Michael Rösch erklärt Tief von Quentin Fillon Maillet - Shootingstar Anamarija Lampic ähnelt Denise Herrmann-Wick

Während Johannes Thingnes Bö und Sturla Holm Lägreid den Kampf um den Gesamtweltcup in norwegische Festspiele verwandeln, hinkt der letztjährige Dominator Quentin Fillon Maillet den Erwarungen hinterher. Michael Rösch erklärt im Interview mit Eurosport.de, wie sich der Franzose aus dem Tief befreien kann. Darüber hinaus wirft er einen Blick auf Shootingstar Anamarija Lampic.

Links: Eurosport-Experte Michael Rösch // Rechts: Biathletin Anamarija Lampic

Fotocredit: Getty Images

Nach seinem Triumph im Gesamweltcup 2021/22 und fünf Medaillen bei den Olympischen Spielen in Peking startete Quentin Fillon Maillet als einer der Top-Favoriten in die neue Saison. Bislang steht der Franzose aber ohne einen Podestplatz da.
"Er hat in den letzten Jahren so krass dominiert und jetzt ist er einfach nur noch sehr gut. Aktuell reicht es aber nicht, in die Phalanx um Johannes Thingnes Bö und Sturla Holm Lägreid vorzustoßen", hält Michael Rösch im Interview mit Eurosport.de fest und gibt Fillon Maillet einen Ratschlag mit auf den Weg. "Der Leistungssport wird in der Rübe entschieden. Du brauchst einfach die Nervenstärke."
Während Fillon Maillet mit seiner aktuellen Form hadert, setzte sich im Damen-Weltcup ein Neuling eindrucksvoll in Szene. Im Alter von 27 Jahren wechselte Anamarija Lampic vom Langlauf in den Biathlon und raste in ihrem ersten Weltcup-Rennen direkt auf den fünften Rang. "Da sieht man, was alles möglich ist", schwärmt Rösch.
"Und ich traue ihr tatsächlich zu, dass wir sie in der Zukunft auf dem Podest sehen werden", meint Rösch und sieht eine Parallele zu Olympiasiegerin Denise Herrmann-Wick, die einst ebenso mit 27 Jahren zum Biathlon gewechselt war. "Ich sehe das ähnlich wie bei Denise. Wenn sich Lampic so weiterentwickelt, werden wir sie auf dem Podium sehen."
Das Interview führte Christoph Niederkofler
Herr Rösch, nach ereignisreichen Wochen stehen die Biathleten und Biathletinnen des DSV bei acht Podestplätzen, darunter ein Sieg von Denise Herrmann-Wick. Wie schätzen Sie die bisherige Leistung des deutschen Teams ein?
Michael Rösch: Positiv. Natürlich sticht der starke Auftakt in Kontiolahti heraus. Dieser hat sich meiner Meinung nach bereits im Vorfeld abgezeichnet. Eine Woche vor dem Weltcup-Start habe ich mir die Laufzeiten in den Qualifikationsrennen angeschaut und da haben sich die Namen, die letzten Endes auch vorne mit dabei waren, bereits angekündigt. Dass sie sich zusätzlich durch die Weltspitze kämpfen, ist natürlich ein sehr positiver Aspekt. In Hochfilzen gab es dann vor allem bei den Herren in den Einzelrennen eine kleine Delle. Der Sieg von Denise Herrmann-Wick bei den Damen war hingegen top.
Aber man hat schon gesehen, dass es gerade für die Jungen um Anna Weidel, Sophia Schneider, Justus Strelow und David Zobel noch eine Achterbahn ist. Trotzdem: die Podestplätze der Staffel oder auch das Podium von Benedikt Doll in Le Grand-Bornand haben gezeigt, dass sowohl die Arrivierten als auch die Neulinge vorne mitlaufen können. Im Gesamtweltcup sind alle Damen und Herren in den Top 20 - das ist ok. Vor allem im Hinblick auf den Massenstart, in dem die Top 25 gesetzt sind. Man darf aber natürlich nicht vergessen, dass Russland und Belarus im Weltcup fehlen. Dadurch wird das Bild wohl etwas verzerrt. Durch die Dominanz der Skandinavier oder auch durch die Französinnen bei den Damen ist die Konkurrenz zwar extrem groß, aber die Leistung im ersten Trimester ist insgesamt ganz solide.
Sie haben bereits einige deutsche Athleten erwähnt. Gibt es jemanden, der Sie besonders beeindruckt hat?
Rösch: Natürlich ist mir Denise mit ihrem vierten Platz im Gesamtweltup besonders aufgefallen. In diesem Jahr sehe ich sie dort sogar unter den Top 3. Das ist für mich aber keine Überraschung. Da würde ich schon eher mit Weidel und Schneider gehen, die sich jeweils unter den besten Sechs platzieren konnten. Vanessa Voigt war bislang auch total solide. Ihr wunder Punkt ist noch die langsame Schießzeit, durch welche ihr die eine oder andere Top-Platzierung entgangen ist. Bei den Herren setzten sich Strelow und Zobel in Szene. In den letzten Rennen hat man aber gemerkt, dass nach drei Wochen der Dampf raus ist. Zu Beginn hat natürlich auch Roman Rees begeistert - der wäre ja fast im Gelben Trikot gestartet! Wer hätte das gedacht? Ich würde im deutschen Team aber niemanden einzeln herauspicken wollen. Die ganze Basis geht bislang so in Ordnung.
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Anna Weidel konnte im Weltcup mit starken Ergebnissen überzeugen

