Hans-Joachim Stuck im Exklusiv-Interview: Verwunderung über Lewis Hamilton und Lob für FIA

Raketenangriff, Schumacher-Crash, furiose Ferrari und Mercedes-Absturz. Die zweite Ausgabe des Grand Prix von Saudi-Arabein hatte wie schon im Vorjahr jede Menge Spektakel zu bieten. Im exklusiven Interview spricht der ehemalige Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck über die Gründe für den Machtwechsel bei den Teams und wundert sich über einen desillosionierten Rekordweltmeister Hamilton.

Schock und Entwarnung - die Bilder zum Schumacher-Crash

Quelle: SID

Während sich Red-Bull-Pilot Max Verstappen und Ferrari-Star Charles Leclerc einen packenden Fight um den Triumph im zweiten Saisonrennen lieferten, musste sich Rekordweltmeister Lewis Hamilton letztlich mit Rang zehn und einem mickrigen Punkt zufriedengeben.
Die zweite Ausgabe des Saudi-Arabien-Grand-Prix lieferte wie schon die Premierenveranstaltung zum Ende der vergangenen Saison jede Menge Gesprächsstoff - nicht nur im rein sportlichen Bereich.
Im exklusiven Interview mit Eurosport blickt der ehemalige Formel-1-Fahrer Hans-Joachim Stuck nicht nur auf den Absturz des einst so dominanten Mercedes-Teams, sondern auch auf den beängstigenden Raketenangriff am Freitag, den heftigen Unfall von Mick Schumacher und die furiose Scuderia Ferrari.
Das Interview führte Marc Hlusiak.
Zwei Rennen sind rum und die Scuderia Ferrari wirkt stark wie lange nicht mehr. Kommt das überraschend für Sie?
Hans-Joachim Stuck: Nein, überraschend kommt das nicht - und es wurde ja auch Zeit, oder? Sie haben zwei tolle, junge Fahrer mit Charles Leclerc und Carlos Sainz, die zeigen schon was geht. Es war ein klasse Zweikampf zwischen Leclerc und Max Verstappen in Saudi-Arabien.
Wie ist der furiose Aufschwung des italienischen Traditionsteams zu erklären?
Stuck: Ferrari wusste vom letzten Jahr, wo ihre Nachteile lagen. Man hat sich jetzt in allen Bereichen verbessert, nicht nur beim Motor. Zudem gibt es neue Regeln, vor allem was die Aerodynamik angeht, das sieht man ja auch an den Autos. Ferrari hat den Rückstand aus dem letzten Jahr definitiv aufgeholt und sich gut vorbereitet. Dasselbe sieht man auch bei anderen Teams, die nachgerückt sind. Durch die neuen Regeln ist das Feld zusammengerückt. Das geht schon in die richtige Richtung.
Das Duo Charles Leclerc und Carlos Sainz wirkt zudem sehr harmonisch. Ein potentieller Trumpf in einem möglichen Titelkampf?
Stuck: Das ist sogar ganz wichtig. Im letzten Jahr war das bei Red Bull ja zu sehen, als Sergio Perez Teamkollege Verstappen zu nicht ganz unwichtigen Punkten verholfen hat. Sowas ist schon super. Wenn in einem Team keine Harmonie herrscht, egal ob Formel 1, Rallye oder DTM, dann ist das ein Riesenproblem. Wenn sich aber beide gut verstehen, wenn jeder weiß, wo seine Position ist, wenn man gewillt ist, sich gegenseitig zu helfen, auch wenn es mal wehtut, das macht den Unterschied. Respekt und Spaß im Umgang miteinander sind sehr wichtig für ein Team.
Nach der ereignisreichen Premierenveranstaltung im vergangenen Jahr hat auch die zweite Ausgabe des Saudi-Arabien-GPs einige Geschichten hervorgebracht. Vor allem der Raketenangriff am Freitag auf einen Öldepot in der Nähe der Strecke. Was waren ihre Gedanken?
Stuck: Ich bin zunächst einmal furchtbar erschrocken. Man wusste ja nicht, wie nah der Vorfall an der Strecke dran ist. Es ist schlimm, wenn solche Anschläge im Rahmen einer Sportveranstaltung passieren. Trotzdem finde ich: Solange die Sicherheit bei einer solchen Veranstaltung gewährt ist, dürfen solche Vorfälle kein Anlass für eine Absage sein. Man darf sich da nicht unterkriegen lassen. Das eine ist Sport und das andere sind irgendwelche Verrückten, die meinen, mit solchen Anschlägen was bewirken zu können. Ich bin davon überzeugt, dass die FIA richtig gehandelt hat. Da sind die richtigen Leute am Werk, allen voran der neue Präsident Mohammed Ben Sulayem. In Verbindung mit Ross Brawn und den Teamchefs wurde da absolut richtig gehandelt.
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Feuer nach einem Angriff der Huthi-Rebellen in Dschiddah

