2016 krönte sich Nico Rosberg zum erst dritten deutschen Weltmeister in der Geschichte der Formel 1 nach Michael Schumacher und Sebastian Vettel. Seither engagiert sich der Wiesbadener für den Klimaschutz und tritt seit der vergangenen Saison mit seinem eigenen Rennstall "Rosberg X Racing" in der Extreme E an.
Dort duelliert er sich mit seinem früheren Mercedes-Teamkollegen und Rekordweltmeister Lewis Hamilton, dessen Team "X44" ebenfalls in der Rennserie mit Elektromotoren antritt. Im exklusiven Interview mit Eurosport.de spricht Rosberg über sein Engagement in der Extreme E, Frauen in der Formel 1 und die Entwicklung von Mick Schumacher.
Zudem blickt der frühere Weltmeister auf seinen hitzigen Zweikampf mit Hamilton in der F1-Saison 2016 zurück und sagt: "Ich bereue da gar nichts."
Formel 1
Rassismus und Homophobie: Früherer Formel-1-Weltmeister muss vor Gericht
UPDATE 12/07/2022 UM 10:47 UHR
Das Interview führte Pascal Steinmann.
Herr Rosberg, Sie starten mit Ihrem eigenen Team "Rosberg X Racing" in der Extreme E. Was sind Ihre Beweggründe, in den Motorsport mit elektrischem Antrieb zu investieren?
Nico Rosberg: Die Elektromobilität ist eine entscheidende Technologie unserer Zukunft, um die Bewegung von A nach B nachhaltig zu gestalten. Daher unterstütze ich die E-Mobilität inzwischen seit fünf Jahren. Direkt nach meinem Formel-1-Titel haben mich viele Leute sehr kritisch betrachtet, als ich auf diesen Zug umgestiegen bin, nach dem Motto: "Was möchte er denn dort, was ist das denn für ein Quatsch?" Daher finde ich es toll, mit der E-Mobilität auch Racing zu betreiben.
Warum ausgerechnet die Extreme E?
Rosberg: Das ist eine Serie, die auf einem sozialen Problem aufbaut: dem Klimawandel. Zusätzlich ist es toll, meine Leidenschaft für den Rennsport mit dem wertebasierten Kampf gegen den Klimawandel kombinieren zu können. Außerdem ist die Gleichberechtigung in der Extreme E faszinierend. Jedes Team hat eine Pilotin und einen Piloten. Es macht großen Spaß, diese Zusammenarbeit zu sehen.
In Silverstone fuhr Sebastian Vettel im historischen Williams von Nigel Mansell aus dem Jahr 1992 mit klimaneutralem Kraftstoff. Inwieweit muss das die Zukunft der Formel 1 sein?
Rosberg: Wir wissen, dass der synthetische Kraftstoff künftig bei anderen Mobilitätsanwendungen, wie zum Beispiel Lastkraftwagen, Flugzeugen oder Schiffen zum Einsatz kommt. Daher ist es sinnvoll für die Formel 1. In den herkömmlichen Autos wird diese Technik allerdings nicht eingesetzt werden, weil es zu teuer ist. Aber wenn die Formel 1 Pionier für andere Mobilitätsanwendungen sein kann, ist das relevant und ich finde diesen Weg gut. Nichtsdestotrotz muss der synthetische Kraftstoff auch klimaneutral am Auto ankommen.

Sebastian Vettel im Williams von Nigel Mansell

Fotocredit: Getty Images

Können Sie das konkretisieren?
Rosberg: Wenn Sebastian Vettel im Auto von Nigel Mansell fährt, muss die Lieferkette ebenfalls klimaneutral sein. Das darf man nicht außer Acht lassen.
Vettel macht sich nun bereits während seiner Karriere für Klimaschutz stark, kassiert dafür als F1-Pilot aber oft Gegenwind. Wie glaubwürdig kann ein aktiver F1-Pilot für Klimaschutz eintreten?
Rosberg: Ich hätte erwartet, dass es unmöglich ist, das für die Menschen glaubwürdig herüberzubringen. Aber Sebastian macht das aus tiefster Überzeugung und das finde ich sehr schön.
Aber?
Rosberg: Das Racing birgt einen Konflikt. Einerseits ist er emotional im Kampf gebunden, die Umwelt mit vielen Aktionen zu unterstützen. Andererseits trägt er mit den Reisen und der Spritverbrennung selbst zum Klimawandel bei. Aber es ist leider so, dass seine große Leidenschaft derzeit noch nicht klimaneutral funktioniert. Und dieser Passion möchte er einige weitere Jahre nachgehen. Aber ich finde es löblich, dass er sich für diesen Bereich so stark macht - und es kommt auch authentisch rüber.