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Nachdem Quentin Fillon Maillet die vergangene Saison absolut dominiert hat, ist der Franzose in diesem Winter nicht wiederzuerkennen. Was ist Ihre Meinung zu seinem plötzlichen Leistungseinbruch?
Rösch: Er hat in den letzten Jahren so krass dominiert und jetzt ist er einfach 'nur noch sehr gut'. Aktuell reicht es aber nicht, in die Phalanx um Johannes Thingnes Bö und Sturla Holm Lägreid vorzustoßen. Das hat sich aber auch bereits vor der Saison angedeutet. Während der Vorbereitung in Schweden hat Fillon Maillet nämlich nicht frisch gewirkt. Ein solches Jahr - mit dem Sieg im Gesamtweltcup und olympischen Goldmedaillen - zehrt natürlich an den Knochen und den Nerven. Dabei muss man übrigens hervorheben, was das für eine Leistung von Martin Fourcade war, der den Gesamtweltcup sieben Mal in Folge gewonnen hat. Die Dominanz auf diese Weise fortzuführen ist sehr schwer.
Ich bin mir aber sicher, dass Fillon Maillet bis zur WM zu alter Stärke finden wird. Der Auftakt war aber natürlich weit weg von der Musik - das muss man so deutlich sagen. Er war nicht in der Lage, Rennen aus eigener Kraft zu gewinnen. Vor der Saison habe ich ihn auch nicht in die Top 3 des Gesamtweltcups getippt, da ich mir einen kleinen Leistungseinbruch erwartet habe.
Frankreichs Nationaltrainer Vincent Vittoz spricht von einem Kopfproblem bei Fillon Maillet. Kann man ein solches Tief in der kurzen Weihnachtspause überwinden?
Rösch: Der Leistungssport wird in der Rübe entschieden. Am Schießstand brauchst du einfach die Nervenstärke. Wenn das nicht funktioniert und dieser Flow nicht vorhanden ist, dann tust du dir echt schwer. Kleines Beispiel: Vetle Sjaastad Christiansen, der in der letzten Saison vor allem im Stehendschießen extrem abgeliefert hat, kämpft zurzeit auch gegen ein Tief. Da merkt man, dass sich so etwas mental festsetzt. Oder auch Emilien Jacquelin, der in jedem Rennen seine Waffe kaputt schlägt oder auf seine Oberschenkel haut, weil es nicht läuft. Da ist der Kopf sehr entscheidend. Für Fillon Maillet ist es jetzt das Wichtigste, die Weihnachtspause gut zu nutzen und die letzten Rennen abzuhaken. Dann muss er sich neu fokussieren - was aber schwerfällt, wenn man solche negativen Ergebnisse im Hinterkopf hat.
Gab es in Ihrer Karriere auch Momente, in denen Sie an "Kopfproblemen" scheiterten? Wie haben Sie sich da rausgekämpft?
Rösch: In der Saison 2008/09 war ich im ersten Trimester weit von meinen Erwartungen entfernt. Für mich wurde die World Team Challenge auf Schalke zum Gamechanger. Dort habe ich gute Leistungen erbracht und bin eine Woche später beim Weltcup in Oberhof im Sprint Zweiter geworden. Da habe ich gemerkt, dass ich in der Weihnachtspause gut trainiert, den Kopf frei bekommen habe. Der Druck war natürlich enorm, weil in den ersten Rennen gar nichts lief. Ich kann das gut nachvollziehen, wenn es bei Sportlern, die sich viel vorgenommen haben, nicht läuft. Das kann sich aber schnell ändern. Nach einem Rennen kannst du plötzlich wieder in einer ganz anderen Dimension unterwegs sein und auf der Welle mitschwimmen.
Sturla Holm Lägreid will nach zwei zweiten Plätzen im Gesamtweltcup endlich den großen Coup landen. Der wiedererstarkte Johannes Thingnes Bö könnte aber zum Spielverderber werden. Wie blicken Sie auf das Giganten-Duell zwischen den beiden Norwegern?
Rösch: Das ist eine eigene Liga. Die beiden setzen sich im Weltcup von den anderen noch zusätzlich ab. Das macht den Kampf um den Gesamtweltcup natürlich interessanter. Das Ding ist noch lange nicht gegessen - gerade mit dem neuen Punktesystem. Als Sieger (90 Punkte) machst du im Vergleich zum Zweiten (75) die Big Points. Bö tut das sicher gut, dass Lägreid so nah an ihm dran ist. Er muss wirklich in jedem Rennen performen.
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Norwegisches Festival: Lägreid triumphiert in der Verfolgung

