Das Reden überlässt er anderen. Auch nach über 20 Jahren im Management von Borussia Dortmund drängt sich Michael Zorc nicht in den Vordergrund. Hin und wieder, wenn es sein muss, erklärt er sich aber.

Erst vor kurzem sah er sich in der Pflicht, das zu tun. Der BVB verkaufte Verteidiger Abdou Diallo für über 30 Millionen Euro an Paris Saint-Germain - eine Aktion, die überraschte und in der Öffentlichkeit durchaus kritisch beäugt wurde.

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"Abdou hat für sich entschieden, dass er eine andere Herausforderung annehmen möchte und für uns hat es wirtschaftlich gepasst. Deshalb haben wir dem Wechsel zugestimmt", begründete Zorc den Transfer.

Profitabel für den Verein und clever für die Mannschaft. Das Mantra, mit dem es Zorc schafft, den BVB seit Jahren ganz oben mitspielen zu lassen.

BVB: Zorc ist in Krisenzeiten erstarkt

Der 56-Jährige hat sich einen Namen gemacht in der Liga mit seinem wirtschaftlich klugen Handeln, das den BVB ganz nebenbei zu einem Spitzenteam werden ließ. Länger als er hielt es in den vergangenen Jahren kein Bundesliga-Manager aus. Und das bei Borussia Dortmund. Bei dem Verein, der 2004 hauchdünn an der Insolvenz vorbeigeschrammte. Es war eine Zeit, die Zorc prägte und in der er die Weichen stellte für die erfolgreiche Zeit, die folgen sollte.

Hans-Joachim Watzke (l.) und Michael Zorc von Borussia Dortmund

Fotocredit: Getty Images

"Wir waren von anderen Faktoren, von Gesellschaften und Banken abhängig. Das war kein gutes Gefühl. Danach haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, dass dieser großartige Klub nie wieder in eine solche Situation kommen sollte", sagte er in einem Interview mit der "11 Freunde" im Jahr 2012. Dafür hat Zorc alles getan.

Transferphilosophie - aus der Not eine Tugend gemacht

Direkt nach seinem Karriereende bei Borussia Dortmund wechselte Zorc ins Management, anfangs als Assistent. Seit 2005 ist er Sportdirektor. Eine fachliche Ausbildung hatte er nicht, auch die finanziellen Schwierigkeiten überblickte er erst spät. Doch er arbeitete sich akribisch hinein, in die finanziellen Strukturen seines Herzensvereins.

"Ich wollte damals einfach nicht scheitern, das war meine große Motivation", erklärte Zorc vor ein paar Jahren bei "Spox" seinen Antrieb. Die finanziell klammen Zeiten des BVB zu Beginn des Jahrtausends nach dem Börsengang sind der Ausgangspunkt und der ganz unmittelbare Grund für Dortmunds Transferstrategie - bis heute.

Talente holen - Spieler besser machen

Denn obwohl sich die Schwarz-Gelben inzwischen Transfers im mittleren zweistelligen Millionenbereich durchaus leisten können (der Transfer von Mats Hummels für etwas mehr als 30 Millionen Euro ist der teuerste der Klubgeschichte), die Philosophie ist eine andere. "Es kommt darauf an, Jungs für uns zu gewinnen, die noch nicht auf einem absoluten Toplevel sind. Wir bringen sie dahin", erklärte der frühere Mittelfeldspieler im "kicker".

Das Paradebeispiel ist derzeit Jadon Sancho, den die Dortmunder vor zwei Jahren für knapp acht Millionen Euro aus der Jugend von Manchester City loseisten und der in der vergangenen Saison die größte Leistungssteigerung hinlegte. Sein Marktwert liegt inzwischen bei 100 Millionen Euro (Quelle: "transfermarkt.de").

Jadon Sancho - BVB

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Zorc und Mislintat landen Transfercoups

Nicht nur vielversprechende Toptalente gehören zum Beuteschema des BVB, auch Geheimtipps, die bei anderen Vereinen unter dem Radar laufen und ihr Potenzial nicht völlig ausschöpfen. Neben Zorc ist dafür jahrelang Chefscout Sven Mislintat verantwortlich gewesen.

Robert Lewandowski wechselte 2010 für 4,5 Millionen Euro von Lech Posen zum BVB und avancierte dort zum Weltklassestürmer. Shinji Kagawa bewegte Zorc zur Unterschrift bei den Dortmundern, als er in der zweiten japanischen Liga spielte. Die Ablösesumme: 300.000 Euro.

Im Laufe der Jahre hat sich der BVB ein gewisses Standing erarbeitet, das auch Transfers von größeren Namen möglich machte. Zum Beispiel entschied sich der heiß umworbene Axel Witsel nach überragender WM im belgischen Nationaltrikot für einen Wechsel nach Dortmund - obwohl er dort erhebliche Gehaltseinbußen hinnehmen musste. Bei Tianjin Quanjian verdiente er schätzungsweise 18 Millionen Euro, nach dem Wechsel "nur" noch rund 7,5 Millionen.

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BVB-Duftmarke im Konkurrenzkampf mit Bayern

"Es gelingt nun zwar schneller, Spieler davon zu überzeugen, zu uns zu wechseln. Durch die Erfolge der letzten Jahre sind Erwartungshaltung und Ansprüche aber deutlich gestiegen, auch an uns selbst", erklärte Zorc bei "Spox".

Im "kicker"-Transferranking der vergangenen Saison belegte der BVB - wenig überraschend - Platz eins. Und auch in diesem Transfersommer legte der BVB ordentlich vor, schnappte sich Julian Brandt, dazu Außenverteidiger Nico Schulz und Mittelfeldspieler Thorgan Hazard - und natürlich Top-Transfer Hummels. Indes herrscht beim FC Bayern noch immer Ernüchterung.

Erste Duftmarken hat der BVB im Konkurrenzkampf gesetzt. Zuletzt war es Zorcs Aufgabe, den Kader weiter auszudünnen. Diallo war erst der Anfang, es folgten Alexander Isak (Real Sociedad), Jeremy Toljan (US Sassuolo, Leihe), André Schürrle (Spartak Moskau), Sebastian Rode (Eintracht Frankfurt), Maximilian Philipp (Dinamo Moskau) und Shinji Kagawa (Real Saragossa).

Nach 41 Jahren in Schwarz-gelb hat Zorc einen guten Überblick darüber, wie viel der Verein wann braucht und verträgt. Jetzt bläst er mit dem BVB zum Großangriff. Aber eben auf seine Weise. Laute Töne hört man eher von anderen.

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