Fotocredit: Imago

Am Freitagabend gab es ein vierstündiges Fahrer-Meeting, bei dem es auch um einen Boykott des Rennens ging, der letztlich nicht stattfand. Es wurde auch berichtet, dass einige Fahrer den Grand Prix angesichts der Umstände gerne ausgelassen hätten. Helmut Marko hatte von einem “nervösen” Sergio Perez berichtet. Wie hätten Sie als Fahrer reagiert?
Stuck: Aus Fahrersicht ist das natürlich schwierig. Den einen bewegt so etwas mehr, den anderen weniger. Auch ich schlafe in den vergangenen Wochen sehr unruhig im Hinblick auf den Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Wir sind da nah dran. Auf der anderen Seite muss ich sagen: Wenn ich ein Rennen gehabt hätte am Wochenende, dann hätte ich wahrscheinlich abgeschaltet. Wenn ich im Rennauto sitze und mich mit meinen Konkurrenten messe, dann muss mein Kopf klar sein. Wenn mich das aber belastet, dann muss ich auch nicht fahren. Das muss man jedem Fahrer zugestehen. Es ist eben so, dass es jeden Fahrer unterschiedlich stark belastet. Von daher muss da jeder seine eigene Entscheidung treffen.
Können Sie die Entscheidung der FIA, das Rennen dennoch durchzuziehen, nachvollziehen?
Stuck: Sie haben das professionell abgewickelt und alles bedacht. Aus meiner Sicht war das zu 100 Prozent ok.
Der Unfall von Mick Schumacher war im Qualifying am Samstag dann der nächste große Schockmoment. Glücklicherweise ist nichts Schlimmeres passiert, aber der Crash wirft natürlich Fragen auf. Allen voran: Ist eine solche High-Speed-Strecke ohne Auslaufzonen und harten Mauern als Streckenbegrenzung nicht zu gefährlich?
Stuck: Ja und nein. Auch riesige Auslaufzonen sind auf schnellen Strecken nicht immer nützlich. Manchmal ist es besser, wenn die Mauer sofort kommt. Wenn man sieht, dass er mit “nur” 33G eingeschlagen ist … ich habe mir das viel schlimmer vorgestellt. Das kommt sicher daher, weil das Auto nicht noch die Zeit hatte, weiter zu beschleunigen. Es ist ein Für und Wider. Rein optisch gefällt mir die Strecke nicht. Ich habe es gerne, wenn es ein bisschen eckiger ist. Ich glaube auch, dass die Strecke nicht zu den Favoriten im Piloten-Feld zählt.
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Schock und Entwarnung - die Bilder zum Schumacher-Crash

Quelle: SID

Bis zu seinem Unfall war Mick mehr als ordentlich unterwegs - es sah sogar nach Q3 aus. Der Haas scheint plötzlich konkurrenzfähig, Schumacher selbst sprach von einem Auto, "von dem wir glauben, dass es konstant ist und auch in anderen Rennen zu den Top Fünf gehört". Einverstanden?
Stuck: Ja, das ist doch cool. Ich habe ja schon gesagt, dass einige Teams nach vorne gerückt sind. Das Wichtige ist: Wenn du am Anfang erst einmal gut dabei bist, dann kannst du dich auf geringfügige Verbesserungen konzentrieren. Wenn du einen großen Rückstand hast, wie es bei Mercedes der Fall ist, dann tust du dich im Laufe der Saison schwerer, weil du schlicht keine Zeit hast. Aber Haas ist super mit dabei. Die sind gut mit dabei.
In Saudi-Arabien verfolgte Mick Schumacher das Renngeschehen schließlich am Kommandostand und sah erneut ein starkes Rennen von Teamkollege Kevin Magnussen gesehen, der in einer Szene sogar an Lewis Hamilton vorbeizog. Noch vor wenigen Wochen wäre das unvorstellbar gewesen. Wie geht das?
Stuck: Eines muss ich sagen: Das mit Lewis Hamilton verstehe ich nicht. Ist der mit dem Thema durch? Hat der keinen Bock mehr oder was ist da los? Warum fährt er "da hinten" rum? Vielleicht hat ihn die ganze Geschichte mit dem verlorenen Titel doch mehr mitgenommen. Ich persönlich hatte so eine Situation in meiner Karriere nicht, aber hat Hamilton wirklich noch Bock auf Fahren? Man weiß es nicht, das ist komisch.
Im Sommer gab es ja durchaus Spekulationen um Hamilton. Kommt er zurück oder nicht. Ein Rücktritt war zumindest medial Thema.
Stuck: Ja, richtig. Ich glaube, wenn ein Fahrer nicht zu 100 Prozent mit sich im Reinen ist, wenn da nur ein bisschen Zweifel besteht, dann verlierst du sofort Zeit, Aggressivität und Spaß. Ich will nichts prognostizieren, aber es wundert mich schon ein bisschen.
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Kevin Magnussen (Haas) vor Lewis Hamilton (Mercedes)