Quelle: Eurosport

In diesem Duell scheint mir Lägreid etwas unterbewertet zu sein. Zuvor hatte ich ihn nie so richtig auf dem Zettel. Was er zurzeit aber abliefert, ist einfach der Wahnsinn. Wenn Bö nicht da wäre, würde Lägreid den Weltcup dominieren. Nicht nur läuferisch, aber auch am Schießstand drückt er seinen Stempel auf und ist extrem konstant - wie auch schon die letzten Jahre. Und Lägreid läuft in diesem Jahr zum ersten Mal vor Zuschauern! 2020 kam er in den Weltcup, als wegen Corona kein Publikum erlaubt war. Jetzt läuft er in Frankreich vor einer so riesigen Kulisse. Hut ab, wie er mit dieser Situation umgeht. Das ist wirklich imponierend. Im Windschatten von Bö und Laegreid befinden sich natürlich auch die Teamkollegen, die das so unfassbar stark machen. In diese Phalanx vorzustoßen ist unheimlich schwer.
Wen sehen Sie am Ende vorne?
Rösch: In meiner Prognose für den Gesamtweltcup habe ich Johannes Thingnes Bö ganz klar auf der Eins gesehen, Lägreid sogar nur auf dem dritten Platz. Ich bleibe aber bei meiner Meinung, dass Bö das Ding gewinnt. Er ist wieder so weit, dass er seine Dominanz ausspielen kann und wirkt sehr aufgeräumt. Letztes Jahr war für ihn eine totale Achterbahn, seine Konstanz ist nun aber wieder da. Daher wird es für Lägreid übelst schwer, ihn zu knacken. Solange er aber an Bös Fersen klebt, bleibt das Duell noch lange spannend. Die beiden machen das unter sich aus.
Der Wechsel aus dem Langlauf zum Biathlon hätte für Anamarija Lampic kaum besser laufen können. Bei ihrem ersten Weltcup-Auftritt in Hochfilzen hat sie mit ihrem fünften Platz für mächtig Furore gesorgt. Wie weit kann es für die 27-Jährige gehen? Immerhin war Herrmann-Wick bei ihrem Wechsel zum Biathlon genauso alt...
Rösch: Es ist sensationell, wie sie bereits davor die Laufzeiten im IBU Cup dominiert hat. Sie war in jedem Rennen, in jeder Runde die Schnellste. Es hat sich also abgezeichnet, dass sie schnell ist. Dass sie aber in Hochfilzen Elvira Öberg um knapp 30 Sekunden unterbietet, ist einfach nur krass. Da sieht man, was alles möglich ist. Immerhin trainiert Lampic erst seit Mai mit der Waffe. Das ist sehr beeindruckend.
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Anamarija Lampic sorgte für Furore

Fotocredit: Imago

Ich war mit ihrem Trainer Ricco Groß in Kontakt, weil ich überrascht war, dass sie nicht in der Verfolgung angetreten ist. Und da muss ich die Konsequenz ihres Teams loben, Lampic etwas in Schutz zu nehmen. Sie muss noch viel lernen. Im IBU Cup hast du mehr Möglichkeiten, dich unter dem Radar zu entwickeln. Im Weltcup gucken jetzt natürlich alle auf sie. Im IBU Cup hast du hingegen keine Zuschauer und kannst die Rennen in Ruhe angehen. Die Taktik, sich in der zweiten Liga vorzubereiten, ist gut. In Pokljuka wird sie wohl wieder am Start sein.
Und ich traue ihr tatsächlich zu, dass wir sie in der Zukunft auf dem Podest sehen werden. Wenn sie im Sprint einmal mit nur zwei Fehlern oder weniger durchkommen sollte, hat sie das Potenzial, auf den vorderen Plätzen zu landen. Noch sieht man, dass die Handlungsabläufe am Schießstand noch ausbaufähig sind. Da fehlt die Erfahrung, aber das ist ganz normal. Bei Denise hat das auch nicht von heute auf morgen geklappt. Sie musste sich ebenso erst im IBU Cup durchsetzen. Aber ich sehe das ähnlich wie bei Denise. Wenn sich Lampic so weiterentwickelt, werden wir sie auf dem Podest sehen.
Vorausblick auf die Heim-WM: Wen muss man in Oberhof unbedingt auf dem Zettel haben?
Rösch: In der Zeit bis zur WM kann natürlich noch viel passieren. Die Führenden im Gesamtweltcup müssen aber nicht zwangsläufig auch in Oberhof vorne sein. Es gibt Strecken, die einem liegen, und welche, die einem überhaupt nicht zugutekommen. Die Tendenz lässt aber vermuten, dass es bei den Herren kein Vorbeikommen an den Norwegern geben wird. Da wird es für andere Nationen schwer. Bei den Damen ist das französische Team mit Julia Simon in Oberhof der Top-Favorit. Die Schwedinnen könnten mit neuen Namen wie Linn Persson und Anna Magnusson für eine Überraschung sorgen. Bei den Damen ist das Feld sehr, sehr eng. Daher gefällt mir das Feld auch besser als jenes der Herren, weil es dort spannender ist. Daher ist es auch schwer, sich festzulegen.
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Ungewohnte Bilder: Bö mit großen Problemen auf eisiger Strecke

Quelle: Eurosport

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