Die Zuschauer in der Allianz Arena kennen Lucas Hernández bereits, aber es steht zu vermuten, dass sie ihn nicht wahrgenommen haben im Dezember 2016. Damals gastierte Atlético Madrid beim FC Bayern, Hernández absolvierte 90 unscheinbare Minuten, sein Team verlor 0:1.

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28/03/2019 AM 09:26

Bald werden die Fans in München-Fröttmaning genauer hinschauen. Ab Sommer ist der mit Abstand teuerste Einkauf der Bayern-Geschichte zu begutachten, live und in Farbe. 80 Millionen Euro zahlt der Rekordmeister für Hernández, einen "der besten Defensivspieler der Welt", wie Sportdirektor Hasan Salihamidzic sagt.

Hernández: Gefühlter Spanier, Weltmeister mit Frankreich

Hernández ist ein spanischer Franzose. Geboren wurde er in Marseille, und als er vier war, zog die Familie nach Madrid. Heute, mit 23, spricht er besser Spanisch als Französisch, wurde aber Weltmeister 2018 mit Frankreich; für die Équipe Tricolore hatte er sämtliche U-Auswahlteams durchlaufen.

Lucas Hernández (r.) beim WM-Triumph 2018 mit Frankreich

Fotocredit: Getty Images

Dabei hoffte Hernández vor der WM sehnlichst auf einen Anruf des damaligen spanischen Nationaltrainers Julen Lopetegui. "Spanien hat mir alles gegeben", sagte er und bewarb sich mehr oder weniger öffentlich für einen Platz im Aufgebot: "Ich sehe mich als Spanier. Wenn mein spanischer Pass bald da ist, wäre es eine Ehre, für die Nationalmannschaft zu spielen."

Auf den Pass wartet er bis heute. Dafür klingelte bald das Telefon. Am Apparat war nicht Lopetegui.

Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps meldete sich, und Hernández "musste keine Minute überlegen, nicht mal 30 Sekunden. Ich habe sofort ja gesagt und werde dieses Trikot bis zu meinem Tod verteidigen." Im März debütierte er, inzwischen sind 15 Länderspiele notiert, sieben davon bei der Weltmeisterschaft.

Lucas Hernández: "Mein Vater hat in seiner Rolle versagt"

Es hatte seinen Grund, warum Hernández als Kind nach Spanien übersiedelte: den Job des Vaters. Jean-François Hernández war ebenfalls Fußballer, 2000 kam er zu Atlético, blieb nicht lange, initiierte aber die Karriere seiner Söhne. Auch Theo, ein Jahr jünger als Lucas, brachte es zum Profi, 2017 wechselte er von Atlético zu Real Madrid und ist aktuell an Real Sociedad verliehen.

So viel zum erfreulichen Teil.

Tatsächlich wird die Geschichte eines Dramas erzählt. Quasi über Nacht verschwand Jean-François Hernández einst nach Thailand und kappte jede Verbindung. Als Lucas im Oktober 2018 von "Le Parisien" gefragt wurde, ob er sich Kontakt wünsche, setzte es eine direkte Antwort:

Nein. Es sind jetzt 12, 13 Jahre, in denen wir nichts Neues gehört haben - auch nicht nach dem WM-Triumph.

Inzwischen ist Lucas selbst Vater (von Sprössling Martin), was seinen Blick differenzierte:

Mir ist noch bewusster, dass er in seiner Rolle als Vater versagt hat. Wenn ich ihn morgen treffe, werden wir uns unterhalten. Aber eines ist sicher: Ich kann mir nicht vorstellen, meinen Sohn aufzugeben. Das werde ich niemals machen, für nichts in der Welt. Und wenn ich unter der Brücke schlafen müsste, damit mein Sohn glücklich ist, würde ich es tun.

Alles, was ihn ausmache, habe er Mutter Py Laurence zu verdanken. "Alles."

Atlético-Trainer Simeone rühmt Hernández als "Monster"

Ein "ehrlicher Mensch" sei er, sagt Hernández von sich, weshalb es unmöglich gewesen sei, Herzensklub Atlético für Erzrivale Real zu verlassen. Begonnen hatte seine Laufbahn bei Rayo Majadahonda, mit elf schloss er sich Atlético an, im Dezember 2014 folgte das Profi-Debüt.

Trainer Diego Simeone erinnert sich: "Sie sagten mir, er ist erst 17 und muss gegen Cristiano Ronaldo spielen, du verheizt ihn. Aber er spielte wie ein Tier." Der endgültige Durchbruch aber dauerte bis zur Vorsaison, als Hernández in der Abwehr die Atlético-Legende Filipe Luis verdrängte.

Lucas Hernández (r.) wechselt zum FC Bayern

Fotocredit: Getty Images

Simeone rühmte Krieger-Mentalität:

Er spielt schon auf einem unglaublichen Level. Ich denke oft: Wenn ich zehn Spieler mit seiner Einstellung hätte, würde ich kein einziges Spiel verlieren.

Hernández beschreibt sich als jemand, "der sich den Arsch aufreißt". In 110 Einsätzen für Atlético spielte er 56 Mal außen und 52 Mal innen, mit kraftvollem Elan rennt er die linke Linie auf und ab, zentral verteidigt er wie ein "Monster", sagte Simeone. Diese Attitüde wird Bayern-Coach Niko Kovac gefallen.

Hernández: Erst häusliche Gewalt, dann Hochzeit

Das bewegte Leben des Lucas Hernández hat eine weitere Episode zu bieten. Anfang 2017 wurde der Fußballstar wegen einer körperlichen Auseinandersetzung mit Freundin Amelia um 2:30 Uhr festgenommen. Beide mussten 31 Tage gemeinnützige Arbeit leisten, das Gericht verhängte ein sechsmonatiges Kontaktverbot.

Vier Monate nach dem Vorfall heiratete das Paar in Las Vegas.

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