welt.
Die Chance war nie größer. Und das nicht, weil Nadal seine Teilnahme in Tokio bereits abgesagt hat und Federer diese nach seinem Viertelfinal-Aus an der Church Road offenließ.

Novak Djokovic feiert mit dem Sieger-Pokal in Wimbledon

Fotocredit: Getty Images

Novak Djokovic sieht sich selbst als besten Spieler

Djokovic ist derzeit mit Abstand der beste Spieler der Welt – und das auf allen Belägen. Auf Hardcourt ist er das schon seit Jahren, das zeigt unter anderem sein Rekord von neun Siegen in Melbourne. Auf Rasen schaffte er den Hattrick in Wimbledon und auch auf Sand feierte er in diesem Jahr nicht nur seinen zweiten Titel in Roland Garros, sondern auch seinen zweiten Sieg gegen Sandplatz-König Nadal.
Doch Djokovic ist noch lange nicht satt. Mit 34 Jahren ist er im Vergleich zu Federer (39) und Nadal (35) nicht nur der Jüngste, sondern in den vergangenen Jahren der mit Abstand Erfolgreichste. Federer wartet seit 2018 auf einen Grand-Slam-Titel, ob er nach seiner langen Verletzungspause noch einmal zu alter Stärke findet, ist fraglich. Auch Nadal hat bis auf die US Open 2019 in den vergangenen Jahren nur in Paris überzeugt.
Das weiß Djokovic. "Ich denke, ich bin der Beste und glaube daran – sonst würde ich keine Rekorde brechen", meinte der Serbe auf der Pressekonferenz nach dem Wimbledon-Finale angesprochen auf die GOAT-Frage, die Frage nach dem größten Tennis-Spieler aller Zeiten.
Mit Triumphen in Tokio und in New York kann Djokovic nicht nur erstmals die Führung in der ewigen Liste der Grand-Slam-Rekordhalter übernehmen, sondern sich mit dem Golden Slam ein Denkmal in den Geschichtsbüchern setzen. Und damit die GOAT-Debatte deutlich in seine Richtung lenken.
"Für mich ist Novak der Größte aller Zeiten, er wird der Beste sein. Darüber muss ich nicht einmal debattieren", meinte auch Trainer Ivanisevic.
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Novak Djokovic in der GOAT-Frage bei den Fans im Hintertreffen

Doch auch wenn Djokovic es schaffen sollte, Federer und Nadal zu übertrumpfen, bleibt er bei den Fans in der Frage nach dem größten Spieler aller Zeiten im Hintertreffen.
"Novak kam zu einer Party, welche die Roger- und Rafa-Party war – und er wurde zum Spielverderber", sagte Boris Becker einst gegenüber der "BBC" und machte damit deutlich, warum der Serbe in den Augen vieler Fans nicht die gleichen Sympathiepunkte wie seine beiden Rivalen besitzt.
Immer wieder halt es Buhrufe der Fans, wenn Djokovic erfolgreich ist. Das liegt wohl auch an seinen emotionalen Ausrastern, Diskussionen mit den Schiedsrichtern und daran, dass er auch gerne mal einen Schläger zerhackt. Lediglich die Herzen der serbischen Anhänger fliegen ihm reihenweise zu.
Objektiv betrachtet sind seine Leistungen aber bislang auf einer Ebene mit seinen zwei Dauerrivalen. Und an seiner eigenen Tennis-Geschichte kann er in Tokio weiterschreiben - wenn er denn überhaupt antritt.

Novak Djokovic küsst den Siegerpokal in Wimbledon

Fotocredit: Getty Images

Tokio 2020: Rekordbesessener Djokovic kann sich Denkmal setzen

Denn Djokovic selbst stellte in London nach seinem 20. Titelgewinn seine Teilnahme in Tokio in Frage. "Es war immer mein Plan, zu den Olympischen Spielen zu fahren. Aber im Moment bin ich ein bisschen zwiegespalten. Nach dem, was ich in den vergangenen paar Tagen gehört habe, ist es eine 50:50-Entscheidung."
Der Serbe kritisierte die angekündigten Restriktionen für die Spieler während des Turniers. So dürfen unter anderem keine Familienmitglieder mit nach Japan reisen. "Das war eine sehr enttäuschende Nachricht. Zuvor war ich Feuer und Flamme", erklärte Djokovic.
Doch es ist kaum denkbar, dass er sich diese historische Chance auf dem Weg zum möglichen Golden Slam entgehen lässt. Denn schließlich würde er in Tokio nach den Absagen vieler Top-Stars als haushoher Favorit an den Start gehen.
Zudem wäre er bei den nächsten Olympische Spielen 2024 in Paris bereits 37 Jahre alt. Ob er seine jetzige Superform bis dahin halten kann und verletzungsfrei bleibt, ist fraglich. Es ist womöglich schon seine letzte Chance auf olympisches Gold. Nadal hat dieses Gold bereits 2008 in Peking gewonnen sowie in Rio 2016 im Doppel. Federer sicherte sich 2008 im Doppel Gold und holte 2012 in London Silber im Einzel.
Djokovic wird das bei seinen Überlegungen im Hinterkopf haben. Federer und Nadal werden den Golden Slam nicht mehr gewinnen. Der Serbe hat 2021 die einmalige Möglichkeit, die GOAT-Frage endgültig zu beantworten.
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