Während die einen glauben, dass sich Hamilton die Möglichkeit offenhalten möchte, Ende 2021 als dann womöglich achtmaliger Weltmeister und alleiniger Rekordhalter zurückzutreten, vermuten andere, dass mit der kurzen Vertragsdauer auch die Weichenstellung des Mercedes-Teams für die Zukunft einhergehen könnte. Nicht ausgeschlossen, meinen manche, dass schon 2022 Max Verstappen und George Russell im Mercedes sitzen könnten.
Russell ist Mercedes-Junior und kann jederzeit ins Werksteam berufen werden, wenn Wolff das für sinnvoll hält. Und Verstappens Vertrag mit Red Bull läuft zwar bis Ende 2023, enthält aber eine Performance-Klausel, die ihm einen Teamwechsel ermöglicht, sollte ihm Red Bull kein siegfähiges Auto zur Verfügung stellen. Wie siegfähig genau definiert ist, entzieht sich allerdings unserer Kenntnis.
Kein Geheimnis ist, dass Wolff in der Vergangenheit ein freundschaftliches Verhältnis zu Jos Verstappen und Max' Manager Raymond Vermeulen gepflegt hat. Der Kontakt, heißt es, ist nie ganz abgerissen.
Formel 1
Schwierige Vorbereitung auf F1-Debüt: Schumacher stark beeinträchtigt
12/02/2021 AM 20:50
Allerdings konzentriert man sich bei Mercedes auf die Gegenwart, und die heißt Hamilton. Die Variante Verstappen wurde in Wolffs Online-Medienrunde zum neuen Hamilton-Vertrag nicht thematisiert.

F1: Viele Veränderungen stehen 2022 auf dem Programm

2022 wird in der Formel 1 ein komplett neues Reglement eingeführt. Da wäre es, könnte man vermuten, hilfreich, schon jetzt die Fahrer zu kennen, um diese vollintegriert in die Entwicklung einzubinden. Sollte Hamilton also nach 2021 weitermachen wollen, wäre es logisch gewesen, die Weichen dafür schon jetzt zu stellen.
Doch aus Teamsicht, unterstrich Wolff, spiele es im Hinblick auf die Regelreform "keine Rolle", welche Fahrer 2022 im Auto sitzen. Das sei rein Sache der Ingenieure: "Das Team muss seinen Weg gehen, was die Entwicklung betrifft."
"Unsere Aufgabe ist es, das bestmögliche Auto auf die Straße zu stellen für 2022. Und die bestmöglichen Fahrer im Auto zu haben. Deswegen wollen wir innerhalb dieses Jahres, im Sommer, die Entscheidung treffen: Was glauben wir, was ist die beste Fahrerpaarung für 2022 und auch die Jahre danach?"
Den 2021er-Vertrag hat Hamilton in der ersten Februar-Woche unterschrieben; ein paar Tage später erfolgte die offizielle Bekanntgabe. Über die wichtigsten Vertragsinhalte habe aber "schon Anfang des Jahres" Klarheit geherrscht.
In der Vergangenheit trafen sich Wolff und Hamilton schon mal zu einem "Küchengespräch", um die gemeinsame Zukunft zu besprechen. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie hat das diesmal "über Zoom stattgefunden, vor Weihnachten", verriet Wolff.
Die Verhandlungen seien "nicht schwierig" gewesen, aber: "Es geht dann ums Detail. Auch da sind immer wieder Dinge, die sich verändern. Das wirtschaftliche Umfeld hat sich verändert. Insofern haben wir dann halt ein paar Wochen damit verbracht, den Vertrag zu verhandeln."

Weltmeister Lewis Hamilton (links) und Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff

Fotocredit: Getty Images

Hamilton und Mercedes nehmen achten Titel ins Visier

In der Zeit, in der seine Zukunft geklärt werden musste, postete Hamilton auf Social Media Fotos vom Langlaufen, von seinen Nichten und Neffen, von seinem Hund Roscoe und beim Gitarre spielen unterm Weihnachtsbaum. Sein gesellschaftliches Engagement wird ihm immer wichtiger. Man hat den Eindruck: Dem 36-Jährigen würde auch ohne Formel 1 nicht langweilig werden.
Die Entscheidung, nur für ein Jahr zu verlängern, sei aber nicht allein seine gewesen: "Das war eine beidseitige Entscheidung", erklärte Wolff. "Aus zwei Hauptgründen. Einerseits, dass wir natürlich 2022 ein völlig neues Reglement haben, auch das Cost-Cap dabei eine Rolle spielt. Ansererseits haben wir in diesem Jahr einfach so lange zugewartet mit der Vertragshandlung, dass wir nicht noch ein zusätzliches Jahr diskutieren wollten für 2022 oder 2023."
Wolff entgegnete auf den Hinweis, dass nun das mediale Theater diesen Sommer wieder von vorn losgehen werde, mit einem Augenzwinkern: "Wir wollen euch ja Content verschaffen! Wir werden (...) das gleiche Theater im Sommer wieder veranstalten. Das wird ja super werden! Und wir werden uns vielleicht schon früher einig sein, wie wir weitertun wollen."
"Ich glaube, Lewis möchte alles darauf konzentrieren, bestmögliche Voraussetzungen zu schaffen, um diesen achten Titel zu fahren. Das ist mit Sicherheit nicht einfach, wenn man sich die Konkurrenzsituation anschaut. Gerade von Red Bull, die sehr gut aufgestellt sind meiner Meinung nach für 2021."
"2022 ist ein völlig neues Umfeld, ein verschärfter Cost-Cap - und auch ein völlig neues technisches Reglement. Gesamtwirtschaftlich gesehen haben wir auch ein schwieriges Umfeld, und deswegen haben wir uns beide gedacht, dass wir uns diese 2022er-Diskussion gern sparen wollen, um jetzt einfach mit der Saison zu beginnen", so Wolff.
"Wir haben im Ansatz darüber diskutiert, wie es denn weitergehen könnte. Aber Lewis brennt für das Rennfahren. Meiner Meinung nach hat er in keinster Weise an Leistung eingebüßt. Ganz im Gegenteil. Er versucht, sich jedes Jahr anzupassen, sein Training anzupassen, seine mentale Vorbereitung so zu gestalten, dass er performen kann. Deswegen sehe ich keinen Leistungsabfall."
"Ich bin davon überzeugt, dass er gern weiterfahren möchte, solange er auf diesem Niveau performt. In dieser Hinsicht haben wir noch nicht genau über die Zukunft gesprochen. Aber die Stiftung ist ein erster Meilenstein, der weit über dieses eine Jahr hinausgeht, dass wir ein Zeichen setzen wollen und dass wir gemeinsam zusammenarbeiten wollen", sagte der Österreicher.

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff (l.) im Gespräch mit Lewis Hamilton

Fotocredit: Getty Images

Mercedes: Russell noch kein Thema

Wie langfristig, das ist aber die große Frage. Zumindest hinter 2021 habe jedoch nie ein Fragezeichen gestanden. Das Worst-Case-Szenario, dass am Ende Russell statt Hamilton im Mercedes sitzen könnte, habe es nicht gegeben, "weil wir immer klar waren, dass wir miteinander weitertun wollen", versicherte Wolff. "Das haben wir auch das ganze Jahr so besprochen. Sowohl er als auch wir haben mit niemandem anderen verhandelt."
Über harte Zahlen haben Mercedes und Hamilton Stillschweigen vereinbart. In den Medien ist von einer Jahresgage von mehr als 40 Millionen Euro die Rede. Ob das stimmt, darüber kann nur spekuliert werden. "Zum Gehalt wollen wir glaube ich nicht Details diskutieren", winkte Wolff ab.
Klar ist aber: Mitten in der Coronakrise und einer herausfordernden Zeit für die Automobilindustrie, die sich gerade nach und nach vom Verbrennungsmotor verabschiedet, wäre es im Konzern schwierig darstellbar gewesen, Hamilton jenes astronomische Gehalt zu bezahlen, das er aufgrund seiner Erfolge und seines Marktwerts über die Grenzen des Motorsports hinaus womöglich verdienen würde.
Spekulationen, dass Hamilton Mercedes in der Gehaltsfrage entgegengekommen ist, bestätigte Wolff indirekt, wenn er sagte: "Wir leben in einer unheimlich schwierigen Zeit - menschlich, gesundheitlich und auch wirtschaftlich. Die Autoindustrie erfindet sich gerade neu, mit einem Investitionsfokus auf Elektromobilität. Das ist einfach die Situation."
"Das war aber für Lewis auch immer klar. Er hat hier immer Loyalität zum Konzern und zur Entwicklung des Unternehmens gezeigt. Deswegen war das nicht wirklich ein hartes Topic."
Das könnte Dich auch interessieren: Abschied aus der Formel 1? Alfa Romeo angeblich vor Wechsel
(Motorsport-Total.com)

Mammutprogramm: So sieht der Formel-1-Kalender 2021 aus

Formel 1
Motor-Entwicklungsstopp: Red Bull lässt die Bagger anrollen
12/02/2021 AM 16:39
Formel 1
Entwarnung bei Alonso: Saisonstart nach Unfall wohl nicht in Gefahr
12/02/2021 AM 11:55