Fotocredit: Getty Images

Des einen Erfolg, ist des anderen Problem. Lewis Hamilton gab nach dem Rennen konsterniert zu, dass er “am Ende nicht mit dem Haas mithalten“ konnte. In Saudi-Arabien waren insgesamt nur drei Mercedes-Motoren in den Punkten, der beste auf Platz fünf. Wie ist dieser Absturz zu erklären?
Stuck: Das ist schwer zu sagen. Man muss vielleicht auf Ferrari schauen, die im vergangenen Jahr gebraucht haben, um wieder nach vorne zu kommen. Jetzt sind sie da. Wenn man bei Mercedes in eine Richtung gegangen ist, die sich jetzt als nicht gänzlich perfekt erweist, dann hat man jetzt große Schwierigkeiten, das aufzuholen. Es ist nicht aller Tage Abend, aber wenn du erst einmal hinten dran bist, ist es doppelt schwer, das wieder aufzuholen. Das wird eine komplizierte Geschichte.
Einen kurzfristigen Weg aus der Krise sehen Sie demnach nicht?
Stuck: Das muss man sehen, da bin ich auch zu wenig drin. Dafür müsste man auch wissen, wie das aerodynamische Gesamtkonzept des Fahrzeugs ist und welche womöglich drastischen Maßnahmen ergriffen werden müssen, um das angesprochene Porpoising in den Griff zu bekommen. Gibt es da überhaupt die Zeit dazu oder muss ich erst wieder 500.000 Stunden im Windkanal testen?
Erwarten Sie, dass sich das dominante Team der vergangenen Jahr im Laufe der Saison noch im Titelkampf einmischt?
Stuck: Das erwarte ich schon, sonst wäre es nicht Mercedes. Ich glaube, dass Toto Wolff ordentlich Feuer unterm Hintern hat und das wieder gerade biegt. Wenn es drei Teams gibt, die einen solchen Rückstand aufholen können, dann sind es Ferrari, Red Bull und Mercedes. Ich bin überzeugt davon, dass man jetzt 24 Stunden am Tag Gas geben wird.
Im Titelkampf wird Sebastian Vettel in diesem Jahr mit ziemlicher Sicherheit nicht auftauchen. Aktuell sieht der Aston Martin ehrlicherweise ziemlich schlecht aus. Was macht Hoffnung?
Stuck: Bei Aston Martin ist der Saisonstart augenscheinlich nicht so erfolgt, wie man sich das vorgestellt hatte. Vom Team her haben sie alles, was man braucht, um sicher im vorderen Feld mitzufahren, aber sie müssen es auch umsetzen. Das ist immer die Krux.
Zu guter Letzt noch ihre EInschätzungen zum Hülkenberg-Comeback. Wie hat er sich als Vettel-Ersatz gemacht? Gestern vor dem Start sagte er ja, dass er rein rechnerisch noch Weltmeister werden könne?
Stuck: Ja! Ich habe mich nämlich riesig gefreut für Nico Hülkenberg, der in Saudi-Arabien ein starkes Rennen gefahren ist. Er selber hat von einem “geilen Rennen” gesprochen. Ich kenne ihn selber aus meiner Zeit bei Porsche, wo er Le Mans gefahren ist. Wenn Nico richtig Biss hat, dann ist er nicht zu schlagen. Auf der einen Seite wünscht man Sebastian Vettel natürlich, dass er wieder ins Auto kommt, aber ich würde mich auch freuen, wenn der Nico da weiterfahren würde. Weil der ist jetzt heiß. Am besten wäre ein drittes Auto. (lacht)
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So erklärt Verstappen seine Vertragsverlängerung bei Red Bull

Quelle: SNTV

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