Wimbledon: Alexander Zverev macht mentale Probleme öffentlich und gewährt mutige Einblicke - warum seine Worte so wichtig sind
Update 02/07/2025 um 17:59 GMT+2 Uhr
Nach dem überraschenden Erstrunden-Aus beim prestigeträchtigen Wimbledon-Turnier hat Alexander Zverev eine Pressekonferenz abgehalten, die in Erinnerung bleiben wird. Auf eine Frage nach mentalen Problemen seit Australien öffnete sich Deutschlands bester Tennisspieler unerwartet und ausführlich. Die Aussagen boten Beobachtern und Fans einen seltenen Einblick in das Innenleben des Spitzensportlers.
Alexander Zverev gewährte nach dem Erstrunden-Aus tiefe Einblicke in sein Seelenleben
Fotocredit: Getty Images
Alexander Zverev hat schon einmal eine denkwürdige Pressekonferenz abgehalten im All England Lawn Tennis and Croquet Club zu Wimbledon.
2019 war das. Nach seiner Auftaktniederlage gegen den Tschechen Jiri Vesely hielt er abwechselnd seinen Kopf mit beiden Armen gestützt oder vergrub die Hände im Gesicht, sagte mit Verzweiflung in der Stimme: "Ein Mensch, von dem ich dachte, er sei mein Freund, mit dem ich über Jahre zusammengearbeitet habe, tut alles, um mir zu schaden. Sie können sich nicht vorstellen, was gerade passiert. Was da los ist, ist abartig. Ich bin sehr wütend darüber."
Die Reporter fragten nach. Der damals 22-Jährige redete sich in Rage. Sieben Jahre liegen diese Presserunde und Aussagen über Patricio Apey und den anschließend noch länger andauernden Rechtsstreit mit seinem Ex-Manager zurück.
Sie wirken, angesichts der vielen Ereignisse und Nebenkriegsschauplätze in der Karriere von Zverev, wie ein Kapitel aus einem anderen Tennisleben. Deutschlands bester Tennisspieler hat viel erlebt in mehr als zehn Jahren Profikarriere.
Klar: überdurchschnittlich viele Erfolge- und Glücksmomente wie 24 ATP-Turniersiege, olympisches Gold, der Gewinn der ATP-Finals. Zverev war sogar Sportler des Jahres. Der 28-Jährige hat allerdings auch Schattenseiten in seiner Laufbahn, die für drei, vier Karrieren nicht ausreichen.
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Alexander Zverev gesteht mentale Probleme
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Zverev trägt eine große Bürde
Es folgt eine nicht vollständige Auflistung: die monatelang andauernde Schlammschlacht mit dem Ex-Manager, mehrere unschöne öffentliche Trennungen von Trainern, öffentliche Kritik an seinen Verfehlungen während Corona, große Medienberichte über mutmaßliche Vorwürfe häuslicher Gewalt, die jahrelang öffentlich schwelten, zu einem ATP-Verfahren führten, bevor sie Zverev juristisch in einem Gerichtsverfahren einvernehmlich mit der Gegenpartei ohne Urteil beilegen konnte.
Zverev sieht seine vierjährige Tochter ob des Tourlebens und der Trennung von der Mutter nicht regelmäßig. Hinzu kommen rein sportlich: eine karrieregefährdende Bänderverletzung kurz vor einem Grand-Slam-Sieg und mehrere zum Teil bittere Niederlagen in Finals und Halbfinals, die eine öffentliche Debatte auslösten. Wird Zverev der beste Tennisspieler, der niemals ein Grand-Slam-Turnier gewinnen wird?
Die Quantität und Intensität dieser Dinge, die Zverev als Person des öffentlichen Lebens losgelöst von Recht und Unrecht nicht nur privat, sondern immer medial aushalten und verarbeiten musste, stellten und stellen für einen einzelnen Menschen eine große Bürde dar.
Zverevs Pressekonferenz wird in Erinnerung bleiben
Teile dieser Bürde schien der 28-Jährige am Dienstagabend nach seiner knappen Erstrundenniederlage gegen den groß aufspielenden Franzosen Arthur Rinderknech öffentlich teilen zu wollen. Es wurde eine knapp zwölfminütige Presserunde über mentale Probleme außerhalb der Tennisplätze dieser Welt, die in Erinnerung bleiben wird.
