Formel 1: Hans-Joachim Stuck über Red Bulls Krise, das Duell zwischen Verstappen und Norris und Mick Schumacher

Acht Rennen vor dem Saisonfinale bahnt sich in der Formel 1 ein Showdown zwischen den kriselnden Red Bulls um Max Verstappen und McLaren auf der Überholspur an. Ex-Rennfahrer und Motorsportberater Hans-Joachim Stuck erklärt im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de die Gründe für Red Bulls Krise, was die Konkurrenz besser macht - und wie es um die Zukunft von Mick Schumacher steht.

Max Verstappen

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Noch acht Rennen sind zu fahren, 62 Punkte liegt Lando Norris im kampf um die WM hinter Max Verstappen. Der Weltmeister hat die letzten sechs Rennen nicht gewonnen, Red Bull ist auf Ursachenforschung.
Währenddessen nutzen die McLaren-Piloten das Momentum, auch Ferrari greift wieder an.
Hans-Joachim Stuck war Pilot in der Formel 1 und in der DTM, gewann zweimal die 24 Stunden von Le Mans. Heute arbeitet er als Motorsportrepräsentant bei Volkswagen. Im Interview spricht er über den Zweikampf zwischen Verstappen und Norris, Red Bulls Krise und die Zukunft von Mick Schumacher in der Formel 1.
Die Lage bei Red Bull verschärft sich. Max Verstappen sagte vergangene Woche, sein Auto sei unfahrbar. Was meint er damit?
Hans-Joachim Stuck: Das ist eine typische Rennfahrer-Aussage, weil Verstappen davon ausgeht, dass sein Auto perfekt liegt. Wenn er dann ein paar Probleme hat, dass er bei den Kurven eingangs untersteuert und am Kurvenende übersteuert, dann ist das in seinen Augen "unfahrbar". Er kann immer noch schnelle Rundenzeiten damit fahren, aber er ist relativ weit hinter seinen maximalen Möglichkeiten. Die Aussage entspricht seinem Kampfgeist als Rennfahrer.
Was könnte Red Bull tun, um das Auto wieder fahrbar zu machen?
Stuck: Es ist schwierig, einen großen Schritt zu machen, weil es keine großen Testmöglichkeiten mehr gibt. Red Bull muss zurückverfolgen, wann das Auto besser fahrbar war, welche Abstimmungen sie damals hatten und das dann analysieren. Wobei man sagen muss: Es vergeht kein Tag, an dem sich nicht etwas weiterentwickelt. Wenn man ein Auto zurückbauen muss bis zu einem Zeitpunkt, wann es gut gefahren ist, ist das natürlich ein Rückschritt. Denn alle anderen Fahrzeuge entwickeln sich nach vorn. Das ist eine Situation, die während der Saison sehr schlecht lösbar ist.
Warum läuft es gerade nicht gut bei Red Bull?
Stuck: Adrian Newey, Red Bulls langjähriger Designer, ist ein genialer Kopf, er ist einfach Genie. Man sieht ja, was er in seinem Leben alles geleistet hat. Sein Abgang ist sicherlich mit ein Grund, warum es momentan nicht so gut läuft. Red Bull leidet unter seinem Weggang.
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Adrian Newey

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Red Bull hat es jahrelang verstanden, seinen Rennwagen perfekt kontrollieren zu können. Kann man den aktuellen Zustand als Niederlage für Red Bull sehen?
Stuck: Natürlich. Diese Phasen haben wir aber immer wieder: Mal war eine Zeit lang Ferrari dominant, dann ein anderes Team. Jetzt ist Red Bull unter Druck. Die Leistung von McLaren finde ich sensationell. Es ist eine Freude, das anzugucken. Max Verstappen ist mit Sicherheit noch der beste Fahrer, keine Frage, aber er muss jetzt richtig kämpfen. Für die Fans ist das eine coole Geschichte.
62 Punkte Vorsprung hat Verstappen noch auf McLaren-Pilot Lando Norris. Was muss er machen, damit er die Führung behält?
Stuck: Einsatzwillen hat er noch. Aber er wird durch ein für ihn nicht perfektes Auto gebremst. Er muss jetzt sein fahrerisches Können beweisen und zeigen, dass er auch mit einem Auto, das nicht dem Niveau der anderen entspricht, dabei ist. Er wird Schwierigkeiten haben, den Titel zu verteidigen.
Was macht McLaren gerade besser?
Stuck: Sie haben das Auto auf den Punkt gebracht, wenn man sieht, wie beide Piloten vorn mitfahren. Beide Fahrer sind relativ gleichwertig, das ist bei Red Bull nicht so. Sie haben aber auch das Auto dafür. Würden Lando Norris und Oscar Piastri im Red Bull sitzen, würden sie wohl auch nicht vorn mitfahren.
Dass beide Fahrer gleichwertig sind, wird McLaren aktuell aber von vielen als Schwäche ausgelegt – viele wundern sich, warum das Team keine Stallorder einführt, damit die Rollen klar benannt sind. Verstehen Sie das?
Stuck: Einerseits finde ich es fair gegenüber den Fahrern, aber auch gegenüber den Fans. Wäre ich McLaren-Teamchef, würde ich schauen, dass derjenige, der vorn ist, auch vorn bleibt. Sich aus dem WM-Rennen zu nehmen, wäre blöd. Aber: Es ist die Entscheidung des Teams, die muss man respektieren.
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Lando Norris (l.) und Oscar Piastri, die beiden McLaren-Piloten.

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Wie wird sich McLaren in den nächsten Rennen entwickeln?
Stuck: Sie sind auf dem richtigen Weg. Sie sind total motiviert, werden gute Boxenstopps hinlegen. Die Chancen, dass sie einen Titel holen, sind relativ groß. Ich würde McLaren ganz oben auf dem Zettel haben. Man darf auch Ferrari nicht vergessen mit Leclerc und Sainz. Das ist eine gute Saison für die Fans.
Welche Chancen räumen Sie Ferrari noch ein?
Stuck: Um Titel mitzufahren, wird schwierig werden. Das war fantastisch für Leclerc, seinen Heim-Grand-Prix in Monaco und in Monza zu gewonnen. Wenn Ferrari in Italien gewinnt – es gibt ja nichts Schöneres. Sie haben es clever gemacht, mit Risiko. Leclerc wäre keine weitere Runde mehr vorn geblieben – aber sie haben gewagt und gewonnen.
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Hans-Joachim Stuck bei einer Jubiläumsveranstaltung zu 24 Stunden Le Mans.

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Also wird der WM-Titel am Ende zwischen Verstappen und Norris entschieden werden?
Stuck: Darauf könnte es hinauslaufen. Aber für eine Prognose ist es noch zu früh. Acht Rennen sind noch zu fahren.
Trotzdem wird bereits jetzt viel über nächste Saison gesprochen. Einige Cockpits wurden neu vergeben, zwei sind noch übrig. Wie stehen die Chancen, für Mick Schumacher, wieder in der Formel 1 Fuß zu fassen?
Stuck: Man muss einfach sehen, dass Günther Steiner (ehemaliger Haas-Teamchef, Anm. d. Red.) ihn kaputt gemacht hat, ihn kritisiert hat für Fehler, die völlig normal sind. Er hat ihn auf dem Gewissen. Er hätte vielleicht bei Williams eine Chance gehabt, Audi wäre sicher nicht der richtige Rennstall gewesen. Jetzt kommen noch jüngere Fahrer nach, Mick wird nicht jünger. Mick hätte jede Berechtigung, wieder einen Platz zu bekommen und sie auszustechen.
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Quelle: Perform


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