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Wäre es dann aber nicht die konsequente Entscheidung, die Formel-1-Karriere an den Nagel zu hängen?
Rosberg: Seine größte Leidenschaft an den Nagel zu hängen, wäre viel verlangt. Aber wenn er sich gleichzeitig für den Kampf gegen den Klimawandel engagiert und das Thema unterstützt, ist das in Ordnung.
Eine Freundschaft kann es nicht geben, wenn man im Duell Eins-gegen-eins um jeden Sieg und um Titel kämpft.
Sie haben angesprochen, dass es in der Extreme E Parität gibt. Sophia Flörsch kündigte kürzlich forsch an, in vier bis fünf Jahren in der Formel 1 zu starten. Inwiefern trauen Sie Ihr den Sprung in die Königsklasse des Motorsports zu?
Rosberg: Ich würde es nicht ausschließen. Es wird auf jeden Fall bald eine Frau in der Formel 1 geben - egal, ob Sophia oder jemand anderes. Aber man kann das in der Extreme E schön beobachten: Wenn Frauen eine echte Chance erhalten, beflügelt sie das unglaublich. Leider bekommen sie häufig eben nicht die gleichen Möglichkeiten.
Deswegen hat Alpine zuletzt das Projekt "Rac(h)er" ins Leben gerufen, mit dem Frauen im Motorsport gefördert werden sollen. Wie wichtig wäre in naher Zukunft eine Pilotin für die Formel 1?
Rosberg: Das wäre grandios! Und dann hoffentlich auch nicht nur eine. Aber das Problem ist: Es versuchen eben deutlich mehr Jungs als Mädchen, den Sprung zu schaffen. Bis man dann die größten Talente findet, dauert es entsprechend länger.

Sophia Flörsch kritisiert fehlende Gleichberechtigung im Motorsport:

Fotocredit: Imago

Wie wichtig finden Sie, dass ein Team wie Alpine sich für die Entwicklung von Frauen starkmacht?
Rosberg: Das finde ich genial, denn solche Initiativen geben Frauen eine Chance. Und es wäre natürlich umso besser, je mehr Rennställe sich für Gleichberechtigung engagieren würden. Es geht aber nicht nur um das Thema Frau oder Mann.
Wie meinen Sie das?
Rosberg: Es geht beispielsweise auch um die Hautfarbe. Da muss man mehr tun, gerade im Motorsport. Wenn man sich das Fahrerlager in der F1 anschaut, sind da viele weiße Menschen und nur ganz wenige Frauen. Und es wäre schön, wenn wir das ändern könnten.
Kommen wir von der Zukunft in die Gegenwart. Mick Schumacher hat nun zwei Mal in Folge WM-Punkte eingefahren. Wie bewerten Sie seine Entwicklung?
Rosberg: Mick hat schwierige Wochen hinter sich und wir freuen uns daher alle, dass er nun einen schönen Durchbruch geschafft hat. Die Formel 1 ist schnelllebig. Er musste viel Kritik einstecken. Wenn ich in diesen Tagen die Zeitungen aufschlage, lese ich überhaupt keine Kritik mehr über ihn.
Wie erklären Sie sich das?
Rosberg: Es hat nur ein Rennen benötigt, einen achten Platz, ein cooles Duell mit Verstappen in Großbritannien und schon ist alles wieder vergessen. Das ist das Verrückte an unserem Sport, aber auch das Schöne für Mick. Psychologisch ist das für ihn unheimlich viel wert, denn er findet nun eine positive mentale Spirale. Das trägt ihn und das hilft ihm in den kommenden Rennen.
Hans-Joachim Stuck hat im exklusiven Interview bei Eurosport gesagt, dass Schumacher oben auf der Liste stehen wird, wenn sich das Fahrerkarussell bei einem Top-Team drehen sollte. Was fehlt ihm noch, um diesen Schritt zu gehen?
Rosberg: Das sehe ich nicht so, er braucht noch Zeit in seiner Entwicklung. Das haben die zurückliegenden Rennen gezeigt. Deswegen wäre es für ihn sinnvoll, sich Zeit zu nehmen, bevor er ein Spitzenteam anpeilt. Das haben wir auch bei George Russell gesehen, der drei Jahre bei Williams gefahren ist und dann bereit war für den Aufstieg zu Mercedes. Da muss man nichts überstürzen.
Schumacher zeichnet eine besondere Beziehung zu Vettel aus. Inwieweit kann es in der Formel 1 Freundschaften geben - oder geht das nur, solange man nicht um Siege und Titel kämpft?
Rosberg: Eine Freundschaft kann es nicht geben, wenn man im Duell Eins-gegen-eins um jeden Sieg und um Titel kämpft. Ich glaube, das geht nicht. Es steht so viel auf dem Spiel, das funktioniert auf Dauer nicht. Aber Mick und Sebastian sind keine Rivalen um Platz eins.