Viele vergessen, dass Zverev Probleme mit seiner mentalen Gesundheit bereits um die French Open 2024 vor einem Jahr angedeutet hat. Damals überlagerte ein Rechtstreit die öffentliche Wahrnehmung.
Am Mittwoch nun, 14 Monate später, wollte ein Reporter wissen, was sich anders anfühlte im Vergleich zum Finale der Australian Open, ob es eher physische oder mentale Komponenten betreffe.
Es ist nicht überliefert, ob Zverev mit dem festen Bewusstsein das Medienpult betrat, über seine Problematiken zu sprechen. Fakt ist: Diese recht offen gestellte Frage mündete in eine monothematische Pressekonferenz, in denen Zverev offen wie nie mentale Probleme im Alltag offenlegte.
Zverev: "Fühle mich ziemlich allein im Leben"
Zverev beantwortete die englische Frage: "Es ist mehr mental. Seit den Australian Open versuche ich Wege zu finden, um irgendwie aus diesem Loch herauszukommen. Aber ich falle immer wieder hinein. Ich fühle mich im Moment im Allgemeinen ziemlich allein im Leben. Und das ist kein schönes Gefühl."
Die Reporter gingen ihrer Arbeit nach und hakten nach und Zverev machte das, was er in der Vergangenheit schon öfters getan hat. Er ließ seine Gedanken und Worte frei in die Öffentlichkeit.
Am Dienstag tat er das bei einer Thematik, die viele betrifft. Jeder Mensch läuft Gefahr, sich mit mentalen Problemen, mit psychischen Beschwerden auseinandersetzen zu müssen. Depressionen als nächste Stufe gelten als Volkskrankheit.
Erklärung: Depression als Krankheit und Burnout
Die "Deutsche Depressionshilfe" schreibt auf ihrer Homepage: "Eine Depression im medizinischen Sinne ist etwas anderes als eine vorübergehende Phase der Niedergeschlagenheit und Unlust oder ein Stimmungstief, das bei fast jedem Menschen im Laufe des Lebens ein- oder mehrmals auftritt. Aus medizinischer Sicht ist die Depression eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen tiefgehend beeinflusst, mit Störungen von Hirn- und anderen Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leiden verursacht."
Die Erkrankung Depression als Stoffwechsel-Krankheit unterscheide sich von Mensch zu Mensch, sie habe "viele Gesichter". Als eine der häufigsten Formen nennt die Depressionshilfe die unipolare Depression mit "einer oder wiederkehrenden depressiven Episoden (sogenannte rezidivierende Depression) und dysthymische Störung".
Zverev beschrieb seine Gefühlslage
Wichtig: Zverev benutzte am Dienstag nicht das Wort Depression. Er beschrieb vielmehr eine Gefühlslage, die länger anhalten zu scheint. "Es ist kein Gefühl auf dem Tennisplatz. Es ist ein Gefühl, dass ich generell gerade im Leben habe. Ich habe mich so noch nie gefühlt. Es ist schwierig, Freude außerhalb des Tennisplatzes zu finden gerade."
Die Oberbergkliniken (Private Fachklinik im Bereich Psychiatrie, Psychosomatik & Psychotherapie) schreiben auf ihrer Homepage über Vorstufen einer Depression wie Burnout und Sonderformen der Stressdepression. "Früher wurde diese als Erschöpfungsdepression bezeichnet - der Begriff weist auf die Entstehungsgeschichte der Erkrankung, der Dauerbelastung, hin. Diese äußert sich in Energiemangel, Gleichgültigkeit, Abnahme des Leistungsvermögens, Unlust bei bisher hohem Engagement und überdurchschnittlichen Leistungen sowie Zynismus."
Enke-Stiftung: Burnout als Risikozustand
Die renommierte Robert-Enke-Stiftung schreibt zum Thema Burnout: "Ein Burnout kann in eine Depression übergehen, aber auch in nahezu jede andere psychische Erkrankung oder ganz ohne irgendwelche gesundheitliche Folgen bleiben. Beim Burnout handelt es sich also nicht um eine psychische Erkrankung im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr um einen Risikozustand, der die Entwicklung einer psychischen oder auch körperlichen Erkrankung begünstigen kann."
