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Der Dominator tritt ab: Chapeau, Martin Fourcade

Der Dominator tritt ab: Chapeau, Martin Fourcade

16/03/2020 um 14:44

Martin Fourcade hat in Kontiolahti seine beeidruckende Karriere beendet. In seinem letzten Rennen stand der 31-jährige Franzose, wie bereits 78mal zuvor seit 2010, noch einmal ganz oben auf dem Podium. Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich würdigt die Leistungen des französischen Dominators, blickt auf seine Karriere und erklärt den Wandel des einst als arrogant wirkenden Einzelgängers.

Hätte man mir den Auftrag gegeben, ein Drehbuch zu schreiben für das letzte Rennen von Martin Fourcade, für seine Abschiedsvorstellung: Ich wäre meilenweit an der Realität vorbeigeschrammt. Ein paar rührselige Szenen hätte ich eingebaut, Umarmungen. Was halt dazu gehört in einer solchen Situation, um einem der besten Biathleten der Geschichte gerecht zu werden. Vielleicht wäre es auch ein wenig schnulzig geworden. Ein paar Tränen kommen ja immer gut an.

Es war der 14. März 2020, als der Franzose zum letzten Mal mit seinem Kleinkalibergewehr in die Loipe ging. Und auf den Tag genau vor zehn Jahren gewann er in Kontiolahti sein erstes von 78 Rennen. Fünfmal wurde er in der Zwischenzeit Olympiasieger, 13x Weltmeister. Er gewann siebenmal in Folge den Gesamtweltcup, um nur ein paar beeindruckende Zahlen zu nennen.

Video - Ein letztes Mal jubeln: So holte sich Fourcade seinen letzten Weltcup-Sieg

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Gespräch mit Erzfeind Loginov

Wie also sollte sich Fourcade verhalten? Sich freuen über einen Sieg auf der einen Seite oder sich ärgern über die knappe Niederlage? Er stellte sich der fürwahr ungewöhnlichen Situation mit all seiner in den Jahren gereiften Persönlichkeit. Er lobte Bö und pries ihn an als einen würdigen Nachfolger, gar als den Mann, der in Zukunft eine ähnlich dominierende Rolle spielen könne wie er.

Und dann unterhielt er sich mit dem Russen Alexander Loginov, dem er dessen Dopingvergangenheit immer wieder vorwarf. Im Zielraum von Kontiolahti blieb er stehen, als Loginov auf ihn zukam. Ich habe die Szene genau beobachtet. Lieber Martin: Mehr Größe geht nicht.

Es war ein Bild mit großem Symbolcharakter, als ihn dann seine Mannschaftskollegen in die Höhe warfen. Er war jetzt angekommen. Aus dem Exzentriker, dem Einzelgänger, dem Piraten, der niemanden neben sich dulden wollte, ist in den zwölf Jahren seiner Weltcup-Karriere (sein erstes Rennen bestritt er 2008 in Oslo) ein Mannschaftsspieler geworden. Mehr noch. Er hat sich als Leitwolf erwiesen und eine neue Generation französischer Biathleten in seinem Sog zur Weltklasse geführt.

Video - "Alle erweisen dem König die letzte Ehre!" Fourcade läuft im letzten Rennen zum Sieg

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Schwere Zeit nach den Olympischen Spielen in Südkorea

Mit Niederlagen hatte er sich nie angefreundet. Wie auch. Umso erstaunlicher war es, wie er, ein ums andere Mal geschlagen, seine Lehren zog. Zum Beispiel aus der missratenen nacholympischen Saison 2018/2019. Dort wurde er nur Zwölfter im Gesamtklassement. Nur in seiner ersten Saison war er als Newcomer schlechter gewesen (24).

Er erlag den Verlockungen der Berühmtheit. Sponsorentermine, Galaauftritte, vieles war jetzt wichtiger als die regelmäßigen Trainingseinheiten. Als er das verstand, reagierte er umgehend. Fourcade fokussierte sich wieder mehr auf den Sport und kehrte als Champion zurück. Gerade dies hat ihm ungeheuer viel Respekt eingebracht. Mehr noch als manche Siegesserie.

Und so war es erneut eine unglaubliche Geschichte, dass auf dem letzten Podest seiner Karriere mit ihm in der Mitte zwei Landsleute standen: Quentin Fillon-Maillet und Émilien Jacquelin. Beide waren auch Mitglied der französischen Staffel, die in Antholz Gold gewann. 19 Jahre nach dem letzten Sieg des Teams damals um Raphaël Poirée.

Es hat sicher niemand geahnt, wie ungeheuer wichtig für Martin Fourcade dieser Erfolg mit seinem Mannschaftskollegen war. Das Erreichen dieses Zieles war sogar ausschlaggebend dafür, dass er sich just danach sagte: Jetzt, ja jetzt habe ich alles erreicht. Ich höre auf.

Video - "Die zehn Jahre waren ein Traum": Fourcade blickt zurück

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Die große Geste seines Nachfolgers in Kontiolahti

Johannes Thingnes Bö hatte im Zieleinlauf übrigens bewusst die beiden Kollegen von Fourcade ziehen lassen, weil er wusste, dass ihm ein vierter Rang zum Gesamtweltcupsieg reichen würde. Noch eine große Geste an diesem Tag, die vielleicht stellvertretend für alle die Wertschätzung ausdrückte, die man Fourcade am Ende seiner Karriere entgegenbrachte.

Wer so gut wird wie Fourcade, darf gerne als Perfektionist bezeichnet werden. An ein Beispiel erinnere ich mich besonders gerne. Vor den Weltmeisterschaften 2016 in Oslo mietete er sich ein Haus am Holmenkollen, um sich punktgenau auf die Wettkämpfe dort einstellen zu können. Das Resultat waren vier Gold-und eine Silbermedaille.

Video - Jubel-Fail bei Fourcade: Bruchlandung nach Abschiedssieg

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Der neue Martin Fourcade

Damals wirkte die Freude über seine Siege manchmal noch aufgesetzt, mitunter arrogant. Doch die vielleicht auch nur von uns so empfundene Überheblichkeit, verschwand in den vergangenen Jahren wie weichgespült. Plötzlich war er auch in den Pressekonferenzen zugänglich und gesprächiger.

Der 31-Jährige fühlte sich gegen Ende seiner Laufbahn nicht nur, sondern vor allem als Mannschaftsmitglied im französischen Team und prangerte auch Missstände im Verband an. Er ist eine Stimme geworden, die jetzt fehlen wird, um an anderer Stelle gehört zu werden.

Der Franzose will sich als Sportpolitiker engagieren, was immer man darunter verstehen mag. Deshalb ist es schön und berührend, dass er, was nicht vielen gelingt, einen perfekten Schlusspunkt gefunden hat im fernen Finnland. Martin Fourcade hat den Biathlonsport zehn Jahre in überragendem Maße geprägt. Das können, egal in welcher Sportart, nicht viele von sich behaupten. Und auch deshalb: Adieu et merci beaucoup Martin.

Video - Fourcade sagt au revoir: Die Highlights "einer einzigartigen Karriere!"

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