Sebastian Vettel und Mick Schumacher

Fotocredit: Getty Images

Welchen Unterschied würde das machen?
Rosberg:Mick ist Sebastian in Miami ins Auto gefahren. Wäre es um den ersten Rang gegangen, wäre Vettel nach dem Rennen ganz anders drauf gewesen. So ging es eben um die hinteren Plätze, da kann man dann darüber hinwegsehen. Es ist doch unheimlich schön, dass Sebastian seinen Kumpel Mick derart unterstützt. Aber zum Thema Freundschaft ist die Extreme E ein gutes Beispiel.
Warum ist die Extreme E diesbezüglich speziell?
Rosberg: Diese Verbindung zwischen unseren beiden Fahrern ist einzigartig, das kenne ich so nicht. Mikaela [Ahlin-Kottulinsky, Anm. d. Red.] kann ohne Johan [Kristoffersson, Anm. d. Red.] nicht gewinnen und umgekehrt. Und deswegen verstehen sich beide super, arbeiten hart zusammen, bis tief in die Nacht. Diese Verbindung macht wirklich Spaß.
Zuletzt ging eine Szene durch die sozialen Medien, auf denen sich die vier Titelrivalen der F1 gemeinsam ein Handyvideo ansehen und sich köstlich amüsieren. Max Verstappen tröstete Charles Leclerc nach dem Silverstone GP. Wie überraschend ist es, dass man sich dort an der Spitze so gut zu verstehen scheint?
Rosberg: Beide kennen sich seit der Kindheit und respektieren sich, da sie wissen, dass sie grandiose Talente sind. Aber ich denke nicht, dass diese Szenen das Gesamtbild darstellen. Das sind Momentaufnahmen, die man zwischen mir und Lewis auch hätte finden können, dass wir zusammen lachen. Im Großen und Ganzen geht es da intensiv zur Sache. Auch wenn Charles weit zurückliegt in der WM. Er ist keine unmittelbare Bedrohung für Max. Und komischerweise hatten die beiden bisher wenige sehr enge oder kontroverse Situationen miteinander. Aber darauf warten wir noch, dann sieht das wieder anders aus (lacht).

Lewis Hamilton (l.) und Nico Rosberg (r.)