Zverev selbst fiel eine Einordnung seiner Symptome am Dienstag schwer. Das vorauszusetzen ist nicht realistisch. Zverev, der sich in der Vergangenheit wiederholt öffentlich gegen Mentaltrainer und Psychologen aussprach, öffnete sich aber erstmals für mögliche Hilfestellungen: "Ja, möglich. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben brauche ich das."
Er habe viele Schwierigkeiten in den Medien durchgemacht: "Ich habe generell viele Schwierigkeiten im Leben durchgemacht. Ich habe mich noch nie so leer gefühlt. Mir fehlt einfach die Freude, die Freude an allem, was ich tue. Dabei geht es nicht unbedingt um Tennis. Es fehlt mir auch außerhalb des Tennissports an Freude."
Zverevs "erzwungene" Freude
Selbst wenn er gewinne, wie in Stuttgart oder Halle, sei es nicht unbedingt das Gefühl, das er früher hatte, als er überglücklich, motiviert gewesen sei, weiterzumachen. "Das ist im Moment einfach nicht da."
Im deutschen Teil seiner Presserunde nannte er es "erzwungene Freude", die er auf dem Platz zeige. "Ich muss die Emotion bringen und dem Gegner die Emotion auch zeigen. Innerlich will ich die aber eigentlich nicht zeigen. Da habe ich nicht so richtig die Lust dazu." Es sei generell so ein Lebensding.
"Da muss ich mich selbst wieder finden und verstehen, welche Menschen mir Freude bringen, was mich motiviert. Jetzt momentan mit 28 Jahren ist das die Nummer-eins-Aufgabe."
Petkovic versteht Zverev
TV-Expertin Andrea Petkovic vermochte sich mit den Aussagen Zverevs zu identifizieren. "Bei mir war das auch so, wie mit vielen meiner Kolleginnen und Kollegen mit denen ich gesprochen habe, um 28 herum. Ich hatte auch eine Riesenkrise mit 28. Da wird dir das erste Mal bewusst: 'Das ist, was ich bin. Ich bin Tennispielerin. Ich kann jetzt nicht mehr Ärztin werden, Anwältin.' Bei mir war das so. Ich bin immer sehr froh, wenn sich Tennisspieler und Tennisspielerinnen öffnen, damit wir diese Einblicke bekommen. Wir wissen das, aber selbst wir vergessen das manchmal, wie das eigentlich war."
Petkovic erklärte weiter: "Nach einer Niederlage kommen so Sachen hoch, die du, solange du gewinnst, schön unter der Oberfläche halten kannst. Sie sind noch da, aber das Gewinnen macht so einen schönen Schleier drüber, wie eine Decke, die du drüberlegen kannst, aber dir ist immer noch kalt."
Zverev bestätigte am Ende seiner Pressekonferenz: "Es geht um das große Ganze und nach einer Niederlage kommt das eher hoch. Das kann schon sein. Ich habe jetzt ein paar Wochen frei und muss etwas für mich finden."
Antworten in vier Wochen?
Bis zum Masters-Turnier in Kanada Ende des Monats wolle er für sich mit eventuell externer Hilfe Antworten gefunden haben auf sein Leben. Auch einen externen Impuls auf der Trainerposition schloss er - anders als zuletzt - nicht aus.
Bruder Mischa, der wie fast immer in der Box mitfieberte und parallel als TV-Experte arbeitet, zeigte sich überrascht über die Aussagen.
"Ich weiß nicht, was seine Aussagen mit mir machen, ich höre das jetzt zum ersten Mal. Wenn er was dazu sagt, ist es gut, ich bin meistens Zuhörer. Es hat sich nichts Großartiges angedeutet." Vieles habe er nun auch über die Medien erfahren.
"Ich bin da mittlerweile sehr nüchtern und sehr rational. Es gibt Millionen von anderen Menschen, die ein hartes Leben haben, aber wir stehen halt in der Öffentlichkeit."
Er nehme die Aussagen seines Bruders aber ernst.
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