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Jerome Boateng schildert im "SZ"-Interview Hetze und Verschleiß als Fußball-Profi

"Wie ein anderer Körper" - Boateng schildert Hetze und Verschleiß

10/11/2017 um 12:05Aktualisiert 10/11/2017 um 15:18

Jérôme Boateng vom FC Bayern spricht im Interview mit der "SZ" offen über seine "finstere Zeit" und die stetig ansteigenden Belastungen im Profi-Fußball, die aus seiner Sicht auch mal "sicher grenzwertig" sind. Der 29-jährige Abwehrspieler befindet sich nach anderthalbjähriger Leidenszeit mit vielen Verletzungen aktuell auf dem Weg zur Topform.

"Wenn sich schon Thomas Müller, der gar keine Muskeln hat, an den Muskeln verletzt, wird es allmählich bedenklich." Diese süffisante Aussage von Jérôme Boateng über seinen Teamkollegen vom FC Bayern ist die heiterste Passage in einem ansonsten eher witzfreien "SZ"-Interview mit dem 29-jährigen Abwehrspieler, das am Freitag erschien. Es ist geprägt von offenen Antworten zu Hetze und Verschleiß im Leben eines "modernen" Fußball-Profis.

Anderthalb Jahre hat sich Boateng in der jüngsten Vergangenheit mit vielen Verletzungen herumgeplagt, eine lange Zeit, die Boateng selbst als "finster" bezeichnet. Sie begann mit einem Muskelbündelriss im Januar 2016, es folgten ein weiterer Muskelbündelriss im EM-Halbfinale sowie eine schwere Sehnenverletzung in der Schulter und als Folge Oberschenkel- und Adduktorenprobleme. So richtig in Topform sei er nach eigener Aussage zuletzt im EM-Viertelfinale, also im Juli 2016, gewesen.

" Schwer war die Zeit vor allem nach der Schulterverletzung. Ich konnte nach drei Monaten zwar wieder spielen, aber das war nicht derselbe Boateng. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich einen anderen Körper."

Konkret beschreibt Boateng, wie er danach gelernt habe, dass im menschlichen Körper alles mit allem zusammenhängt.

" Mir fehlte im Schulterbereich komplett die Kraft, weil die Muskulatur sich zurückgebildet hatte. Und wenn ich im Spiel an der Schulter müde wurde, habe ich falsche Bewegungen gemacht und fehlbelastet, und dann ging's diagonal durch den Körper."

Besonders bitter war auch die Erkenntnis, im aktuellen Geschehen kaum Zeit sei, vernünftig vorzubeugen. Wenn die Verletzung ausgeheilt sei, gehe es sofort weiter. Eines wolle Boateng in Zukunft nie mehr machen: "Zu schnell zu viel wollen."

Es ist der bekannte Zwiespalt eines jeden ambitionierten Sportlers zwischen Vernunft und Ehrgeiz. "Niemand geht zum Trainer und sagt: Trainer, lass mich raus, ich bin ein bisschen müde", merkt Boateng an.

Einen speziellen "Gruß" schickte er dabei auch an seinen Arbeitgeber FC Bayern, der im Sommer zum wiederholten Mal zur Promo-Tour in den fernen Osten aufgebrochen war. "So viele Jahre in diesem Rhythmus: Das kann nicht spurlos an einem vorbeigehen. Wir spielen ja nicht nur, wir fliegen zwischendurch mal eben nach China. Wir sind ständig auf Tour, und dann sagt der Körper halt mal: Ich bin auch noch da!"

Löw schont ihn gegen England

Die Reha-Phase hat Boateng auch genutzt, seine Lehren zu ziehen, sich selbst zu reflektieren, um nach der WM 2018 in Russland möglicherweise auch noch die EM 2020 spielen zu können. Er wolle sich vor allem bemühen, "den Kopf runterzufahren", die Themen "Pflege und Ernährung" mehr in den Fokus zu rücken.

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