Fotocredit: SID

Sie sprechen Ihre Beziehung zu Lewis Hamilton an. 2008 standen Sie in Australien gemeinsam auf dem Podest und lagen sich in den Armen. Wo zwischen Melbourne 2008 und Abu Dhabi 2016 ist diese Freundschaft zerbrochen?
Rosberg: Das ist sofort passiert, als wir um die WM gekämpft haben. Vorher nicht. Aber das ist immer so: Wenn man um den Erfolg in jedem Rennen und um Titel kämpft, geht das nicht mehr.
Gab es einen konkreten Auslöser oder ein bestimmtes Rennen?
Rosberg: Nein, das ist ein Aufbau von einem Rennen zum nächsten gewesen. Wenn man die Weltmeisterschaft für sich entscheiden will, kann man nicht "Friede, Freude, Eierkuchen" spielen. Du musst Grenzen ausloten und in Grauzonen gehen, um zu gewinnen. Gerade wenn zwei Fahrer auf einem so hohen Level sind. Und dann wird es oft eng.
Es wird auf jeden Fall bald eine Frau in der Formel 1 geben
Inwieweit bereuen Sie, dass damals etwas zerbrochen ist?
Rosberg: Ich bereue da gar nichts. Das war eine sensationelle Zeit und ein mega Fight. Darauf bin ich sehr stolz. Inzwischen sind wir auch wieder neutral unterwegs, das ist schon okay. Und das Witzige ist, dass wir in der Extreme E erneut gegeneinander kämpfen.
Sie haben sich im vergangenen Jahr mit Ihren Teams ein großartiges Duell geliefert.
Rosberg: Wir hatten Punktgleichstand am Ende der Saison, aber wir haben mehr Siege für uns verbucht. Das muss man sich mal vorstellen. Und wir wussten vorher nicht von den Plänen des anderen, haben parallel unsere Rennteams aufgebaut. Alejandro Agag [Geschäftsführer der Extreme E, Anm. d. Red.] hat weder mir noch Lewis verraten, dass er parallel mit dem anderen das Gleiche vorhat (lacht). Wir haben auch innerhalb von ein paar Wochen unsere Teams verkündet. Das war total cool.

Rosberg jubelt: Überlegener Sieg von Hamilton-Team reicht nicht zum Titel

Auch in dieser Saison kämpfen Sie um den Titel.
Rosberg: Dieses Jahr geht es wieder drunter und drüber. Das Hamilton-Team ist Dritter, wir führen die WM an. Aber es ist großartig, dass wir dieses Duell wieder aufleben lassen.
Geht es in erster Linie um den sportlichen Erfolg oder um die Botschaft in der Extreme E?
Rosberg: Wir sind natürlich alle Wettkämpfer und wollen gewinnen. Insofern steht der sportliche Erfolg im Fokus. Aber wir möchten einen genauso großen Fokus auf den sozialen Beitrag legen. In Sardinien unterstütze ich eine Aufforstungsinitiative. Vor eineinhalb Jahren gab es da so große Waldbrände wie nie zuvor. Wir pflanzen dort im Rahmen unserer Driven By Purpose Kampagne 5.000 Bäume und unterstützen Jugendinitiativen, die Kinder in die Bekämpfung des Klimawandels einbinden. Wir bemühen uns, einen Beitrag zu leisten - und auch zu inspirieren.
Wie groß ist Ihr Einfluss in der Extreme E?
Rosberg: Ich kann natürlich etwas beitragen und werde auch gehört. Es gibt dort nicht allzu viele, die mehr Rennsporterfahrung als ich haben. Zudem sind wir von Beginn an das dominante Team. Was uns auszeichnet, ist, dass unser Team das Formel-1-Level einbringt, sowohl in der Detailarbeit als auch in der Vorbereitung sowie in der Aufarbeitung. Das haben unser Teamchef Kimmo Liimatainen und ich eingeführt.
Wie bedeutend wäre es für die Extreme E, prominente deutsche Fahrer zu gewinnen?
Rosberg: In Timo Scheider fährt ein ehemaliger DTM-Champion, ich bin als Teambesitzer vor Ort. Klar, ein Nico Hülkenberg wäre natürlich noch klasse. Schöner und wichtiger wäre ein deutsches Rennen. Da fehlt uns aber derzeit die Location. Es müsste eher im Norden sein, damit das Schiff St. Helena [mit dem die Fahrzeuge in der Extreme E transportiert werden, Anm. d. Red.] ankommen kann. Idealerweise in der Nähe von Hamburg, aber das ist die Herausforderung. Also wenn Sie da eine Idee haben, dann bitte melden (lacht).
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